Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Bräker, Ulrich: Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg. Herausgegeben von H. H. Füßli. Zürich, 1789.

Bild:
<< vorherige Seite

wurmstichige Rauchhütte war! Lauter faule Fußbo-
den und Stiegen; ein unerhörter Unflath und Ge-
stank in allen Gemächern. Aber das alles war noch
nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im
Haus haben mußten: Ein abschenliches Bettelmensch,
das sich besoff, so oft es ein Kirchenalmosen erhielt,
und auf diese Art zu Wein kam; dann in der Trun-
kenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus her-
umsprang und pfiff; auch, wenn man ihm das ge-
ringste einreden wollte, ein Fluchen und Lamentiren
erhob, wie eine Besessene; weswegen es zwar zum
öftern den Rinderriemen bekam, das aber nur aus
Uebel ärger machte. Dieß Ungeheuer war dann noch
über alles aus sehr erpicht auf junge Leuthe, und
wollte -- Puh! mir schaudert's jetzt noch -- auch mich
anpacken. Das war für mich eine ganz neue Er-
scheinung; ich redete mit meinem Vater davon, doch
ohne jener Versuchung eigentlich zu erwähnen; der
sagte mir dann, was eine Katze sey. Nun bekam
ich erst einen solchen Eckel vor diesem Thier, daß mir ein
Stich durch alle Adern gieng, so oft es mir unter
Augen kam.

XXVII.
Göttliche Heimsuchung.

Wenige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit
einem heftigen Frost und Fieber befallen. Ob mir
das plötzliche Vertauschen der frischen Bergluft mit
der im Thal, oder die unreinliche Wohnung, oder
dann ein schon mitgebrachter Stoff dazu im Körper,

wurmſtichige Rauchhuͤtte war! Lauter faule Fußbo-
den und Stiegen; ein unerhoͤrter Unflath und Ge-
ſtank in allen Gemaͤchern. Aber das alles war noch
nichts gegen den lebendigen Einſiegel, den wir im
Haus haben mußten: Ein abſchenliches Bettelmenſch,
das ſich beſoff, ſo oft es ein Kirchenalmoſen erhielt,
und auf dieſe Art zu Wein kam; dann in der Trun-
kenheit ſich mutternackt auszog, und ſo im Haus her-
umſprang und pfiff; auch, wenn man ihm das ge-
ringſte einreden wollte, ein Fluchen und Lamentiren
erhob, wie eine Beſeſſene; weswegen es zwar zum
oͤftern den Rinderriemen bekam, das aber nur aus
Uebel aͤrger machte. Dieß Ungeheuer war dann noch
uͤber alles aus ſehr erpicht auf junge Leuthe, und
wollte — Puh! mir ſchaudert’s jetzt noch — auch mich
anpacken. Das war fuͤr mich eine ganz neue Er-
ſcheinung; ich redete mit meinem Vater davon, doch
ohne jener Verſuchung eigentlich zu erwaͤhnen; der
ſagte mir dann, was eine Katze ſey. Nun bekam
ich erſt einen ſolchen Eckel vor dieſem Thier, daß mir ein
Stich durch alle Adern gieng, ſo oft es mir unter
Augen kam.

XXVII.
Goͤttliche Heimſuchung.

Wenige Tage nach unſrer Ankunft ward ich mit
einem heftigen Froſt und Fieber befallen. Ob mir
das ploͤtzliche Vertauſchen der friſchen Bergluft mit
der im Thal, oder die unreinliche Wohnung, oder
dann ein ſchon mitgebrachter Stoff dazu im Koͤrper,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0071" n="55"/>
wurm&#x017F;tichige Rauchhu&#x0364;tte war! Lauter faule Fußbo-<lb/>
den und Stiegen; ein unerho&#x0364;rter Unflath und Ge-<lb/>
&#x017F;tank in allen Gema&#x0364;chern. Aber das alles war noch<lb/>
nichts gegen den lebendigen Ein&#x017F;iegel, den wir im<lb/>
Haus haben mußten: Ein ab&#x017F;chenliches Bettelmen&#x017F;ch,<lb/>
das &#x017F;ich be&#x017F;off, &#x017F;o oft es ein Kirchenalmo&#x017F;en erhielt,<lb/>
und auf die&#x017F;e Art zu Wein kam; dann in der Trun-<lb/>
kenheit &#x017F;ich mutternackt auszog, und &#x017F;o im Haus her-<lb/>
um&#x017F;prang und pfiff; auch, wenn man ihm das ge-<lb/>
ring&#x017F;te einreden wollte, ein Fluchen und Lamentiren<lb/>
erhob, wie eine Be&#x017F;e&#x017F;&#x017F;ene; weswegen es zwar zum<lb/>
o&#x0364;ftern den Rinderriemen bekam, das aber nur aus<lb/>
Uebel a&#x0364;rger machte. Dieß Ungeheuer war dann noch<lb/>
u&#x0364;ber alles aus &#x017F;ehr erpicht auf junge Leuthe, und<lb/>
wollte &#x2014; Puh! mir &#x017F;chaudert&#x2019;s jetzt noch &#x2014; auch mich<lb/>
anpacken. Das war fu&#x0364;r mich eine ganz neue Er-<lb/>
&#x017F;cheinung; ich redete mit meinem Vater davon, doch<lb/>
ohne jener Ver&#x017F;uchung eigentlich zu erwa&#x0364;hnen; der<lb/>
&#x017F;agte mir dann, was eine Katze &#x017F;ey. Nun bekam<lb/>
ich er&#x017F;t einen &#x017F;olchen Eckel vor die&#x017F;em Thier, daß mir ein<lb/>
Stich durch alle Adern gieng, &#x017F;o oft es mir unter<lb/>
Augen kam.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#g"> <hi rendition="#aq">XXVII.</hi><lb/> <hi rendition="#fr">Go&#x0364;ttliche Heim&#x017F;uchung.</hi> </hi> </head><lb/>
        <p><hi rendition="#in">W</hi>enige Tage nach un&#x017F;rer Ankunft ward ich mit<lb/>
einem heftigen Fro&#x017F;t und Fieber befallen. Ob mir<lb/>
das plo&#x0364;tzliche Vertau&#x017F;chen der fri&#x017F;chen Bergluft mit<lb/>
der im Thal, oder die unreinliche Wohnung, oder<lb/>
dann ein &#x017F;chon mitgebrachter Stoff dazu im Ko&#x0364;rper,<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[55/0071] wurmſtichige Rauchhuͤtte war! Lauter faule Fußbo- den und Stiegen; ein unerhoͤrter Unflath und Ge- ſtank in allen Gemaͤchern. Aber das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einſiegel, den wir im Haus haben mußten: Ein abſchenliches Bettelmenſch, das ſich beſoff, ſo oft es ein Kirchenalmoſen erhielt, und auf dieſe Art zu Wein kam; dann in der Trun- kenheit ſich mutternackt auszog, und ſo im Haus her- umſprang und pfiff; auch, wenn man ihm das ge- ringſte einreden wollte, ein Fluchen und Lamentiren erhob, wie eine Beſeſſene; weswegen es zwar zum oͤftern den Rinderriemen bekam, das aber nur aus Uebel aͤrger machte. Dieß Ungeheuer war dann noch uͤber alles aus ſehr erpicht auf junge Leuthe, und wollte — Puh! mir ſchaudert’s jetzt noch — auch mich anpacken. Das war fuͤr mich eine ganz neue Er- ſcheinung; ich redete mit meinem Vater davon, doch ohne jener Verſuchung eigentlich zu erwaͤhnen; der ſagte mir dann, was eine Katze ſey. Nun bekam ich erſt einen ſolchen Eckel vor dieſem Thier, daß mir ein Stich durch alle Adern gieng, ſo oft es mir unter Augen kam. XXVII. Goͤttliche Heimſuchung. Wenige Tage nach unſrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Froſt und Fieber befallen. Ob mir das ploͤtzliche Vertauſchen der friſchen Bergluft mit der im Thal, oder die unreinliche Wohnung, oder dann ein ſchon mitgebrachter Stoff dazu im Koͤrper,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/braeker_lebensgeschichte_1789
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/braeker_lebensgeschichte_1789/71
Zitationshilfe: Bräker, Ulrich: Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg. Herausgegeben von H. H. Füßli. Zürich, 1789, S. 55. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/braeker_lebensgeschichte_1789/71>, abgerufen am 22.04.2021.