Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 2. Hamburg, 1832.

Bild:
<< vorherige Seite

Gestern kam in der Pairskammer das Gesetz
über die Besoldung der jüdischen Geistlichen vor.
Es wurde zwar angenommen, fand aber doch viele
Gegner. Der Admiral Verrhuell hielt eine Rede
gegen die Juden. Das Volk Gottes hat doch Feinde
zu Wasser und zu Lande. Der Admiral sagte: ich
habe die Juden in allen vier Theilen der Welt ken¬
nen gelernt; sie taugen überall nichts; überall den¬
ken sie nur an Geldverdienen. Schändliche Verläum¬
dung! Gerade das Gegentheil. Die meisten Ju¬
den streben nach nichts, als Geld zu verlieren,
und darum kaufen sie österreichische Staatspapiere.

Aber ist die Begeisterung der Polen nicht höchst
erhaben, höchst rührend? Gab es je etwas Großes,
das zugleich so schön war? Unter den rauhen
Blättern der Geschichte ist es ein Blatt auf Velin¬
papier geschrieben. ... Die Polen haben jetzt alle
nur ein Geschlecht, nur ein Alter. Weiber, Kinder,
Greise, alles rüstet sich; viele gaben ihr ganzes Ver¬
mögen hin, und nannten sich nicht, und gaben keine
Spur, auf der man ihre Namen entdecken konnte.
Einen silbernen Löffel im Hause zu haben, ist eine
Schmach, man gebraucht nur hölzerne. Die Frauen
liefern ihre Trauringe in die Münze und erhalten

II. 3

Geſtern kam in der Pairskammer das Geſetz
über die Beſoldung der jüdiſchen Geiſtlichen vor.
Es wurde zwar angenommen, fand aber doch viele
Gegner. Der Admiral Verrhuell hielt eine Rede
gegen die Juden. Das Volk Gottes hat doch Feinde
zu Waſſer und zu Lande. Der Admiral ſagte: ich
habe die Juden in allen vier Theilen der Welt ken¬
nen gelernt; ſie taugen überall nichts; überall den¬
ken ſie nur an Geldverdienen. Schändliche Verläum¬
dung! Gerade das Gegentheil. Die meiſten Ju¬
den ſtreben nach nichts, als Geld zu verlieren,
und darum kaufen ſie öſterreichiſche Staatspapiere.

Aber iſt die Begeiſterung der Polen nicht höchſt
erhaben, höchſt rührend? Gab es je etwas Großes,
das zugleich ſo ſchön war? Unter den rauhen
Blättern der Geſchichte iſt es ein Blatt auf Velin¬
papier geſchrieben. ... Die Polen haben jetzt alle
nur ein Geſchlecht, nur ein Alter. Weiber, Kinder,
Greiſe, alles rüſtet ſich; viele gaben ihr ganzes Ver¬
mögen hin, und nannten ſich nicht, und gaben keine
Spur, auf der man ihre Namen entdecken konnte.
Einen ſilbernen Löffel im Hauſe zu haben, iſt eine
Schmach, man gebraucht nur hölzerne. Die Frauen
liefern ihre Trauringe in die Münze und erhalten

II. 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0047" n="33"/>
        <div n="2">
          <dateline> <hi rendition="#right">Mittwoch, den 2. Februar.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Ge&#x017F;tern kam in der Pairskammer das Ge&#x017F;etz<lb/>
über die Be&#x017F;oldung der jüdi&#x017F;chen Gei&#x017F;tlichen vor.<lb/>
Es wurde zwar angenommen, fand aber doch viele<lb/>
Gegner. Der Admiral Verrhuell hielt eine Rede<lb/>
gegen die Juden. Das Volk Gottes hat doch Feinde<lb/>
zu Wa&#x017F;&#x017F;er und zu Lande. Der Admiral &#x017F;agte: ich<lb/>
habe die Juden in allen vier Theilen der Welt ken¬<lb/>
nen gelernt; &#x017F;ie taugen überall nichts; überall den¬<lb/>
ken &#x017F;ie nur an Geldverdienen. Schändliche Verläum¬<lb/>
dung! Gerade das Gegentheil. Die mei&#x017F;ten Ju¬<lb/>
den &#x017F;treben nach nichts, als Geld zu <hi rendition="#g">verlieren</hi>,<lb/>
und darum kaufen &#x017F;ie ö&#x017F;terreichi&#x017F;che Staatspapiere.</p><lb/>
          <p>Aber i&#x017F;t die Begei&#x017F;terung der Polen nicht höch&#x017F;t<lb/>
erhaben, höch&#x017F;t rührend? Gab es je etwas Großes,<lb/>
das zugleich &#x017F;o &#x017F;chön war? Unter den rauhen<lb/>
Blättern der Ge&#x017F;chichte i&#x017F;t es ein Blatt auf Velin¬<lb/>
papier ge&#x017F;chrieben. ... Die Polen haben jetzt alle<lb/>
nur ein Ge&#x017F;chlecht, nur ein Alter. Weiber, Kinder,<lb/>
Grei&#x017F;e, alles rü&#x017F;tet &#x017F;ich; viele gaben ihr ganzes Ver¬<lb/>
mögen hin, und nannten &#x017F;ich nicht, und gaben keine<lb/>
Spur, auf der man ihre Namen entdecken konnte.<lb/>
Einen &#x017F;ilbernen Löffel im Hau&#x017F;e zu haben, i&#x017F;t eine<lb/>
Schmach, man gebraucht nur hölzerne. Die Frauen<lb/>
liefern ihre Trauringe in die Münze und erhalten<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#aq">II</hi>. 3<lb/></fw>
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[33/0047] Mittwoch, den 2. Februar. Geſtern kam in der Pairskammer das Geſetz über die Beſoldung der jüdiſchen Geiſtlichen vor. Es wurde zwar angenommen, fand aber doch viele Gegner. Der Admiral Verrhuell hielt eine Rede gegen die Juden. Das Volk Gottes hat doch Feinde zu Waſſer und zu Lande. Der Admiral ſagte: ich habe die Juden in allen vier Theilen der Welt ken¬ nen gelernt; ſie taugen überall nichts; überall den¬ ken ſie nur an Geldverdienen. Schändliche Verläum¬ dung! Gerade das Gegentheil. Die meiſten Ju¬ den ſtreben nach nichts, als Geld zu verlieren, und darum kaufen ſie öſterreichiſche Staatspapiere. Aber iſt die Begeiſterung der Polen nicht höchſt erhaben, höchſt rührend? Gab es je etwas Großes, das zugleich ſo ſchön war? Unter den rauhen Blättern der Geſchichte iſt es ein Blatt auf Velin¬ papier geſchrieben. ... Die Polen haben jetzt alle nur ein Geſchlecht, nur ein Alter. Weiber, Kinder, Greiſe, alles rüſtet ſich; viele gaben ihr ganzes Ver¬ mögen hin, und nannten ſich nicht, und gaben keine Spur, auf der man ihre Namen entdecken konnte. Einen ſilbernen Löffel im Hauſe zu haben, iſt eine Schmach, man gebraucht nur hölzerne. Die Frauen liefern ihre Trauringe in die Münze und erhalten II. 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris02_1832
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris02_1832/47
Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 2. Hamburg, 1832, S. 33. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris02_1832/47>, abgerufen am 18.05.2021.