Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832.

Bild:
<< vorherige Seite

-- Das Gebet um Preßsklaverei in der Mün¬
chener Flora hat mich erquickt wie Bairisch Bier.
Ich danke Ihnen dafür. Geräth diese holde Flora ein¬
mal in meine Gewalt, o, wie will ich sie zerblättern
und zerknittern! Sie können mir keine größere Freude
machen, als wenn Sie mir deutsche Dummheiten
mittheilen. Gestern las ich wieder etwas sehr schö¬
nes von dem Berliner Correspondenten in der allge¬
meinen Zeitung, meinem Schätzchen. Er sagt unter
andern: der Volksauflauf neulich in Berlin hätte gar
nichts zu bedeuten gehabt, das wären blos "Neugie¬
rigkeits-Aufläufe"
gewesen. So wird doch immer
auf das Beste dafür gesorgt, daß ich in Frankreich
mein Deutsch nicht verlerne!


Ein Wiener Gelehrter hat mir in diesen Tagen
geschrieben und ich will Ihnen Einiges aus seinem
Briefe mittheilen. Eine Art Kerkerluft weht durch
alle seine Worte, eine gewisse Trauer ist über seine
Reden verbreitet und so wahr und liebevoll ist alles,
was er spricht, daß es mir in das Herz gedrungen.
Wie sehr sind die armen Wiener Gelehrten zu be¬
mitleiden! Sie leben im schnödesten Geistesdrucke,
und darum und weil sie sich gar nicht aussprechen
dürfen, müssen sie die freisinnigen Ideen in Philo¬

— Das Gebet um Preßſklaverei in der Mün¬
chener Flora hat mich erquickt wie Bairiſch Bier.
Ich danke Ihnen dafür. Geräth dieſe holde Flora ein¬
mal in meine Gewalt, o, wie will ich ſie zerblättern
und zerknittern! Sie können mir keine größere Freude
machen, als wenn Sie mir deutſche Dummheiten
mittheilen. Geſtern las ich wieder etwas ſehr ſchö¬
nes von dem Berliner Correſpondenten in der allge¬
meinen Zeitung, meinem Schätzchen. Er ſagt unter
andern: der Volksauflauf neulich in Berlin hätte gar
nichts zu bedeuten gehabt, das wären blos „Neugie¬
rigkeits-Aufläufe“
geweſen. So wird doch immer
auf das Beſte dafür geſorgt, daß ich in Frankreich
mein Deutſch nicht verlerne!


Ein Wiener Gelehrter hat mir in dieſen Tagen
geſchrieben und ich will Ihnen Einiges aus ſeinem
Briefe mittheilen. Eine Art Kerkerluft weht durch
alle ſeine Worte, eine gewiſſe Trauer iſt über ſeine
Reden verbreitet und ſo wahr und liebevoll iſt alles,
was er ſpricht, daß es mir in das Herz gedrungen.
Wie ſehr ſind die armen Wiener Gelehrten zu be¬
mitleiden! Sie leben im ſchnödeſten Geiſtesdrucke,
und darum und weil ſie ſich gar nicht ausſprechen
dürfen, müſſen ſie die freiſinnigen Ideen in Philo¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0117" n="103"/>
          <p>&#x2014; Das <hi rendition="#g">Gebet</hi> um Preß&#x017F;klaverei in der Mün¬<lb/>
chener <hi rendition="#g">Flora</hi> hat mich erquickt wie Bairi&#x017F;ch Bier.<lb/>
Ich danke Ihnen dafür. Geräth die&#x017F;e holde Flora ein¬<lb/>
mal in meine Gewalt, o, wie will ich &#x017F;ie zerblättern<lb/>
und zerknittern! Sie können mir keine größere Freude<lb/>
machen, als wenn Sie mir deut&#x017F;che Dummheiten<lb/>
mittheilen. Ge&#x017F;tern las ich wieder etwas &#x017F;ehr &#x017F;chö¬<lb/>
nes von dem Berliner Corre&#x017F;pondenten in der allge¬<lb/>
meinen Zeitung, meinem Schätzchen. Er &#x017F;agt unter<lb/>
andern: der Volksauflauf neulich in Berlin hätte gar<lb/>
nichts zu bedeuten gehabt, das wären blos <hi rendition="#g">&#x201E;Neugie¬<lb/>
rigkeits-Aufläufe&#x201C;</hi> gewe&#x017F;en. So wird doch immer<lb/>
auf das Be&#x017F;te dafür ge&#x017F;orgt, daß ich in Frankreich<lb/>
mein <hi rendition="#g">Deut&#x017F;ch</hi> nicht verlerne!</p><lb/>
        </div>
        <div n="2">
          <dateline> <hi rendition="#right">Sam&#x017F;tag den 20. November.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Ein Wiener Gelehrter hat mir in die&#x017F;en Tagen<lb/>
ge&#x017F;chrieben und ich will Ihnen Einiges aus &#x017F;einem<lb/>
Briefe mittheilen. Eine Art Kerkerluft weht durch<lb/>
alle &#x017F;eine Worte, eine gewi&#x017F;&#x017F;e Trauer i&#x017F;t über &#x017F;eine<lb/>
Reden verbreitet und &#x017F;o wahr und liebevoll i&#x017F;t alles,<lb/>
was er &#x017F;pricht, daß es mir in das Herz gedrungen.<lb/>
Wie &#x017F;ehr &#x017F;ind die armen Wiener Gelehrten zu be¬<lb/>
mitleiden! Sie leben im &#x017F;chnöde&#x017F;ten Gei&#x017F;tesdrucke,<lb/>
und darum und weil &#x017F;ie &#x017F;ich gar nicht aus&#x017F;prechen<lb/>
dürfen, mü&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ie die frei&#x017F;innigen Ideen in Philo¬<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[103/0117] — Das Gebet um Preßſklaverei in der Mün¬ chener Flora hat mich erquickt wie Bairiſch Bier. Ich danke Ihnen dafür. Geräth dieſe holde Flora ein¬ mal in meine Gewalt, o, wie will ich ſie zerblättern und zerknittern! Sie können mir keine größere Freude machen, als wenn Sie mir deutſche Dummheiten mittheilen. Geſtern las ich wieder etwas ſehr ſchö¬ nes von dem Berliner Correſpondenten in der allge¬ meinen Zeitung, meinem Schätzchen. Er ſagt unter andern: der Volksauflauf neulich in Berlin hätte gar nichts zu bedeuten gehabt, das wären blos „Neugie¬ rigkeits-Aufläufe“ geweſen. So wird doch immer auf das Beſte dafür geſorgt, daß ich in Frankreich mein Deutſch nicht verlerne! Samſtag den 20. November. Ein Wiener Gelehrter hat mir in dieſen Tagen geſchrieben und ich will Ihnen Einiges aus ſeinem Briefe mittheilen. Eine Art Kerkerluft weht durch alle ſeine Worte, eine gewiſſe Trauer iſt über ſeine Reden verbreitet und ſo wahr und liebevoll iſt alles, was er ſpricht, daß es mir in das Herz gedrungen. Wie ſehr ſind die armen Wiener Gelehrten zu be¬ mitleiden! Sie leben im ſchnödeſten Geiſtesdrucke, und darum und weil ſie ſich gar nicht ausſprechen dürfen, müſſen ſie die freiſinnigen Ideen in Philo¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/117
Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 1. Hamburg, 1832, S. 103. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris01_1832/117>, abgerufen am 13.07.2024.