Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860.

Bild:
<< vorherige Seite

handelt es sich wesentlich nur um Erheiterung dritter Per-2. Abschnitt.
sonen durch Wiedererzählung von komischen und graziösen
Geschichten und Worten; vor directen Witzen wird eher
gewarnt, indem man damit Unglückliche kränke, Verbrechern
zu viele Ehre anthue und Mächtige und durch Gunst ver-
wöhnte zur Rache reize, und auch für das Wiedererzählen
wird dem Mann von Stande ein weises Maßhalten in der
nachahmenden Dramatik, d. h. in den Grimassen empfohlen.
Dann folgt aber, nicht bloß zum Wiedererzählen, sondern
als Paradigma für künftige Witzbildner, eine reiche Samm-
lung von Sach- und Wortwitzen, methodisch nach Gattun-
gen geordnet, darunter viele ganz vortreffliche. Viel strenger
und behutsamer lautet etwa zwei Jahrzehnde später die
Doctrin des Giovanni della Casa in seiner Anweisung zur
guten Lebensart 1); im Hinblick auf die Folgen will er
aus Witzen und Burle die Absicht des Triumphirens völlig
verbannt wissen. Er ist der Herold einer Reaction, welche
eintreten mußte.

In der That war Italien eine Lästerschule gewordenDie Lästerung,
wie die Welt seitdem keine zweite mehr aufzuweisen gehabt
hat, selbst in dem Frankreich Voltaire's nicht. Am Geist
des Verneinens fehlte es dem letztern und seinen Genossen
nicht, aber wo hätte man im vorigen Jahrhundert die Fülle
von passenden Opfern hernehmen sollen, jene zahllosen
hoch und eigenartig entwickelten Menschen, Celebritäten jeder
Gattung, Staatsmänner, Geistliche, Erfinder und Entdecker,
Literaten, Dichter und Künstler, die obendrein ihre Eigen-
thümlichkeit ohne Rückhalt walten ließen? Im XV. und
XVI. Jahrhundert existirte diese Heerschaar, und neben
ihr hatte die allgemeine Bildungshöhe ein furchtbares Ge-
schlecht von geistreichen Ohnmächtigen, von geborenen Kritt-
lern und Lästerern groß gezogen, deren Neid seine Heka-
tomben verlangte; dazu kam aber noch der Neid der

1) Gal ateo del Casa, ed. Venez. 1789, p. 26, s. 48.
Cultur der Renaissance. 11

handelt es ſich weſentlich nur um Erheiterung dritter Per-2. Abſchnitt.
ſonen durch Wiedererzählung von komiſchen und graziöſen
Geſchichten und Worten; vor directen Witzen wird eher
gewarnt, indem man damit Unglückliche kränke, Verbrechern
zu viele Ehre anthue und Mächtige und durch Gunſt ver-
wöhnte zur Rache reize, und auch für das Wiedererzählen
wird dem Mann von Stande ein weiſes Maßhalten in der
nachahmenden Dramatik, d. h. in den Grimaſſen empfohlen.
Dann folgt aber, nicht bloß zum Wiedererzählen, ſondern
als Paradigma für künftige Witzbildner, eine reiche Samm-
lung von Sach- und Wortwitzen, methodiſch nach Gattun-
gen geordnet, darunter viele ganz vortreffliche. Viel ſtrenger
und behutſamer lautet etwa zwei Jahrzehnde ſpäter die
Doctrin des Giovanni della Caſa in ſeiner Anweiſung zur
guten Lebensart 1); im Hinblick auf die Folgen will er
aus Witzen und Burle die Abſicht des Triumphirens völlig
verbannt wiſſen. Er iſt der Herold einer Reaction, welche
eintreten mußte.

In der That war Italien eine Läſterſchule gewordenDie Läſterung,
wie die Welt ſeitdem keine zweite mehr aufzuweiſen gehabt
hat, ſelbſt in dem Frankreich Voltaire's nicht. Am Geiſt
des Verneinens fehlte es dem letztern und ſeinen Genoſſen
nicht, aber wo hätte man im vorigen Jahrhundert die Fülle
von paſſenden Opfern hernehmen ſollen, jene zahlloſen
hoch und eigenartig entwickelten Menſchen, Celebritäten jeder
Gattung, Staatsmänner, Geiſtliche, Erfinder und Entdecker,
Literaten, Dichter und Künſtler, die obendrein ihre Eigen-
thümlichkeit ohne Rückhalt walten ließen? Im XV. und
XVI. Jahrhundert exiſtirte dieſe Heerſchaar, und neben
ihr hatte die allgemeine Bildungshöhe ein furchtbares Ge-
ſchlecht von geiſtreichen Ohnmächtigen, von geborenen Kritt-
lern und Läſterern groß gezogen, deren Neid ſeine Heka-
tomben verlangte; dazu kam aber noch der Neid der

1) Gal ateo del Casa, ed. Venez. 1789, p. 26, s. 48.
Cultur der Renaiſſance. 11
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0171" n="161"/>
handelt es &#x017F;ich we&#x017F;entlich nur um Erheiterung dritter Per-<note place="right"><hi rendition="#b"><hi rendition="#u">2. Ab&#x017F;chnitt.</hi></hi></note><lb/>
&#x017F;onen durch Wiedererzählung von komi&#x017F;chen und graziö&#x017F;en<lb/>
Ge&#x017F;chichten und Worten; vor directen Witzen wird eher<lb/>
gewarnt, indem man damit Unglückliche kränke, Verbrechern<lb/>
zu viele Ehre anthue und Mächtige und durch Gun&#x017F;t ver-<lb/>
wöhnte zur Rache reize, und auch für das Wiedererzählen<lb/>
wird dem Mann von Stande ein wei&#x017F;es Maßhalten in der<lb/>
nachahmenden Dramatik, d. h. in den Grima&#x017F;&#x017F;en empfohlen.<lb/>
Dann folgt aber, nicht bloß zum Wiedererzählen, &#x017F;ondern<lb/>
als Paradigma für künftige Witzbildner, eine reiche Samm-<lb/>
lung von Sach- und Wortwitzen, methodi&#x017F;ch nach Gattun-<lb/>
gen geordnet, darunter viele ganz vortreffliche. Viel &#x017F;trenger<lb/>
und behut&#x017F;amer lautet etwa zwei Jahrzehnde &#x017F;päter die<lb/>
Doctrin des Giovanni della Ca&#x017F;a in &#x017F;einer Anwei&#x017F;ung zur<lb/>
guten Lebensart <note place="foot" n="1)"><hi rendition="#aq">Gal ateo del Casa, ed. Venez. 1789, p. 26, s.</hi> 48.</note>; im Hinblick auf die Folgen will er<lb/>
aus Witzen und Burle die Ab&#x017F;icht des Triumphirens völlig<lb/>
verbannt wi&#x017F;&#x017F;en. Er i&#x017F;t der Herold einer Reaction, welche<lb/>
eintreten mußte.</p><lb/>
        <p>In der That war Italien eine Lä&#x017F;ter&#x017F;chule geworden<note place="right">Die Lä&#x017F;terung,</note><lb/>
wie die Welt &#x017F;eitdem keine zweite mehr aufzuwei&#x017F;en gehabt<lb/>
hat, &#x017F;elb&#x017F;t in dem Frankreich Voltaire's nicht. Am Gei&#x017F;t<lb/>
des Verneinens fehlte es dem letztern und &#x017F;einen Geno&#x017F;&#x017F;en<lb/>
nicht, aber wo hätte man im vorigen Jahrhundert die Fülle<lb/>
von pa&#x017F;&#x017F;enden Opfern hernehmen &#x017F;ollen, jene zahllo&#x017F;en<lb/>
hoch und eigenartig entwickelten Men&#x017F;chen, Celebritäten jeder<lb/>
Gattung, Staatsmänner, Gei&#x017F;tliche, Erfinder und Entdecker,<lb/>
Literaten, Dichter und Kün&#x017F;tler, die obendrein ihre Eigen-<lb/>
thümlichkeit ohne Rückhalt walten ließen? Im <hi rendition="#aq">XV.</hi> und<lb/><hi rendition="#aq">XVI.</hi> Jahrhundert exi&#x017F;tirte die&#x017F;e Heer&#x017F;chaar, und neben<lb/>
ihr hatte die allgemeine Bildungshöhe ein furchtbares Ge-<lb/>
&#x017F;chlecht von gei&#x017F;treichen Ohnmächtigen, von geborenen Kritt-<lb/>
lern und Lä&#x017F;terern groß gezogen, deren Neid &#x017F;eine Heka-<lb/>
tomben verlangte; dazu kam aber noch der Neid der<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">Cultur der Renai&#x017F;&#x017F;ance. 11</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[161/0171] handelt es ſich weſentlich nur um Erheiterung dritter Per- ſonen durch Wiedererzählung von komiſchen und graziöſen Geſchichten und Worten; vor directen Witzen wird eher gewarnt, indem man damit Unglückliche kränke, Verbrechern zu viele Ehre anthue und Mächtige und durch Gunſt ver- wöhnte zur Rache reize, und auch für das Wiedererzählen wird dem Mann von Stande ein weiſes Maßhalten in der nachahmenden Dramatik, d. h. in den Grimaſſen empfohlen. Dann folgt aber, nicht bloß zum Wiedererzählen, ſondern als Paradigma für künftige Witzbildner, eine reiche Samm- lung von Sach- und Wortwitzen, methodiſch nach Gattun- gen geordnet, darunter viele ganz vortreffliche. Viel ſtrenger und behutſamer lautet etwa zwei Jahrzehnde ſpäter die Doctrin des Giovanni della Caſa in ſeiner Anweiſung zur guten Lebensart 1); im Hinblick auf die Folgen will er aus Witzen und Burle die Abſicht des Triumphirens völlig verbannt wiſſen. Er iſt der Herold einer Reaction, welche eintreten mußte. 2. Abſchnitt. In der That war Italien eine Läſterſchule geworden wie die Welt ſeitdem keine zweite mehr aufzuweiſen gehabt hat, ſelbſt in dem Frankreich Voltaire's nicht. Am Geiſt des Verneinens fehlte es dem letztern und ſeinen Genoſſen nicht, aber wo hätte man im vorigen Jahrhundert die Fülle von paſſenden Opfern hernehmen ſollen, jene zahlloſen hoch und eigenartig entwickelten Menſchen, Celebritäten jeder Gattung, Staatsmänner, Geiſtliche, Erfinder und Entdecker, Literaten, Dichter und Künſtler, die obendrein ihre Eigen- thümlichkeit ohne Rückhalt walten ließen? Im XV. und XVI. Jahrhundert exiſtirte dieſe Heerſchaar, und neben ihr hatte die allgemeine Bildungshöhe ein furchtbares Ge- ſchlecht von geiſtreichen Ohnmächtigen, von geborenen Kritt- lern und Läſterern groß gezogen, deren Neid ſeine Heka- tomben verlangte; dazu kam aber noch der Neid der Die Läſterung, 1) Gal ateo del Casa, ed. Venez. 1789, p. 26, s. 48. Cultur der Renaiſſance. 11

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/171
Zitationshilfe: Burckhardt, Jacob: Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860, S. 161. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/burckhardt_renaissance_1860/171>, abgerufen am 12.05.2021.