Wer konnt' in so geringen Stoff so wunderwürd'ge Wir- kung legen? Wo wird wohl mehr der Gottheit Allmacht, und ein er- schaffender Verstand Als im Geheimnisse der Samen, der unbegreiflich ist, er- kannt? Jndem es aller Menschen Witz und Kraft zu denken über- wieget, Wie, in so schlechtem Stoff und Raum, von so vortreff- lichem Geschick Ein Körper, wunderbar von Form, ein himmlisch Kunst- und Meisterstück, Ein Herr der Kreatur, ja gleichsam ein göttlich Thier verborgen lieget.
Daß jedes Thier aus einem Samen erzielet werd', ist uns bekannt, Auch daß von zweyerley Geschlechtern, wenn eine Zeu- gung soll entstehn, Auf eine sonderbare Weise müss' eine Mischung erst ge- schehn, Bestätiget uns die Erfahrung, doch fass't der menschliche Verstand Den wahren Grund der Handlung nicht. Nachdem ich dieses oft erwogen, Und mehr als einmal meine Sinnen bey diesem Werk zu Rath gezogen, So sah' ich jüngst ein Pferd belegen, da ich denn den er- hitzten Stand Des Hengstes, und darauf die Kälte nicht weniger be- trächtlich fand; Er sprang, er schnaubt', er schüttelte so Mähn als Hals, er wrinscht', er bäumte,
Durch
Betrachtungen
Wer konnt’ in ſo geringen Stoff ſo wunderwuͤrd’ge Wir- kung legen? Wo wird wohl mehr der Gottheit Allmacht, und ein er- ſchaffender Verſtand Als im Geheimniſſe der Samen, der unbegreiflich iſt, er- kannt? Jndem es aller Menſchen Witz und Kraft zu denken uͤber- wieget, Wie, in ſo ſchlechtem Stoff und Raum, von ſo vortreff- lichem Geſchick Ein Koͤrper, wunderbar von Form, ein himmliſch Kunſt- und Meiſterſtuͤck, Ein Herr der Kreatur, ja gleichſam ein goͤttlich Thier verborgen lieget.
Daß jedes Thier aus einem Samen erzielet werd’, iſt uns bekannt, Auch daß von zweyerley Geſchlechtern, wenn eine Zeu- gung ſoll entſtehn, Auf eine ſonderbare Weiſe muͤſſ’ eine Miſchung erſt ge- ſchehn, Beſtaͤtiget uns die Erfahrung, doch faſſ’t der menſchliche Verſtand Den wahren Grund der Handlung nicht. Nachdem ich dieſes oft erwogen, Und mehr als einmal meine Sinnen bey dieſem Werk zu Rath gezogen, So ſah’ ich juͤngſt ein Pferd belegen, da ich denn den er- hitzten Stand Des Hengſtes, und darauf die Kaͤlte nicht weniger be- traͤchtlich fand; Er ſprang, er ſchnaubt’, er ſchuͤttelte ſo Maͤhn als Hals, er wrinſcht’, er baͤumte,
Durch
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><pbfacs="#f0240"n="220"/><fwplace="top"type="header">Betrachtungen</fw><lb/><lgn="43"><l>Wer konnt’ in ſo geringen Stoff ſo wunderwuͤrd’ge Wir-<lb/><hirendition="#et">kung legen?</hi></l><lb/><l>Wo wird wohl mehr der Gottheit Allmacht, und ein er-<lb/><hirendition="#et">ſchaffender Verſtand</hi></l><lb/><l>Als im Geheimniſſe der Samen, der unbegreiflich iſt, er-<lb/><hirendition="#et">kannt?</hi></l><lb/><l>Jndem es aller Menſchen Witz und Kraft zu denken uͤber-<lb/><hirendition="#et">wieget,</hi></l><lb/><l>Wie, in ſo ſchlechtem Stoff und Raum, von ſo vortreff-<lb/><hirendition="#et">lichem Geſchick</hi></l><lb/><l>Ein Koͤrper, wunderbar von Form, ein himmliſch Kunſt-<lb/><hirendition="#et">und Meiſterſtuͤck,</hi></l><lb/><l>Ein Herr der Kreatur, ja gleichſam ein goͤttlich Thier<lb/><hirendition="#et">verborgen lieget.</hi></l></lg><lb/><lgn="44"><l>Daß jedes Thier aus einem Samen erzielet werd’, iſt<lb/><hirendition="#et">uns bekannt,</hi></l><lb/><l>Auch daß von zweyerley Geſchlechtern, wenn eine Zeu-<lb/><hirendition="#et">gung ſoll entſtehn,</hi></l><lb/><l>Auf eine ſonderbare Weiſe muͤſſ’ eine Miſchung erſt ge-<lb/><hirendition="#et">ſchehn,</hi></l><lb/><l>Beſtaͤtiget uns die Erfahrung, doch faſſ’t der menſchliche<lb/><hirendition="#et">Verſtand</hi></l><lb/><l>Den wahren Grund der Handlung nicht. Nachdem ich<lb/><hirendition="#et">dieſes oft erwogen,</hi></l><lb/><l>Und mehr als einmal meine Sinnen bey dieſem Werk zu<lb/><hirendition="#et">Rath gezogen,</hi></l><lb/><l>So ſah’ ich juͤngſt ein Pferd belegen, da ich denn den er-<lb/><hirendition="#et">hitzten Stand</hi></l><lb/><l>Des Hengſtes, und darauf die Kaͤlte nicht weniger be-<lb/><hirendition="#et">traͤchtlich fand;</hi></l><lb/><l>Er ſprang, er ſchnaubt’, er ſchuͤttelte ſo Maͤhn als Hals,<lb/><hirendition="#et">er wrinſcht’, er baͤumte,</hi></l></lg><lb/><fwplace="bottom"type="catch">Durch</fw><lb/></div></div></body></text></TEI>
[220/0240]
Betrachtungen
Wer konnt’ in ſo geringen Stoff ſo wunderwuͤrd’ge Wir-
kung legen?
Wo wird wohl mehr der Gottheit Allmacht, und ein er-
ſchaffender Verſtand
Als im Geheimniſſe der Samen, der unbegreiflich iſt, er-
kannt?
Jndem es aller Menſchen Witz und Kraft zu denken uͤber-
wieget,
Wie, in ſo ſchlechtem Stoff und Raum, von ſo vortreff-
lichem Geſchick
Ein Koͤrper, wunderbar von Form, ein himmliſch Kunſt-
und Meiſterſtuͤck,
Ein Herr der Kreatur, ja gleichſam ein goͤttlich Thier
verborgen lieget.
Daß jedes Thier aus einem Samen erzielet werd’, iſt
uns bekannt,
Auch daß von zweyerley Geſchlechtern, wenn eine Zeu-
gung ſoll entſtehn,
Auf eine ſonderbare Weiſe muͤſſ’ eine Miſchung erſt ge-
ſchehn,
Beſtaͤtiget uns die Erfahrung, doch faſſ’t der menſchliche
Verſtand
Den wahren Grund der Handlung nicht. Nachdem ich
dieſes oft erwogen,
Und mehr als einmal meine Sinnen bey dieſem Werk zu
Rath gezogen,
So ſah’ ich juͤngſt ein Pferd belegen, da ich denn den er-
hitzten Stand
Des Hengſtes, und darauf die Kaͤlte nicht weniger be-
traͤchtlich fand;
Er ſprang, er ſchnaubt’, er ſchuͤttelte ſo Maͤhn als Hals,
er wrinſcht’, er baͤumte,
Durch
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Brockes, Barthold Heinrich: Physikalische und moralische Gedanken über die drey Reiche der Natur. Bd. 9. Hamburg u. a., 1748, S. 220. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen09_1748/240>, abgerufen am 15.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.