Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Brentano, Clemens: Gockel, Hinkel und Gackeleia. Frankfurt, 1838.

Bild:
<< vorherige Seite

Brosamen aus, was mit großem Beifall von allen den Vö¬
geln aufgenommen ward.

Hierauf zogen sie in die alte verfallene Schloßkapelle,
knieten neben den wilden Waldblumen am Altare dicht bei
dem Grabstein des alten Urgockels von Hanau nieder, sag¬
ten Gott für ihre glückliche Reise Dank, und flehten ihn um
fernern Schutz und Segen an. Während ihres Gebetes wa¬
ren alle Vögel ganz stille, und da sie sich von den Knieen
erhoben, lockten Alektryo und Gallina, als Schloßhauptmann
und Schlüsseldame, an der Thüre, sie sollten ihnen nach
dem ausgesuchten Gemache folgen. Sie thaten dieß, und
der Hahn und die Henne schritten gackernd und majestätisch
über den Schloßhof auf den sehr kunstreich von Stein er¬
bauten Hühnerstall zu, dessen Dach allein im Schloße bis
auf einige Lücken im Stande war. Als Alektryo über die
Schwelle schritt, bückte er sich tief mit dem Kopf, als be¬
fürchtete er, mit seinem hohen rothen Kamme oben anzu¬
stossen, da die Thüre doch für einen starken Mann hoch ge¬
nug war; aber dieses war im Gefühle seines Adels, denn
alle hohen Adeligen und alle gekrönten Häupter pflegten in
den guten alten Zeiten es so zu machen, wenn sie durch ein
Thor schritten; das kam aber von den erstaunlich hohen Fe¬
derbüschen her, welche ihre Vorfahren auf den Helmen
getragen hatten.

In diesem Hühnerstalle nun, dessen Fenster in ein klei¬
nes Gärtchen giengen, richteten sie sich ein, so gut sie konn¬
ten; Gockel hängte seine Erbhühnertrage an einen Haken
hoch an der Wand auf, stellte die Hühnersteige daran, und
Alektryo und Gallina sagten gute Nacht und spazierten so¬
gleich fein ordentlich hintereinander hinauf und setzten sich
still zusammen und ließen sich was träumen. -- Frau Hinkel
stellte den Korb, den Spinnrocken, den Bratspieß, die
Pfanne, die Schüssel, den Topf und den Wasserkrug an
ihre Stelle, und Gackeleia setzte das Hühnernest, wo es hin

Broſamen aus, was mit großem Beifall von allen den Voͤ¬
geln aufgenommen ward.

Hierauf zogen ſie in die alte verfallene Schloßkapelle,
knieten neben den wilden Waldblumen am Altare dicht bei
dem Grabſtein des alten Urgockels von Hanau nieder, ſag¬
ten Gott fuͤr ihre gluͤckliche Reiſe Dank, und flehten ihn um
fernern Schutz und Segen an. Waͤhrend ihres Gebetes wa¬
ren alle Voͤgel ganz ſtille, und da ſie ſich von den Knieen
erhoben, lockten Alektryo und Gallina, als Schloßhauptmann
und Schluͤſſeldame, an der Thuͤre, ſie ſollten ihnen nach
dem ausgeſuchten Gemache folgen. Sie thaten dieß, und
der Hahn und die Henne ſchritten gackernd und majeſtaͤtiſch
uͤber den Schloßhof auf den ſehr kunſtreich von Stein er¬
bauten Huͤhnerſtall zu, deſſen Dach allein im Schloße bis
auf einige Luͤcken im Stande war. Als Alektryo uͤber die
Schwelle ſchritt, buͤckte er ſich tief mit dem Kopf, als be¬
fuͤrchtete er, mit ſeinem hohen rothen Kamme oben anzu¬
ſtoſſen, da die Thuͤre doch fuͤr einen ſtarken Mann hoch ge¬
nug war; aber dieſes war im Gefuͤhle ſeines Adels, denn
alle hohen Adeligen und alle gekroͤnten Haͤupter pflegten in
den guten alten Zeiten es ſo zu machen, wenn ſie durch ein
Thor ſchritten; das kam aber von den erſtaunlich hohen Fe¬
derbuͤſchen her, welche ihre Vorfahren auf den Helmen
getragen hatten.

In dieſem Huͤhnerſtalle nun, deſſen Fenſter in ein klei¬
nes Gaͤrtchen giengen, richteten ſie ſich ein, ſo gut ſie konn¬
ten; Gockel haͤngte ſeine Erbhuͤhnertrage an einen Haken
hoch an der Wand auf, ſtellte die Huͤhnerſteige daran, und
Alektryo und Gallina ſagten gute Nacht und ſpazierten ſo¬
gleich fein ordentlich hintereinander hinauf und ſetzten ſich
ſtill zuſammen und ließen ſich was traͤumen. — Frau Hinkel
ſtellte den Korb, den Spinnrocken, den Bratſpieß, die
Pfanne, die Schuͤſſel, den Topf und den Waſſerkrug an
ihre Stelle, und Gackeleia ſetzte das Huͤhnerneſt, wo es hin

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0044" n="18"/>
Bro&#x017F;amen aus, was mit großem Beifall von allen den Vo&#x0364;¬<lb/>
geln aufgenommen ward.</p><lb/>
        <p>Hierauf zogen &#x017F;ie in die alte verfallene Schloßkapelle,<lb/>
knieten neben den wilden Waldblumen am Altare dicht bei<lb/>
dem Grab&#x017F;tein des alten Urgockels von Hanau nieder, &#x017F;ag¬<lb/>
ten Gott fu&#x0364;r ihre glu&#x0364;ckliche Rei&#x017F;e Dank, und flehten ihn um<lb/>
fernern Schutz und Segen an. Wa&#x0364;hrend ihres Gebetes wa¬<lb/>
ren alle Vo&#x0364;gel ganz &#x017F;tille, und da &#x017F;ie &#x017F;ich von den Knieen<lb/>
erhoben, lockten Alektryo und Gallina, als Schloßhauptmann<lb/>
und Schlu&#x0364;&#x017F;&#x017F;eldame, an der Thu&#x0364;re, &#x017F;ie &#x017F;ollten ihnen nach<lb/>
dem ausge&#x017F;uchten Gemache folgen. Sie thaten dieß, und<lb/>
der Hahn und die Henne &#x017F;chritten gackernd und maje&#x017F;ta&#x0364;ti&#x017F;ch<lb/>
u&#x0364;ber den Schloßhof auf den &#x017F;ehr kun&#x017F;treich von Stein er¬<lb/>
bauten Hu&#x0364;hner&#x017F;tall zu, de&#x017F;&#x017F;en Dach allein im Schloße bis<lb/>
auf einige Lu&#x0364;cken im Stande war. Als Alektryo u&#x0364;ber die<lb/>
Schwelle &#x017F;chritt, bu&#x0364;ckte er &#x017F;ich tief mit dem Kopf, als be¬<lb/>
fu&#x0364;rchtete er, mit &#x017F;einem hohen rothen Kamme oben anzu¬<lb/>
&#x017F;to&#x017F;&#x017F;en, da die Thu&#x0364;re doch fu&#x0364;r einen &#x017F;tarken Mann hoch ge¬<lb/>
nug war; aber die&#x017F;es war im Gefu&#x0364;hle &#x017F;eines Adels, denn<lb/>
alle hohen Adeligen und alle gekro&#x0364;nten Ha&#x0364;upter pflegten in<lb/>
den guten alten Zeiten es &#x017F;o zu machen, wenn &#x017F;ie durch ein<lb/>
Thor &#x017F;chritten; das kam aber von den er&#x017F;taunlich hohen Fe¬<lb/>
derbu&#x0364;&#x017F;chen her, welche ihre Vorfahren auf den Helmen<lb/>
getragen hatten.</p><lb/>
        <p>In die&#x017F;em Hu&#x0364;hner&#x017F;talle nun, de&#x017F;&#x017F;en Fen&#x017F;ter in ein klei¬<lb/>
nes Ga&#x0364;rtchen giengen, richteten &#x017F;ie &#x017F;ich ein, &#x017F;o gut &#x017F;ie konn¬<lb/>
ten; Gockel ha&#x0364;ngte &#x017F;eine Erbhu&#x0364;hnertrage an einen Haken<lb/>
hoch an der Wand auf, &#x017F;tellte die Hu&#x0364;hner&#x017F;teige daran, und<lb/>
Alektryo und Gallina &#x017F;agten gute Nacht und &#x017F;pazierten &#x017F;<lb/>
gleich fein ordentlich hintereinander hinauf und &#x017F;etzten &#x017F;ich<lb/>
&#x017F;till zu&#x017F;ammen und ließen &#x017F;ich was tra&#x0364;umen. &#x2014; Frau Hinkel<lb/>
&#x017F;tellte den Korb, den Spinnrocken, den Brat&#x017F;pieß, die<lb/>
Pfanne, die Schu&#x0364;&#x017F;&#x017F;el, den Topf und den Wa&#x017F;&#x017F;erkrug an<lb/>
ihre Stelle, und Gackeleia &#x017F;etzte das Hu&#x0364;hnerne&#x017F;t, wo es hin<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[18/0044] Broſamen aus, was mit großem Beifall von allen den Voͤ¬ geln aufgenommen ward. Hierauf zogen ſie in die alte verfallene Schloßkapelle, knieten neben den wilden Waldblumen am Altare dicht bei dem Grabſtein des alten Urgockels von Hanau nieder, ſag¬ ten Gott fuͤr ihre gluͤckliche Reiſe Dank, und flehten ihn um fernern Schutz und Segen an. Waͤhrend ihres Gebetes wa¬ ren alle Voͤgel ganz ſtille, und da ſie ſich von den Knieen erhoben, lockten Alektryo und Gallina, als Schloßhauptmann und Schluͤſſeldame, an der Thuͤre, ſie ſollten ihnen nach dem ausgeſuchten Gemache folgen. Sie thaten dieß, und der Hahn und die Henne ſchritten gackernd und majeſtaͤtiſch uͤber den Schloßhof auf den ſehr kunſtreich von Stein er¬ bauten Huͤhnerſtall zu, deſſen Dach allein im Schloße bis auf einige Luͤcken im Stande war. Als Alektryo uͤber die Schwelle ſchritt, buͤckte er ſich tief mit dem Kopf, als be¬ fuͤrchtete er, mit ſeinem hohen rothen Kamme oben anzu¬ ſtoſſen, da die Thuͤre doch fuͤr einen ſtarken Mann hoch ge¬ nug war; aber dieſes war im Gefuͤhle ſeines Adels, denn alle hohen Adeligen und alle gekroͤnten Haͤupter pflegten in den guten alten Zeiten es ſo zu machen, wenn ſie durch ein Thor ſchritten; das kam aber von den erſtaunlich hohen Fe¬ derbuͤſchen her, welche ihre Vorfahren auf den Helmen getragen hatten. In dieſem Huͤhnerſtalle nun, deſſen Fenſter in ein klei¬ nes Gaͤrtchen giengen, richteten ſie ſich ein, ſo gut ſie konn¬ ten; Gockel haͤngte ſeine Erbhuͤhnertrage an einen Haken hoch an der Wand auf, ſtellte die Huͤhnerſteige daran, und Alektryo und Gallina ſagten gute Nacht und ſpazierten ſo¬ gleich fein ordentlich hintereinander hinauf und ſetzten ſich ſtill zuſammen und ließen ſich was traͤumen. — Frau Hinkel ſtellte den Korb, den Spinnrocken, den Bratſpieß, die Pfanne, die Schuͤſſel, den Topf und den Waſſerkrug an ihre Stelle, und Gackeleia ſetzte das Huͤhnerneſt, wo es hin

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/brentano_gockel_1838
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/brentano_gockel_1838/44
Zitationshilfe: Brentano, Clemens: Gockel, Hinkel und Gackeleia. Frankfurt, 1838, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brentano_gockel_1838/44>, abgerufen am 11.05.2021.