Von äußern lasset uns zuerst des Fühlens Nutzen über- legen, Und wozu es sowohl den Thieren, als auch den Menschen dien', erwägen.
Wo dieser Sinn uns fehlete, wer würde Speis und Trank begehren? Es würden, ohn ihn, weder Thiere noch Menschen ihr Geschlecht vermehren, Es würd' in unsern Körpern nichts sich fügen, lösen, scheiden, trennen, Was überflüßig von uns führen, noch vor Zerstörung schützen können. Sogar ist selbst der Schmerz uns dienlich, daß wir, um selben zu vermeiden, So inn- als äußerliche Glieder mit Vorsicht zu beschützen streben, Und kurz, wir hätten ohn Gefühl gar kein Empfindlich- keit, kein Leben. Wie denn die andern Sinnen alle, da das Gefühl so all- gemein, Recht in der That und eigentlich nur Gattungen von Füh- len seyn. Wir unterscheiden und erkennen vermittelst dieser Sinn- lichkeit Der Körper äußerliches Wesen, Figuren und Beschaf- fenheit; Jndem, was warm ist und was kalt, was naß und tro- cken, weich und fest, Was rauh und glatt ist, durchs Gefühl sich ganz allein begreifen läßt, Und zwar vermittelst kleinern Wärzlein, die an der Ner- ven Enden sitzen,
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uͤber das Reich der Thiere.
Von aͤußern laſſet uns zuerſt des Fuͤhlens Nutzen uͤber- legen, Und wozu es ſowohl den Thieren, als auch den Menſchen dien’, erwaͤgen.
Wo dieſer Sinn uns fehlete, wer wuͤrde Speis und Trank begehren? Es wuͤrden, ohn ihn, weder Thiere noch Menſchen ihr Geſchlecht vermehren, Es wuͤrd’ in unſern Koͤrpern nichts ſich fuͤgen, loͤſen, ſcheiden, trennen, Was uͤberfluͤßig von uns fuͤhren, noch vor Zerſtoͤrung ſchuͤtzen koͤnnen. Sogar iſt ſelbſt der Schmerz uns dienlich, daß wir, um ſelben zu vermeiden, So inn- als aͤußerliche Glieder mit Vorſicht zu beſchuͤtzen ſtreben, Und kurz, wir haͤtten ohn Gefuͤhl gar kein Empfindlich- keit, kein Leben. Wie denn die andern Sinnen alle, da das Gefuͤhl ſo all- gemein, Recht in der That und eigentlich nur Gattungen von Fuͤh- len ſeyn. Wir unterſcheiden und erkennen vermittelſt dieſer Sinn- lichkeit Der Koͤrper aͤußerliches Weſen, Figuren und Beſchaf- fenheit; Jndem, was warm iſt und was kalt, was naß und tro- cken, weich und feſt, Was rauh und glatt iſt, durchs Gefuͤhl ſich ganz allein begreifen laͤßt, Und zwar vermittelſt kleinern Waͤrzlein, die an der Ner- ven Enden ſitzen,
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uͤber das Reich der Thiere.
Von aͤußern laſſet uns zuerſt des Fuͤhlens Nutzen uͤber-
legen,
Und wozu es ſowohl den Thieren, als auch den Menſchen
dien’, erwaͤgen.
Wo dieſer Sinn uns fehlete, wer wuͤrde Speis und
Trank begehren?
Es wuͤrden, ohn ihn, weder Thiere noch Menſchen ihr
Geſchlecht vermehren,
Es wuͤrd’ in unſern Koͤrpern nichts ſich fuͤgen, loͤſen,
ſcheiden, trennen,
Was uͤberfluͤßig von uns fuͤhren, noch vor Zerſtoͤrung
ſchuͤtzen koͤnnen.
Sogar iſt ſelbſt der Schmerz uns dienlich, daß wir, um
ſelben zu vermeiden,
So inn- als aͤußerliche Glieder mit Vorſicht zu beſchuͤtzen
ſtreben,
Und kurz, wir haͤtten ohn Gefuͤhl gar kein Empfindlich-
keit, kein Leben.
Wie denn die andern Sinnen alle, da das Gefuͤhl ſo all-
gemein,
Recht in der That und eigentlich nur Gattungen von Fuͤh-
len ſeyn.
Wir unterſcheiden und erkennen vermittelſt dieſer Sinn-
lichkeit
Der Koͤrper aͤußerliches Weſen, Figuren und Beſchaf-
fenheit;
Jndem, was warm iſt und was kalt, was naß und tro-
cken, weich und feſt,
Was rauh und glatt iſt, durchs Gefuͤhl ſich ganz allein
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Und zwar vermittelſt kleinern Waͤrzlein, die an der Ner-
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Brockes, Barthold Heinrich: Physikalische und moralische Gedanken über die drey Reiche der Natur. Bd. 9. Hamburg u. a., 1748, S. 211. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen09_1748/231>, abgerufen am 15.09.2024.
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