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Brockes, Barthold Heinrich: Herrn B. H. Brockes, [...] verdeutschte Grund-Sätze der Welt-Weisheit, des Herrn Abts Genest. Bd. 3. 2. Aufl. Hamburg, 1730.

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Von dem Gesicht.
Der Stoff formirt das Werckzeug, anders nichts:
Und den verschiednen Druck formirt der Strahl des Lichts.
Die Brüche, welche sich verändern für und für,
Sind zarte Pinselchen, wodurch von allen Bildern
Solch eine Menge sich auf der Retina schildern,
Mit allen ihren Linien
Und Farben, selbst mit den Bewegungen.


Um ohne Furcht zu seyn, daß wir uns selbst nicht heucheln,
Noch mit dem Lehr-Gebäu uns selber schmeicheln.
Wenn sich ein menschlicher Verstand
Bestrebt, das Werck von GOTTES Wunder-Hand,
Jm Form von einem Aug' uns künstlich nachzumachen;
So stellet ein geschliffen Glas
Uns alle Würckungen und alle Sachen
Von dem crystallnem Naß
Recht augenscheinlich dar; zumahlen
Wenn man an der Retinen statt
Ein Pergament-Blat stellt, wo die vereinten Strahlen
Sich hemmen und zusammen halten;
So stellt sich, von den äuseren Gestalten,
Das Mahlwerck deutlich dar.
Das Pergament empfängt die Bilder hell und klar;
So wie in unser Aug' ein jeder Vorwurf fällt,
Und sich in selbiges mit Züg' und Farben stellt.


Hiedurch nun können wir vom Aug' ein Urtheil fällen,
Es dienet, uns allein die Bilder vorzustellen:
Jndem es künstlicher geschnitten und formirt,
Und die Natur ihr Glas noch sauberer polirt.
Nach-
G g 4
Von dem Geſicht.
Der Stoff formirt das Werckzeug, anders nichts:
Und den verſchiednen Druck formirt der Strahl des Lichts.
Die Bruͤche, welche ſich veraͤndern fuͤr und fuͤr,
Sind zarte Pinſelchen, wodurch von allen Bildern
Solch eine Menge ſich auf der Retina ſchildern,
Mit allen ihren Linien
Und Farben, ſelbſt mit den Bewegungen.


Um ohne Furcht zu ſeyn, daß wir uns ſelbſt nicht heucheln,
Noch mit dem Lehr-Gebaͤu uns ſelber ſchmeicheln.
Wenn ſich ein menſchlicher Verſtand
Beſtrebt, das Werck von GOTTES Wunder-Hand,
Jm Form von einem Aug’ uns kuͤnſtlich nachzumachen;
So ſtellet ein geſchliffen Glas
Uns alle Wuͤrckungen und alle Sachen
Von dem cryſtallnem Naß
Recht augenſcheinlich dar; zumahlen
Wenn man an der Retinen ſtatt
Ein Pergament-Blat ſtellt, wo die vereinten Strahlen
Sich hemmen und zuſammen halten;
So ſtellt ſich, von den aͤuſeren Geſtalten,
Das Mahlwerck deutlich dar.
Das Pergament empfaͤngt die Bilder hell und klar;
So wie in unſer Aug’ ein jeder Vorwurf faͤllt,
Und ſich in ſelbiges mit Zuͤg’ und Farben ſtellt.


Hiedurch nun koͤnnen wir vom Aug’ ein Urtheil faͤllen,
Es dienet, uns allein die Bilder vorzuſtellen:
Jndem es kuͤnſtlicher geſchnitten und formirt,
Und die Natur ihr Glas noch ſauberer polirt.
Nach-
G g 4
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[471/0501] Von dem Geſicht. Der Stoff formirt das Werckzeug, anders nichts: Und den verſchiednen Druck formirt der Strahl des Lichts. Die Bruͤche, welche ſich veraͤndern fuͤr und fuͤr, Sind zarte Pinſelchen, wodurch von allen Bildern Solch eine Menge ſich auf der Retina ſchildern, Mit allen ihren Linien Und Farben, ſelbſt mit den Bewegungen. Um ohne Furcht zu ſeyn, daß wir uns ſelbſt nicht heucheln, Noch mit dem Lehr-Gebaͤu uns ſelber ſchmeicheln. Wenn ſich ein menſchlicher Verſtand Beſtrebt, das Werck von GOTTES Wunder-Hand, Jm Form von einem Aug’ uns kuͤnſtlich nachzumachen; So ſtellet ein geſchliffen Glas Uns alle Wuͤrckungen und alle Sachen Von dem cryſtallnem Naß Recht augenſcheinlich dar; zumahlen Wenn man an der Retinen ſtatt Ein Pergament-Blat ſtellt, wo die vereinten Strahlen Sich hemmen und zuſammen halten; So ſtellt ſich, von den aͤuſeren Geſtalten, Das Mahlwerck deutlich dar. Das Pergament empfaͤngt die Bilder hell und klar; So wie in unſer Aug’ ein jeder Vorwurf faͤllt, Und ſich in ſelbiges mit Zuͤg’ und Farben ſtellt. Hiedurch nun koͤnnen wir vom Aug’ ein Urtheil faͤllen, Es dienet, uns allein die Bilder vorzuſtellen: Jndem es kuͤnſtlicher geſchnitten und formirt, Und die Natur ihr Glas noch ſauberer polirt. Nach- G g 4

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Zitationshilfe: Brockes, Barthold Heinrich: Herrn B. H. Brockes, [...] verdeutschte Grund-Sätze der Welt-Weisheit, des Herrn Abts Genest. Bd. 3. 2. Aufl. Hamburg, 1730, S. 471. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen03_1730/501>, abgerufen am 12.05.2021.