weinen soll man, daß man sie nicht schonen dürfe. Doch erzählen sie das ja keinem wieder. Denn die Thoren anderer Art möchten sagen: da ist nun ein Freiheitsliebender Mann, der doch noch sagt, es sey dem Könige von Frankreich Unrecht geschehen! Was? Recht! Unrecht! leere, tolle Worte! Verklagt den Sturm, verklagt den Blitz, verklagt das Erdbeben, verklagt das Fieber, verklagt die spitzbübische Nacht, die euch um den halben Tag geprellt -- und wenn ihr den Proceß gewonnen, dann kommt ihr geschick¬ ten Advokaten und verklagt ein Volk, es habe seinem Könige Unrecht gethan!
-- Ich habe schon viel in Frankreich geschla¬ fen: in Strasburg, in Pfalzburg, Lüneville, Nancy, Toul, Bar-le-Düc, und heute schlafe ich hier. Es ist eine schöne Erfindung, wie Sancho Pansa sagt; und wo man schläft, man schläft immer zu Hause, und wo man träumt, man hat überall vaterländische Träume. Aber was geht das mich an? Ich bin auch wachend nirgends fremd.
In den Niederlanden scheint es arg herzugehen. Was aber die Leute dort wollen und nicht wollen, begreife ich nicht recht. Ihr hättet mich nicht ab¬ halten sollen über Brüssel zu reisen. Es ist freilich kein Vergnügen todtgeschossen zu werden, und nicht zu wissen wofür. Aber wenn man im Bette stirbt, wie die Meisten, weiß man dann besser, wofür es
weinen ſoll man, daß man ſie nicht ſchonen dürfe. Doch erzählen ſie das ja keinem wieder. Denn die Thoren anderer Art möchten ſagen: da iſt nun ein Freiheitsliebender Mann, der doch noch ſagt, es ſey dem Könige von Frankreich Unrecht geſchehen! Was? Recht! Unrecht! leere, tolle Worte! Verklagt den Sturm, verklagt den Blitz, verklagt das Erdbeben, verklagt das Fieber, verklagt die ſpitzbübiſche Nacht, die euch um den halben Tag geprellt — und wenn ihr den Proceß gewonnen, dann kommt ihr geſchick¬ ten Advokaten und verklagt ein Volk, es habe ſeinem Könige Unrecht gethan!
— Ich habe ſchon viel in Frankreich geſchla¬ fen: in Strasburg, in Pfalzburg, Lüneville, Nancy, Toul, Bar-le-Düc, und heute ſchlafe ich hier. Es iſt eine ſchöne Erfindung, wie Sancho Panſa ſagt; und wo man ſchläft, man ſchläft immer zu Hauſe, und wo man träumt, man hat überall vaterländiſche Träume. Aber was geht das mich an? Ich bin auch wachend nirgends fremd.
In den Niederlanden ſcheint es arg herzugehen. Was aber die Leute dort wollen und nicht wollen, begreife ich nicht recht. Ihr hättet mich nicht ab¬ halten ſollen über Brüſſel zu reiſen. Es iſt freilich kein Vergnügen todtgeſchoſſen zu werden, und nicht zu wiſſen wofür. Aber wenn man im Bette ſtirbt, wie die Meiſten, weiß man dann beſſer, wofür es
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weinen ſoll man, daß man ſie nicht ſchonen dürfe.
Doch erzählen ſie das ja keinem wieder. Denn die
Thoren anderer Art möchten ſagen: da iſt nun ein
Freiheitsliebender Mann, der doch noch ſagt, es ſey
dem Könige von Frankreich Unrecht geſchehen! Was?
Recht! Unrecht! leere, tolle Worte! Verklagt den
Sturm, verklagt den Blitz, verklagt das Erdbeben,
verklagt das Fieber, verklagt die ſpitzbübiſche Nacht,
die euch um den halben Tag geprellt — und wenn
ihr den Proceß gewonnen, dann kommt ihr geſchick¬
ten Advokaten und verklagt ein Volk, es habe ſeinem
Könige Unrecht gethan!
— Ich habe ſchon viel in Frankreich geſchla¬
fen: in Strasburg, in Pfalzburg, Lüneville, Nancy,
Toul, Bar-le-Düc, und heute ſchlafe ich hier. Es
iſt eine ſchöne Erfindung, wie Sancho Panſa ſagt;
und wo man ſchläft, man ſchläft immer zu Hauſe,
und wo man träumt, man hat überall vaterländiſche
Träume. Aber was geht das mich an? Ich bin
auch wachend nirgends fremd.
In den Niederlanden ſcheint es arg herzugehen.
Was aber die Leute dort wollen und nicht wollen,
begreife ich nicht recht. Ihr hättet mich nicht ab¬
halten ſollen über Brüſſel zu reiſen. Es iſt freilich
kein Vergnügen todtgeſchoſſen zu werden, und nicht
zu wiſſen wofür. Aber wenn man im Bette ſtirbt,
wie die Meiſten, weiß man dann beſſer, wofür es
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Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/25>, abgerufen am 25.09.2024.
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