Jm Sitz der Seelen, im Gehirn, des Nachts in unsern Träumen ein. Nachdem wir nun von vielen Theilen im Thierreich et- was wahrgenommen, So laßt uns auch mit unserm Denken aufs Wunder ih- rer Zeugung kommen, Und erst den Stoff, woraus die Thiere, sowohl als wie wir selbst, bestehn, Den Samen nämlich, uns bemühen, so viel uns mög- lich, einzusehn. Doch ehe wir dazu gelangen, muß ich mit wenigem erst zeigen, Daß die vordem gehegte Meynung, ob könnten Körper, welche leben, Aus Feuchtigkeit und Wärm entstehn, und aus der Gähr- und Fäulung steigen, Bey allen Klugen aufgehört. Wir können klare Proben geben, Daß dieses gegen die Natur. Der Satz ist nunmehr fest gegründet, Daß man von allem, was da lebt, den Ursprung in dem Samen findet.
Es hat die Vorsicht der Natur, die auf beständ'ge Dauer denket, Jndem sie der Geschöpfe Wesen besorgt, und zu erhalten strebt, Nebst allen Thieren, auch dem Menschen, ein geisterreiches Naß geschenket, Worinn fast ein mechanisch Wissen, so wie es scheinet, gleichsam lebt, Daß, wenn desselben Geistigkeit ein zugeschicktes Blut be- rührt,
Es
Betrachtungen
Jm Sitz der Seelen, im Gehirn, des Nachts in unſern Traͤumen ein. Nachdem wir nun von vielen Theilen im Thierreich et- was wahrgenommen, So laßt uns auch mit unſerm Denken aufs Wunder ih- rer Zeugung kommen, Und erſt den Stoff, woraus die Thiere, ſowohl als wie wir ſelbſt, beſtehn, Den Samen naͤmlich, uns bemuͤhen, ſo viel uns moͤg- lich, einzuſehn. Doch ehe wir dazu gelangen, muß ich mit wenigem erſt zeigen, Daß die vordem gehegte Meynung, ob koͤnnten Koͤrper, welche leben, Aus Feuchtigkeit und Waͤrm entſtehn, und aus der Gaͤhr- und Faͤulung ſteigen, Bey allen Klugen aufgehoͤrt. Wir koͤnnen klare Proben geben, Daß dieſes gegen die Natur. Der Satz iſt nunmehr feſt gegruͤndet, Daß man von allem, was da lebt, den Urſprung in dem Samen findet.
Es hat die Vorſicht der Natur, die auf beſtaͤnd’ge Dauer denket, Jndem ſie der Geſchoͤpfe Weſen beſorgt, und zu erhalten ſtrebt, Nebſt allen Thieren, auch dem Menſchen, ein geiſterreiches Naß geſchenket, Worinn faſt ein mechaniſch Wiſſen, ſo wie es ſcheinet, gleichſam lebt, Daß, wenn deſſelben Geiſtigkeit ein zugeſchicktes Blut be- ruͤhrt,
Es
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Betrachtungen
Jm Sitz der Seelen, im Gehirn, des Nachts in unſern
Traͤumen ein.
Nachdem wir nun von vielen Theilen im Thierreich et-
was wahrgenommen,
So laßt uns auch mit unſerm Denken aufs Wunder ih-
rer Zeugung kommen,
Und erſt den Stoff, woraus die Thiere, ſowohl als wie
wir ſelbſt, beſtehn,
Den Samen naͤmlich, uns bemuͤhen, ſo viel uns moͤg-
lich, einzuſehn.
Doch ehe wir dazu gelangen, muß ich mit wenigem erſt
zeigen,
Daß die vordem gehegte Meynung, ob koͤnnten Koͤrper,
welche leben,
Aus Feuchtigkeit und Waͤrm entſtehn, und aus der Gaͤhr-
und Faͤulung ſteigen,
Bey allen Klugen aufgehoͤrt. Wir koͤnnen klare Proben
geben,
Daß dieſes gegen die Natur. Der Satz iſt nunmehr
feſt gegruͤndet,
Daß man von allem, was da lebt, den Urſprung in dem
Samen findet.
Es hat die Vorſicht der Natur, die auf beſtaͤnd’ge
Dauer denket,
Jndem ſie der Geſchoͤpfe Weſen beſorgt, und zu erhalten
ſtrebt,
Nebſt allen Thieren, auch dem Menſchen, ein geiſterreiches
Naß geſchenket,
Worinn faſt ein mechaniſch Wiſſen, ſo wie es ſcheinet,
gleichſam lebt,
Daß, wenn deſſelben Geiſtigkeit ein zugeſchicktes Blut be-
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Brockes, Barthold Heinrich: Physikalische und moralische Gedanken über die drey Reiche der Natur. Bd. 9. Hamburg u. a., 1748, S. 218. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen09_1748/238>, abgerufen am 15.09.2024.
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