geschieht? die Unannehmlichkeit dauert einige Minu¬ ten; das Vergnügen aber, nicht todtgeschossen wor¬ den, der Gefahr entgangen zu seyn, reicht für das ganze Leben hin. Man muß rechnen, zählen, wie¬ gen. Auf mehr oder weniger, schwerer oder leichter kommt alles an. Die Qualitäten sind nicht sehr verschieden.
Ach! ich spüre es schon, es ergeht mir dieses¬ mal in Frankreich, wie die beiden vorigenmale. Die feuchte Philosophie schlägt an mir heraus, wie, wenn warme Witterung eintritt, die Stein-Wände naß werden. Es ist mir recht, diese Haut-Krankheit der Seele ist meiner betrübten Konstitution sehr heilsam.
-- So eben las ich in einem Pariser Blatte, die aus einer englischen Zeitung entlehnte Nachricht: in Hamburg wären Unruhen gewesen, man hätte die Juden aus den Kaffeehäusern verjagt. Und in Han¬ nover hätten sie geschrieen; a bas la noblesse! Ich kann mir gar nicht denken, wie das im Deut¬ schen gelautet haben mag; denn unsere guten Leute können keinen andern Zorn-Ruf als das lateinische Pereat! was nun den Adel betrifft, so habe ich, bei aller Menschenfreundlichkeit, nichts dagegen. Mit guten Fallschirmen versehen, wird er herunter kom¬ men ohne sich sehr wehe zu thun. Aber die Juden! die Franzosen hatten ihre Julitage, wollen die Deut¬ schen ihren August-, ihre Hunds-Tage haben? Fängt
geſchieht? die Unannehmlichkeit dauert einige Minu¬ ten; das Vergnügen aber, nicht todtgeſchoſſen wor¬ den, der Gefahr entgangen zu ſeyn, reicht für das ganze Leben hin. Man muß rechnen, zählen, wie¬ gen. Auf mehr oder weniger, ſchwerer oder leichter kommt alles an. Die Qualitäten ſind nicht ſehr verſchieden.
Ach! ich ſpüre es ſchon, es ergeht mir dieſes¬ mal in Frankreich, wie die beiden vorigenmale. Die feuchte Philoſophie ſchlägt an mir heraus, wie, wenn warme Witterung eintritt, die Stein-Wände naß werden. Es iſt mir recht, dieſe Haut-Krankheit der Seele iſt meiner betrübten Konſtitution ſehr heilſam.
— So eben las ich in einem Pariſer Blatte, die aus einer engliſchen Zeitung entlehnte Nachricht: in Hamburg wären Unruhen geweſen, man hätte die Juden aus den Kaffeehäuſern verjagt. Und in Han¬ nover hätten ſie geſchrieen; à bas la noblesse! Ich kann mir gar nicht denken, wie das im Deut¬ ſchen gelautet haben mag; denn unſere guten Leute können keinen andern Zorn-Ruf als das lateiniſche Pereat! was nun den Adel betrifft, ſo habe ich, bei aller Menſchenfreundlichkeit, nichts dagegen. Mit guten Fallſchirmen verſehen, wird er herunter kom¬ men ohne ſich ſehr wehe zu thun. Aber die Juden! die Franzoſen hatten ihre Julitage, wollen die Deut¬ ſchen ihren Auguſt-, ihre Hunds-Tage haben? Fängt
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geſchieht? die Unannehmlichkeit dauert einige Minu¬
ten; das Vergnügen aber, nicht todtgeſchoſſen wor¬
den, der Gefahr entgangen zu ſeyn, reicht für das
ganze Leben hin. Man muß rechnen, zählen, wie¬
gen. Auf mehr oder weniger, ſchwerer oder leichter
kommt alles an. Die Qualitäten ſind nicht ſehr
verſchieden.
Ach! ich ſpüre es ſchon, es ergeht mir dieſes¬
mal in Frankreich, wie die beiden vorigenmale. Die
feuchte Philoſophie ſchlägt an mir heraus, wie, wenn
warme Witterung eintritt, die Stein-Wände naß
werden. Es iſt mir recht, dieſe Haut-Krankheit der
Seele iſt meiner betrübten Konſtitution ſehr heilſam.
— So eben las ich in einem Pariſer Blatte,
die aus einer engliſchen Zeitung entlehnte Nachricht:
in Hamburg wären Unruhen geweſen, man hätte die
Juden aus den Kaffeehäuſern verjagt. Und in Han¬
nover hätten ſie geſchrieen; à bas la noblesse!
Ich kann mir gar nicht denken, wie das im Deut¬
ſchen gelautet haben mag; denn unſere guten Leute
können keinen andern Zorn-Ruf als das lateiniſche
Pereat! was nun den Adel betrifft, ſo habe ich, bei
aller Menſchenfreundlichkeit, nichts dagegen. Mit
guten Fallſchirmen verſehen, wird er herunter kom¬
men ohne ſich ſehr wehe zu thun. Aber die Juden!
die Franzoſen hatten ihre Julitage, wollen die Deut¬
ſchen ihren Auguſt-, ihre Hunds-Tage haben? Fängt
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Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/26>, abgerufen am 25.09.2024.
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