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Bräker, Ulrich: Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg. Herausgegeben von H. H. Füßli. Zürich, 1789.

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XXI.
Neue Geschäfte, neue Sorgen.

(1747.)

Denn nun hieß es: Eingespannt in den Karrn mit
dem Buben, in's Joch -- Er ist groß genug! --
Wirklich tummelte mich mein Vater meisterlich her-
um; in Holz und Feld sollt' ich ihm statt eines voll-
kommnen Knechtes dienen. Die mehrern Mal über-
lud er mich; ich hatte die Kräfte noch nicht, die er
mir nach meiner Grösse zutraute; und doch wollt'
ich dann stark seyn, und keine schwere Bürde liegen
lassen. In Gesellschaft von ihm oder mit den Tag-
löhnern arbeitete ich gern; aber sobald er mich allein
an ein Geschäft schickte, war ich faul und läßig, staunte
Himmel und Erde an, und hieng, ich weiß selbst
nicht mehr was vor allerley Gedanken und Grillen
nach; das freye Gaißbubenleben hatte mich halt ver-
wöhnt. Das zog mir dann Scheltwort oder gar
Streiche zu; und diese Strenge war nöthig, obschon
ich's damals nicht fassen konnte. Im Heuet beson-
ders gab's bisweilen fast unerträgliche Bürden. Oft
streckt' ich mich vor Mattigkeit, und fast zerschmol-
zen von Schweiß, der Länge noch auf dem Boden
und dachte: Ob's wohl auch in der Welt überall so
mühselig zugehe? Ob ich mich grad' itzt aus dem
Staub machen sollte? Es werde doch an andern Or-
ten auch Brod geben, und nicht gleich Henken gel-
ten: Ich hätte auf der Kreutzegg beym Gaißhüten

XXI.
Neue Geſchaͤfte, neue Sorgen.

(1747.)

Denn nun hieß es: Eingeſpannt in den Karrn mit
dem Buben, in’s Joch — Er iſt groß genug! —
Wirklich tummelte mich mein Vater meiſterlich her-
um; in Holz und Feld ſollt’ ich ihm ſtatt eines voll-
kommnen Knechtes dienen. Die mehrern Mal uͤber-
lud er mich; ich hatte die Kraͤfte noch nicht, die er
mir nach meiner Groͤſſe zutraute; und doch wollt’
ich dann ſtark ſeyn, und keine ſchwere Buͤrde liegen
laſſen. In Geſellſchaft von ihm oder mit den Tag-
loͤhnern arbeitete ich gern; aber ſobald er mich allein
an ein Geſchaͤft ſchickte, war ich faul und laͤßig, ſtaunte
Himmel und Erde an, und hieng, ich weiß ſelbſt
nicht mehr was vor allerley Gedanken und Grillen
nach; das freye Gaißbubenleben hatte mich halt ver-
woͤhnt. Das zog mir dann Scheltwort oder gar
Streiche zu; und dieſe Strenge war noͤthig, obſchon
ich’s damals nicht faſſen konnte. Im Heuet beſon-
ders gab’s bisweilen faſt unertraͤgliche Buͤrden. Oft
ſtreckt’ ich mich vor Mattigkeit, und faſt zerſchmol-
zen von Schweiß, der Laͤnge noch auf dem Boden
und dachte: Ob’s wohl auch in der Welt uͤberall ſo
muͤhſelig zugehe? Ob ich mich grad’ itzt aus dem
Staub machen ſollte? Es werde doch an andern Or-
ten auch Brod geben, und nicht gleich Henken gel-
ten: Ich haͤtte auf der Kreutzegg beym Gaißhuͤten

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[40/0056] XXI. Neue Geſchaͤfte, neue Sorgen. (1747.) Denn nun hieß es: Eingeſpannt in den Karrn mit dem Buben, in’s Joch — Er iſt groß genug! — Wirklich tummelte mich mein Vater meiſterlich her- um; in Holz und Feld ſollt’ ich ihm ſtatt eines voll- kommnen Knechtes dienen. Die mehrern Mal uͤber- lud er mich; ich hatte die Kraͤfte noch nicht, die er mir nach meiner Groͤſſe zutraute; und doch wollt’ ich dann ſtark ſeyn, und keine ſchwere Buͤrde liegen laſſen. In Geſellſchaft von ihm oder mit den Tag- loͤhnern arbeitete ich gern; aber ſobald er mich allein an ein Geſchaͤft ſchickte, war ich faul und laͤßig, ſtaunte Himmel und Erde an, und hieng, ich weiß ſelbſt nicht mehr was vor allerley Gedanken und Grillen nach; das freye Gaißbubenleben hatte mich halt ver- woͤhnt. Das zog mir dann Scheltwort oder gar Streiche zu; und dieſe Strenge war noͤthig, obſchon ich’s damals nicht faſſen konnte. Im Heuet beſon- ders gab’s bisweilen faſt unertraͤgliche Buͤrden. Oft ſtreckt’ ich mich vor Mattigkeit, und faſt zerſchmol- zen von Schweiß, der Laͤnge noch auf dem Boden und dachte: Ob’s wohl auch in der Welt uͤberall ſo muͤhſelig zugehe? Ob ich mich grad’ itzt aus dem Staub machen ſollte? Es werde doch an andern Or- ten auch Brod geben, und nicht gleich Henken gel- ten: Ich haͤtte auf der Kreutzegg beym Gaißhuͤten

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Zitationshilfe: Bräker, Ulrich: Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg. Herausgegeben von H. H. Füßli. Zürich, 1789, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braeker_lebensgeschichte_1789/56>, abgerufen am 14.04.2021.