sich die Schweizer frei machten von ihren Aristokra¬ ten, die schlimmer sind als die Könige und gefähr¬ licher. Dann hätte das südliche Deutschland einen Stützpunkt, und es könnte handeln. Auch wäre gewonnen, daß man in der Schweiz dann freie Zeitungen schreiben und von dort nach Deutschland verbreiten könnte: Aber was hilft mich alle Freiheit, wenn ich keinen Tabak habe? Ich bin überzeugt, daß wenn mir noch sechs Monate der Tabak fehlte, ich ein vollkommener Aristokrat würde. Ich fühle leider schon wie ich täglich sauberer und höflicher werde.
-- Der Artikel im Constitutionnel le faux¬ bourg St. Germain ist freilich nicht versöhnlicher Art; aber das will und soll er auch nicht seyn. Die Regierung und ihre Anhänger werden durch die halsstarrigen edlen Vorstädter in wirkliche Verlegen¬ heit gesetzt und sie sind ärgerlich darüber, weil sie es nicht ändern können. Die Ultras haben sich fast alle aus Paris zurückgezogen, und wohnen diesen Winter auf ihren Gütern. Dadurch (und das ist ihre edle Absicht) leiden die Gewerbsleute ganz un¬ gemein. Man hat berechnet, daß durch die Abwe¬ senheit der Ultras und eines Theiles von der ge¬ wöhnlichen Anzahl der Fremden, der durch die Re¬ volution verscheucht worden ist, Paris in diesem Jahre fünf und siebenzig Millionen verliert, und
ſich die Schweizer frei machten von ihren Ariſtokra¬ ten, die ſchlimmer ſind als die Könige und gefähr¬ licher. Dann hätte das ſüdliche Deutſchland einen Stützpunkt, und es könnte handeln. Auch wäre gewonnen, daß man in der Schweiz dann freie Zeitungen ſchreiben und von dort nach Deutſchland verbreiten könnte: Aber was hilft mich alle Freiheit, wenn ich keinen Tabak habe? Ich bin überzeugt, daß wenn mir noch ſechs Monate der Tabak fehlte, ich ein vollkommener Ariſtokrat würde. Ich fühle leider ſchon wie ich täglich ſauberer und höflicher werde.
— Der Artikel im Conſtitutionnel le faux¬ bourg St. Germain iſt freilich nicht verſöhnlicher Art; aber das will und ſoll er auch nicht ſeyn. Die Regierung und ihre Anhänger werden durch die halsſtarrigen edlen Vorſtädter in wirkliche Verlegen¬ heit geſetzt und ſie ſind ärgerlich darüber, weil ſie es nicht ändern können. Die Ultras haben ſich faſt alle aus Paris zurückgezogen, und wohnen dieſen Winter auf ihren Gütern. Dadurch (und das iſt ihre edle Abſicht) leiden die Gewerbsleute ganz un¬ gemein. Man hat berechnet, daß durch die Abwe¬ ſenheit der Ultras und eines Theiles von der ge¬ wöhnlichen Anzahl der Fremden, der durch die Re¬ volution verſcheucht worden iſt, Paris in dieſem Jahre fünf und ſiebenzig Millionen verliert, und
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ſich die Schweizer frei machten von ihren Ariſtokra¬
ten, die ſchlimmer ſind als die Könige und gefähr¬
licher. Dann hätte das ſüdliche Deutſchland einen
Stützpunkt, und es könnte handeln. Auch wäre
gewonnen, daß man in der Schweiz dann freie
Zeitungen ſchreiben und von dort nach Deutſchland
verbreiten könnte: Aber was hilft mich alle Freiheit,
wenn ich keinen Tabak habe? Ich bin überzeugt,
daß wenn mir noch ſechs Monate der Tabak fehlte,
ich ein vollkommener Ariſtokrat würde. Ich fühle
leider ſchon wie ich täglich ſauberer und höflicher
werde.
— Der Artikel im Conſtitutionnel le faux¬
bourg St. Germain iſt freilich nicht verſöhnlicher
Art; aber das will und ſoll er auch nicht ſeyn.
Die Regierung und ihre Anhänger werden durch die
halsſtarrigen edlen Vorſtädter in wirkliche Verlegen¬
heit geſetzt und ſie ſind ärgerlich darüber, weil ſie
es nicht ändern können. Die Ultras haben ſich faſt
alle aus Paris zurückgezogen, und wohnen dieſen
Winter auf ihren Gütern. Dadurch (und das iſt
ihre edle Abſicht) leiden die Gewerbsleute ganz un¬
gemein. Man hat berechnet, daß durch die Abwe¬
ſenheit der Ultras und eines Theiles von der ge¬
wöhnlichen Anzahl der Fremden, der durch die Re¬
volution verſcheucht worden iſt, Paris in dieſem
Jahre fünf und ſiebenzig Millionen verliert, und
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Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832, S. 117. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/131>, abgerufen am 23.09.2024.
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