Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 2. Hamburg, 1832.

Bild:
<< vorherige Seite
Dreißigster Brief.

Sie fragen mich: ob denn die hessische Con¬
stitution wirklich so gar arg wäre, als ich behauptet?
Was arg! Das ist das Wort gar nicht. Es ist
die unverschämteste Prellerei, die mir je vorgekommen.
Die Erzjuden hier auf den Boulevards, wenn sie
sie läsen, würden mit Neid ausrufen: nein, das
können wir nicht! Gewährte die Constitution noch
so wenig oder auch gar nichts von dem, was heute
die Völker von einer erwarten, dagegen ließe sich
nichts sagen. Die Freiheit wurde von einem Für¬
sten nie geschenkt noch verkauft; ein Volk, das sie
haben will, muß sie rauben. Dem Geduldigen gibt
man nichts, dem Drohenden wenig, dem Gewalt¬

Dreißigſter Brief.

Sie fragen mich: ob denn die heſſiſche Con¬
ſtitution wirklich ſo gar arg wäre, als ich behauptet?
Was arg! Das iſt das Wort gar nicht. Es iſt
die unverſchämteſte Prellerei, die mir je vorgekommen.
Die Erzjuden hier auf den Boulevards, wenn ſie
ſie läſen, würden mit Neid ausrufen: nein, das
können wir nicht! Gewährte die Conſtitution noch
ſo wenig oder auch gar nichts von dem, was heute
die Völker von einer erwarten, dagegen ließe ſich
nichts ſagen. Die Freiheit wurde von einem Für¬
ſten nie geſchenkt noch verkauft; ein Volk, das ſie
haben will, muß ſie rauben. Dem Geduldigen gibt
man nichts, dem Drohenden wenig, dem Gewalt¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0025" n="[11]"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b #g">Dreißig&#x017F;ter Brief.</hi><lb/>
          </head>
          <dateline> <hi rendition="#right">Paris, Donner&#x017F;tag, den 27. Januar 1831.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Sie fragen mich: ob denn die he&#x017F;&#x017F;i&#x017F;che Con¬<lb/>
&#x017F;titution wirklich &#x017F;o gar arg wäre, als ich behauptet?<lb/>
Was arg! Das i&#x017F;t das Wort gar nicht. Es i&#x017F;t<lb/>
die unver&#x017F;chämte&#x017F;te Prellerei, die mir je vorgekommen.<lb/>
Die Erzjuden hier auf den Boulevards, wenn &#x017F;ie<lb/>
&#x017F;ie lä&#x017F;en, würden mit Neid ausrufen: nein, das<lb/>
können wir nicht! Gewährte die Con&#x017F;titution noch<lb/>
&#x017F;o wenig oder auch gar nichts von dem, was heute<lb/>
die Völker von einer erwarten, dagegen ließe &#x017F;ich<lb/>
nichts &#x017F;agen. Die Freiheit wurde von einem Für¬<lb/>
&#x017F;ten nie ge&#x017F;chenkt noch verkauft; ein Volk, das &#x017F;ie<lb/>
haben will, muß &#x017F;ie rauben. Dem Geduldigen gibt<lb/>
man nichts, dem Drohenden wenig, dem Gewalt¬<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[11]/0025] Dreißigſter Brief. Paris, Donnerſtag, den 27. Januar 1831. Sie fragen mich: ob denn die heſſiſche Con¬ ſtitution wirklich ſo gar arg wäre, als ich behauptet? Was arg! Das iſt das Wort gar nicht. Es iſt die unverſchämteſte Prellerei, die mir je vorgekommen. Die Erzjuden hier auf den Boulevards, wenn ſie ſie läſen, würden mit Neid ausrufen: nein, das können wir nicht! Gewährte die Conſtitution noch ſo wenig oder auch gar nichts von dem, was heute die Völker von einer erwarten, dagegen ließe ſich nichts ſagen. Die Freiheit wurde von einem Für¬ ſten nie geſchenkt noch verkauft; ein Volk, das ſie haben will, muß ſie rauben. Dem Geduldigen gibt man nichts, dem Drohenden wenig, dem Gewalt¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris02_1832
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris02_1832/25
Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 2. Hamburg, 1832, S. [11]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris02_1832/25>, abgerufen am 18.05.2021.