Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 7. Zürich, 1743.

Bild:
<< vorherige Seite
Von den poetischen Zeiten
Die Vrow sprach nu volge mir
Vnd hoer was ich sag dir.
Ain guoten rat wil ich dir geben
Das du wol macht behan din leben.
Wir sond minen man usgraben
Vnd muessen ainen haelsig haben,
In ziehen an des Galgen matt
Vnd henken an des tieben statt.
Das rat ich uff die trauwe min.
Wolher ich wil din helfer sin.
Der man tett das sy im riet,
Von dem toten si sich schied.
Das was ain jaemerlicher rat.
Wol im der nutz ze tuond hat
Mit boesen wiben der hertze stat
Vff Schalkait und vff Missetat.

Jch erinnere mich nicht, daß diese Erzehlung,
aus welcher La Fontaine und St. Evremond so
viel machen, von einem Deutschen seithero in
Versen beschrieben worden sey; Philander von
Sittenwald hat sie in dem Gesichte von dem
Weiberlobe in Prosa verfasset.

Man weis, was vor eine zärtliche Furcht
die Franzosen vor den ungewöhnlichen Wörtern
haben, welche entweder zu neu oder aus der Mo-
de sind; nichtsdestoweniger haben sie es La Fon-
taine verziehen, daß er Marots veralterte Spra-
che in der Erzehlung seiner Fabeln und Mährgen
angebracht hat, wo er es mit Artigkeit hatte thun
können. Diese Artigkeit entsteht durch die be-
sondere Bestimmung eines Begriffes, durch
das natürliche Wesen, durch die Kürtze eines

Aus-
Von den poetiſchen Zeiten
Die Vrow ſprach nu volge mir
Vnd hoer was ich ſag dir.
Ain guoten rat wil ich dir geben
Das du wol macht behan din leben.
Wir ſond minen man usgraben
Vnd mueſſen ainen hælſig haben,
In ziehen an des Galgen matt
Vnd henken an des tieben ſtatt.
Das rat ich uff die trûwe min.
Wolher ich wil din helfer ſin.
Der man tett das ſy im riet,
Von dem toten ſi ſich ſchied.
Das was ain jæmerlicher rât.
Wol im der nùtz ze tuond hat
Mit bœſen wiben der hertze ſtat
Vff Schalkait und vff Miſſetat.

Jch erinnere mich nicht, daß dieſe Erzehlung,
aus welcher La Fontaine und St. Evremond ſo
viel machen, von einem Deutſchen ſeithero in
Verſen beſchrieben worden ſey; Philander von
Sittenwald hat ſie in dem Geſichte von dem
Weiberlobe in Proſa verfaſſet.

Man weis, was vor eine zaͤrtliche Furcht
die Franzoſen vor den ungewoͤhnlichen Woͤrtern
haben, welche entweder zu neu oder aus der Mo-
de ſind; nichtsdeſtoweniger haben ſie es La Fon-
taine verziehen, daß er Marots veralterte Spra-
che in der Erzehlung ſeiner Fabeln und Maͤhrgen
angebracht hat, wo er es mit Artigkeit hatte thun
koͤnnen. Dieſe Artigkeit entſteht durch die be-
ſondere Beſtimmung eines Begriffes, durch
das natuͤrliche Weſen, durch die Kuͤrtze eines

Aus-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <lg type="poem">
          <pb facs="#f0052" n="52"/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Von den poeti&#x017F;chen Zeiten</hi> </fw><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Die Vrow &#x017F;prach nu volge mir</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Vnd hoer was ich &#x017F;ag dir.</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Ain guoten rat wil ich dir geben</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Das du wol macht behan din leben.</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Wir &#x017F;ond minen man usgraben</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Vnd mue&#x017F;&#x017F;en ainen hæl&#x017F;ig haben,</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">In ziehen an des Galgen matt</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Vnd henken an des tieben &#x017F;tatt.</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Das rat ich uff die trûwe min.</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Wolher ich wil din helfer &#x017F;in.</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Der man tett das &#x017F;y im riet,</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Von dem toten &#x017F;i &#x017F;ich &#x017F;chied.</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Das was ain jæmerlicher rât.</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Wol im der nùtz ze tuond hat</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Mit b&#x0153;&#x017F;en wiben der hertze &#x017F;tat</hi> </l><lb/>
          <l> <hi rendition="#aq">Vff Schalkait und vff Mi&#x017F;&#x017F;etat.</hi> </l>
        </lg><lb/>
        <p>Jch erinnere mich nicht, daß die&#x017F;e Erzehlung,<lb/>
aus welcher La Fontaine und St. Evremond &#x017F;o<lb/>
viel machen, von einem Deut&#x017F;chen &#x017F;eithero in<lb/>
Ver&#x017F;en be&#x017F;chrieben worden &#x017F;ey; Philander von<lb/>
Sittenwald hat &#x017F;ie in dem Ge&#x017F;ichte von dem<lb/>
Weiberlobe in Pro&#x017F;a verfa&#x017F;&#x017F;et.</p><lb/>
        <p>Man weis, was vor eine za&#x0364;rtliche Furcht<lb/>
die Franzo&#x017F;en vor den ungewo&#x0364;hnlichen Wo&#x0364;rtern<lb/>
haben, welche entweder zu neu oder aus der Mo-<lb/>
de &#x017F;ind; nichtsde&#x017F;toweniger haben &#x017F;ie es La Fon-<lb/>
taine verziehen, daß er Marots veralterte Spra-<lb/>
che in der Erzehlung &#x017F;einer Fabeln und Ma&#x0364;hrgen<lb/>
angebracht hat, wo er es mit Artigkeit hatte thun<lb/>
ko&#x0364;nnen. Die&#x017F;e Artigkeit ent&#x017F;teht durch die be-<lb/>
&#x017F;ondere Be&#x017F;timmung eines Begriffes, durch<lb/>
das natu&#x0364;rliche We&#x017F;en, durch die Ku&#x0364;rtze eines<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Aus-</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[52/0052] Von den poetiſchen Zeiten Die Vrow ſprach nu volge mir Vnd hoer was ich ſag dir. Ain guoten rat wil ich dir geben Das du wol macht behan din leben. Wir ſond minen man usgraben Vnd mueſſen ainen hælſig haben, In ziehen an des Galgen matt Vnd henken an des tieben ſtatt. Das rat ich uff die trûwe min. Wolher ich wil din helfer ſin. Der man tett das ſy im riet, Von dem toten ſi ſich ſchied. Das was ain jæmerlicher rât. Wol im der nùtz ze tuond hat Mit bœſen wiben der hertze ſtat Vff Schalkait und vff Miſſetat. Jch erinnere mich nicht, daß dieſe Erzehlung, aus welcher La Fontaine und St. Evremond ſo viel machen, von einem Deutſchen ſeithero in Verſen beſchrieben worden ſey; Philander von Sittenwald hat ſie in dem Geſichte von dem Weiberlobe in Proſa verfaſſet. Man weis, was vor eine zaͤrtliche Furcht die Franzoſen vor den ungewoͤhnlichen Woͤrtern haben, welche entweder zu neu oder aus der Mo- de ſind; nichtsdeſtoweniger haben ſie es La Fon- taine verziehen, daß er Marots veralterte Spra- che in der Erzehlung ſeiner Fabeln und Maͤhrgen angebracht hat, wo er es mit Artigkeit hatte thun koͤnnen. Dieſe Artigkeit entſteht durch die be- ſondere Beſtimmung eines Begriffes, durch das natuͤrliche Weſen, durch die Kuͤrtze eines Aus-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung07_1743
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung07_1743/52
Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 7. Zürich, 1743, S. 52. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung07_1743/52>, abgerufen am 17.06.2021.