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Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890.

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2. Der Bogen.

Der Ursprung des Bogens (franz. arc, engl. bow, ital. und span.
arco, lat. arcus) reicht weit in die vorhistorischen Perioden zurück,
wie wir aus den Steinfunden ersehen, unter welchen die Pfeilspitzen
nicht selten sind. Wir begegnen demnach auch dieser einfachen und,
wie wir vorausbemerken, vorzüglichen Waffe schon in den ältesten
bildlichen Darstellungen des Mittelalters. Diese Thatsache ist allent-
halben bekannt, nur muss dazu bemerkt werden, dass in der grossen
Veränderung der Taktik, welche die Völkerwanderung herbeiführte,
der Bogen eine erhöhte Bedeutung erlangte. In den wilden Heer-
haufen der von Osten herdrängenden Völker wurden die Bogenschützen
zum Schutze der Flügel und zur Einleitung des Gefechtes verwendet.
Ihnen folgten die geschlossenen Körper des mit Schild und Speer
bewaffneten Fussvolkes, den Kern des Ganzen aber bildete die Reiterei,
sie war die ausschlaggebende Waffe. Das war eine vollständige Um-
änderung altrömischer Taktik, aber es war auch damals nicht das
erste Mal, dass eine allgemeine Veränderung in der Streitweise durch
die ungebildetsten Völker herbeigeführt wurde.

Es ist ein Beweis von einer gewissen Durchbildung des Kriegs-
wesens, dass wir schon inmitten der Periode der Völkerwanderung
den Bogen in der Verwendung zu Pferd und zu Fuss antreffen und
dass wir die Vorteile dieser Waffe bewundernswert ausgenützt finden.
In dem reitenden Bogenschützen ist der erste leichte Reiter zu er-
blicken; als solcher steht er im vollen Gegensatze zu den Anschau-
ungen des feudalen Adels, der jeden Leichtgerüsteten für unebenbürtig
hielt. Daraus ist auch die Missachtung zu erklären, die der Bogen-
schütze in der französischen Ritterschaft fand.

Im Vergleich der Wirkung zu der Einfachheit der Herstellung
erscheint der Bogen als die vorteilhafteste Waffe: eine Rute, ein
biegsamer Stab aus Holz oder Horn, dessen äusserste Enden mit
einer Schnur, der "Sehne", verbunden sind, welche angespannt die
Schnellkraft des Stabes oder "Bogens" so weit in Anspruch nimmt,
um damit einen leichten Pfeil auf 200, ja selbst 250 Schritte mit
aller Treffsicherheit abzuschnellen, darin liegt die ganze Mechanik
dieser Waffe, die den Ruhm der erfolgreichsten Verwendung in Jahr-
hunderten in Anspruch nehmen darf.

Das flaschenförmige Goldgefäss aus dem Funde von Nagy-Szent-
Miklos, dem sogenannten Schatz des Attila, welches aus dem 5. Jahr-
hundert datiert, zeigt ein Relief, in welchem ein sarmatischer Reiter
dargestellt ist, der, nach rückwärts gewendet, im Begriffe ist, einen
Pfeil von einem kleinen Bogen abzuschnellen, vielleicht, wenn man
vom Altertum absieht, die älteste Darstellung eines Bogenschützen,
die uns erhalten ist. (Fig. 466.)


2. Der Bogen.

Der Ursprung des Bogens (franz. arc, engl. bow, ital. und span.
arco, lat. arcus) reicht weit in die vorhistorischen Perioden zurück,
wie wir aus den Steinfunden ersehen, unter welchen die Pfeilspitzen
nicht selten sind. Wir begegnen demnach auch dieser einfachen und,
wie wir vorausbemerken, vorzüglichen Waffe schon in den ältesten
bildlichen Darstellungen des Mittelalters. Diese Thatsache ist allent-
halben bekannt, nur muſs dazu bemerkt werden, daſs in der groſsen
Veränderung der Taktik, welche die Völkerwanderung herbeiführte,
der Bogen eine erhöhte Bedeutung erlangte. In den wilden Heer-
haufen der von Osten herdrängenden Völker wurden die Bogenschützen
zum Schutze der Flügel und zur Einleitung des Gefechtes verwendet.
Ihnen folgten die geschlossenen Körper des mit Schild und Speer
bewaffneten Fuſsvolkes, den Kern des Ganzen aber bildete die Reiterei,
sie war die ausschlaggebende Waffe. Das war eine vollständige Um-
änderung altrömischer Taktik, aber es war auch damals nicht das
erste Mal, daſs eine allgemeine Veränderung in der Streitweise durch
die ungebildetsten Völker herbeigeführt wurde.

Es ist ein Beweis von einer gewissen Durchbildung des Kriegs-
wesens, daſs wir schon inmitten der Periode der Völkerwanderung
den Bogen in der Verwendung zu Pferd und zu Fuſs antreffen und
daſs wir die Vorteile dieser Waffe bewundernswert ausgenützt finden.
In dem reitenden Bogenschützen ist der erste leichte Reiter zu er-
blicken; als solcher steht er im vollen Gegensatze zu den Anschau-
ungen des feudalen Adels, der jeden Leichtgerüsteten für unebenbürtig
hielt. Daraus ist auch die Miſsachtung zu erklären, die der Bogen-
schütze in der französischen Ritterschaft fand.

Im Vergleich der Wirkung zu der Einfachheit der Herstellung
erscheint der Bogen als die vorteilhafteste Waffe: eine Rute, ein
biegsamer Stab aus Holz oder Horn, dessen äuſserste Enden mit
einer Schnur, der „Sehne“, verbunden sind, welche angespannt die
Schnellkraft des Stabes oder „Bogens“ so weit in Anspruch nimmt,
um damit einen leichten Pfeil auf 200, ja selbst 250 Schritte mit
aller Treffsicherheit abzuschnellen, darin liegt die ganze Mechanik
dieser Waffe, die den Ruhm der erfolgreichsten Verwendung in Jahr-
hunderten in Anspruch nehmen darf.

Das flaschenförmige Goldgefäſs aus dem Funde von Nagy-Szent-
Miklós, dem sogenannten Schatz des Attila, welches aus dem 5. Jahr-
hundert datiert, zeigt ein Relief, in welchem ein sarmatischer Reiter
dargestellt ist, der, nach rückwärts gewendet, im Begriffe ist, einen
Pfeil von einem kleinen Bogen abzuschnellen, vielleicht, wenn man
vom Altertum absieht, die älteste Darstellung eines Bogenschützen,
die uns erhalten ist. (Fig. 466.)


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[[389]/0407] 2. Der Bogen. Der Ursprung des Bogens (franz. arc, engl. bow, ital. und span. arco, lat. arcus) reicht weit in die vorhistorischen Perioden zurück, wie wir aus den Steinfunden ersehen, unter welchen die Pfeilspitzen nicht selten sind. Wir begegnen demnach auch dieser einfachen und, wie wir vorausbemerken, vorzüglichen Waffe schon in den ältesten bildlichen Darstellungen des Mittelalters. Diese Thatsache ist allent- halben bekannt, nur muſs dazu bemerkt werden, daſs in der groſsen Veränderung der Taktik, welche die Völkerwanderung herbeiführte, der Bogen eine erhöhte Bedeutung erlangte. In den wilden Heer- haufen der von Osten herdrängenden Völker wurden die Bogenschützen zum Schutze der Flügel und zur Einleitung des Gefechtes verwendet. Ihnen folgten die geschlossenen Körper des mit Schild und Speer bewaffneten Fuſsvolkes, den Kern des Ganzen aber bildete die Reiterei, sie war die ausschlaggebende Waffe. Das war eine vollständige Um- änderung altrömischer Taktik, aber es war auch damals nicht das erste Mal, daſs eine allgemeine Veränderung in der Streitweise durch die ungebildetsten Völker herbeigeführt wurde. Es ist ein Beweis von einer gewissen Durchbildung des Kriegs- wesens, daſs wir schon inmitten der Periode der Völkerwanderung den Bogen in der Verwendung zu Pferd und zu Fuſs antreffen und daſs wir die Vorteile dieser Waffe bewundernswert ausgenützt finden. In dem reitenden Bogenschützen ist der erste leichte Reiter zu er- blicken; als solcher steht er im vollen Gegensatze zu den Anschau- ungen des feudalen Adels, der jeden Leichtgerüsteten für unebenbürtig hielt. Daraus ist auch die Miſsachtung zu erklären, die der Bogen- schütze in der französischen Ritterschaft fand. Im Vergleich der Wirkung zu der Einfachheit der Herstellung erscheint der Bogen als die vorteilhafteste Waffe: eine Rute, ein biegsamer Stab aus Holz oder Horn, dessen äuſserste Enden mit einer Schnur, der „Sehne“, verbunden sind, welche angespannt die Schnellkraft des Stabes oder „Bogens“ so weit in Anspruch nimmt, um damit einen leichten Pfeil auf 200, ja selbst 250 Schritte mit aller Treffsicherheit abzuschnellen, darin liegt die ganze Mechanik dieser Waffe, die den Ruhm der erfolgreichsten Verwendung in Jahr- hunderten in Anspruch nehmen darf. Das flaschenförmige Goldgefäſs aus dem Funde von Nagy-Szent- Miklós, dem sogenannten Schatz des Attila, welches aus dem 5. Jahr- hundert datiert, zeigt ein Relief, in welchem ein sarmatischer Reiter dargestellt ist, der, nach rückwärts gewendet, im Begriffe ist, einen Pfeil von einem kleinen Bogen abzuschnellen, vielleicht, wenn man vom Altertum absieht, die älteste Darstellung eines Bogenschützen, die uns erhalten ist. (Fig. 466.)

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Zitationshilfe: Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890, S. [389]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boeheim_waffenkunde_1890/407>, abgerufen am 20.05.2022.