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Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 2. Hamburg, 1832.

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Guten Morgen! Die Tugend, meine Träg¬
heit, hat gesiegt. Ich war auf keinem Masken¬
balle. Wie süß habe ich geschlafen nach dieser
edlen Un-That!

-- -- Lassen Sie mich schweigen von den
merkwürdigen Ereignissen des gestrigen und vor¬
gestrigen Tages. Sie werden das aus den Zeitun¬
gen erfahren. Es war ein Roman von Walter
Scott, der zurück ging und wieder lebendig wurde;
es war eine Symphonie von Beethoven, die unter
Thränen lacht; es war ein Drama von Shakespeare.
Solche humoristische Schicksalstage hat man noch nie
gesehen. Ich Unglückseligster möchte mich todt¬
schießen; ich sehe nur immer den Spaß, und den
Ernst muß ich mir erzählen lassen. Man sollte nicht
mehr lieben, wenn man alt geworden, nicht einmal
die Freiheit. Die Revolution läuft vor mir fort,
wie ein junges Mädchen, und lacht mich aus mit
meinen Liebeserklärungen. Während ich vorgestern
im Theatre Francais über Mascarills Schelmereien
lachte, krönten die Carlisten in der Kirche das Bild
des Herzogs von Bordeaux, und statt einer Ver¬
schwörung beizuwohnen, sah ich einem verliebten
Marquis einen Nachttopf über die Frisur fließen.


Guten Morgen! Die Tugend, meine Träg¬
heit, hat geſiegt. Ich war auf keinem Masken¬
balle. Wie ſüß habe ich geſchlafen nach dieſer
edlen Un-That!

— — Laſſen Sie mich ſchweigen von den
merkwürdigen Ereigniſſen des geſtrigen und vor¬
geſtrigen Tages. Sie werden das aus den Zeitun¬
gen erfahren. Es war ein Roman von Walter
Scott, der zurück ging und wieder lebendig wurde;
es war eine Symphonie von Beethoven, die unter
Thränen lacht; es war ein Drama von Shakeſpeare.
Solche humoriſtiſche Schickſalstage hat man noch nie
geſehen. Ich Unglückſeligſter möchte mich todt¬
ſchießen; ich ſehe nur immer den Spaß, und den
Ernſt muß ich mir erzählen laſſen. Man ſollte nicht
mehr lieben, wenn man alt geworden, nicht einmal
die Freiheit. Die Revolution läuft vor mir fort,
wie ein junges Mädchen, und lacht mich aus mit
meinen Liebeserklärungen. Während ich vorgeſtern
im Theatre Français über Mascarills Schelmereien
lachte, krönten die Carliſten in der Kirche das Bild
des Herzogs von Bordeaux, und ſtatt einer Ver¬
ſchwörung beizuwohnen, ſah ich einem verliebten
Marquis einen Nachttopf über die Friſur fließen.

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[63/0077] Mittwoch, den 16. Februar. Guten Morgen! Die Tugend, meine Träg¬ heit, hat geſiegt. Ich war auf keinem Masken¬ balle. Wie ſüß habe ich geſchlafen nach dieſer edlen Un-That! — — Laſſen Sie mich ſchweigen von den merkwürdigen Ereigniſſen des geſtrigen und vor¬ geſtrigen Tages. Sie werden das aus den Zeitun¬ gen erfahren. Es war ein Roman von Walter Scott, der zurück ging und wieder lebendig wurde; es war eine Symphonie von Beethoven, die unter Thränen lacht; es war ein Drama von Shakeſpeare. Solche humoriſtiſche Schickſalstage hat man noch nie geſehen. Ich Unglückſeligſter möchte mich todt¬ ſchießen; ich ſehe nur immer den Spaß, und den Ernſt muß ich mir erzählen laſſen. Man ſollte nicht mehr lieben, wenn man alt geworden, nicht einmal die Freiheit. Die Revolution läuft vor mir fort, wie ein junges Mädchen, und lacht mich aus mit meinen Liebeserklärungen. Während ich vorgeſtern im Theatre Français über Mascarills Schelmereien lachte, krönten die Carliſten in der Kirche das Bild des Herzogs von Bordeaux, und ſtatt einer Ver¬ ſchwörung beizuwohnen, ſah ich einem verliebten Marquis einen Nachttopf über die Friſur fließen.

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Zitationshilfe: Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Bd. 2. Hamburg, 1832, S. 63. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/boerne_paris02_1832/77>, abgerufen am 18.05.2021.