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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

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Die Entstehung einer neuen Welt.
Frankreich's aus den Augen, sowie den organischen Grund der offenbaren
Verwandtschaft zwischen dem Charakter und den Leistungen Spanien's
und Italien's in früheren Jahrhunderten und denen des Nordens. Sowohl
die Vergangenheit wie die Gegenwart wird hierdurch rätselhaft. Und
da man den grossen Zusammenhang nicht überblickt, gewinnt man
keine rechte Einsicht in das Leben aller jener Einzelheiten, die Lamprecht
mit so viel Liebe und Verständnis darstellt. Manche glauben, seine
Behandlung sei zu allumfassend und daher unübersichtlich; es ist aber
im Gegenteil die Beschränktheit des Standpunktes, welche das Ver-
ständnis hemmt; denn es wäre leichter, die Entwickelung des gesamten
Germanentums kurz und bündig darzustellen, als die eines Bruchteiles.
Wir Germanen haben uns freilich im Laufe der Zeit zu höchst
charakteristisch verschiedenen, nationalen Individualitäten entwickelt,
ausserdem sind wir von verschiedenen Halbbrüdern umringt, doch
bilden wir eine so fest verkittete Einheit, deren Teile so unbedingt
aufeinander angewiesen sind, dass schon die politische Entwickelung
des einen Landes allseitig beeinflusst und beeinflussend ist, seine Civilisation
und Kultur aber gar nicht als ein vereinzeltes, autonomes dargestellt
werden kann. Eine chinesische Civilisation giebt es, nicht aber eine
französische und nicht eine deutsche: darum kann man ihre Ge-
schichte nicht schreiben.

Die
Notbrücke.

Hier bleibt also ein Lücke auszufüllen. Und da ich weder meine
Darstellung der Grundlagen unseres Jahrhunderts mit einem klaffenden
Riss abbrechen kann, noch mir selber die Befähigung, eine so tiefe
Kluft auszufüllen, zutrauen darf, will ich jetzt versuchen, eine kühne,
leichte Brücke hinüber zu werfen, eine Notbrücke. Das Material ist
ja schon längst von den vorzüglichsten Gelehrten zusammengetragen
worden; ich werde ihnen nicht ins Handwerk pfuschen, sondern den
Wissbegierigen für alle Belehrung auf sie verweisen; hier benötigen
wir nur die Quintessenz der Gedanken, die sich aus dem geschichtlichen
Stoff ergeben, und zwar auch nur insofern, als sie zu unserer Gegen-
wart unmittelbare Beziehung besitzen. Die Unentbehrlichkeit einer
Verbindung zwischen dem Punkt, bis wohin die vorausgegangenen
Ausführungen gereicht hatten und dem 19. Jahrhundert möge die
Kühnheit entschuldigen, die Rücksicht auf den möglichen Umfang
eines einzigen Bandes, sowie das natürliche Prestotempo eines Finale
die leichte Struktur meines Notbaues erklären.



Die Entstehung einer neuen Welt.
Frankreich’s aus den Augen, sowie den organischen Grund der offenbaren
Verwandtschaft zwischen dem Charakter und den Leistungen Spanien’s
und Italien’s in früheren Jahrhunderten und denen des Nordens. Sowohl
die Vergangenheit wie die Gegenwart wird hierdurch rätselhaft. Und
da man den grossen Zusammenhang nicht überblickt, gewinnt man
keine rechte Einsicht in das Leben aller jener Einzelheiten, die Lamprecht
mit so viel Liebe und Verständnis darstellt. Manche glauben, seine
Behandlung sei zu allumfassend und daher unübersichtlich; es ist aber
im Gegenteil die Beschränktheit des Standpunktes, welche das Ver-
ständnis hemmt; denn es wäre leichter, die Entwickelung des gesamten
Germanentums kurz und bündig darzustellen, als die eines Bruchteiles.
Wir Germanen haben uns freilich im Laufe der Zeit zu höchst
charakteristisch verschiedenen, nationalen Individualitäten entwickelt,
ausserdem sind wir von verschiedenen Halbbrüdern umringt, doch
bilden wir eine so fest verkittete Einheit, deren Teile so unbedingt
aufeinander angewiesen sind, dass schon die politische Entwickelung
des einen Landes allseitig beeinflusst und beeinflussend ist, seine Civilisation
und Kultur aber gar nicht als ein vereinzeltes, autonomes dargestellt
werden kann. Eine chinesische Civilisation giebt es, nicht aber eine
französische und nicht eine deutsche: darum kann man ihre Ge-
schichte nicht schreiben.

Die
Notbrücke.

Hier bleibt also ein Lücke auszufüllen. Und da ich weder meine
Darstellung der Grundlagen unseres Jahrhunderts mit einem klaffenden
Riss abbrechen kann, noch mir selber die Befähigung, eine so tiefe
Kluft auszufüllen, zutrauen darf, will ich jetzt versuchen, eine kühne,
leichte Brücke hinüber zu werfen, eine Notbrücke. Das Material ist
ja schon längst von den vorzüglichsten Gelehrten zusammengetragen
worden; ich werde ihnen nicht ins Handwerk pfuschen, sondern den
Wissbegierigen für alle Belehrung auf sie verweisen; hier benötigen
wir nur die Quintessenz der Gedanken, die sich aus dem geschichtlichen
Stoff ergeben, und zwar auch nur insofern, als sie zu unserer Gegen-
wart unmittelbare Beziehung besitzen. Die Unentbehrlichkeit einer
Verbindung zwischen dem Punkt, bis wohin die vorausgegangenen
Ausführungen gereicht hatten und dem 19. Jahrhundert möge die
Kühnheit entschuldigen, die Rücksicht auf den möglichen Umfang
eines einzigen Bandes, sowie das natürliche Prestotempo eines Finale
die leichte Struktur meines Notbaues erklären.



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[728/0207] Die Entstehung einer neuen Welt. Frankreich’s aus den Augen, sowie den organischen Grund der offenbaren Verwandtschaft zwischen dem Charakter und den Leistungen Spanien’s und Italien’s in früheren Jahrhunderten und denen des Nordens. Sowohl die Vergangenheit wie die Gegenwart wird hierdurch rätselhaft. Und da man den grossen Zusammenhang nicht überblickt, gewinnt man keine rechte Einsicht in das Leben aller jener Einzelheiten, die Lamprecht mit so viel Liebe und Verständnis darstellt. Manche glauben, seine Behandlung sei zu allumfassend und daher unübersichtlich; es ist aber im Gegenteil die Beschränktheit des Standpunktes, welche das Ver- ständnis hemmt; denn es wäre leichter, die Entwickelung des gesamten Germanentums kurz und bündig darzustellen, als die eines Bruchteiles. Wir Germanen haben uns freilich im Laufe der Zeit zu höchst charakteristisch verschiedenen, nationalen Individualitäten entwickelt, ausserdem sind wir von verschiedenen Halbbrüdern umringt, doch bilden wir eine so fest verkittete Einheit, deren Teile so unbedingt aufeinander angewiesen sind, dass schon die politische Entwickelung des einen Landes allseitig beeinflusst und beeinflussend ist, seine Civilisation und Kultur aber gar nicht als ein vereinzeltes, autonomes dargestellt werden kann. Eine chinesische Civilisation giebt es, nicht aber eine französische und nicht eine deutsche: darum kann man ihre Ge- schichte nicht schreiben. Hier bleibt also ein Lücke auszufüllen. Und da ich weder meine Darstellung der Grundlagen unseres Jahrhunderts mit einem klaffenden Riss abbrechen kann, noch mir selber die Befähigung, eine so tiefe Kluft auszufüllen, zutrauen darf, will ich jetzt versuchen, eine kühne, leichte Brücke hinüber zu werfen, eine Notbrücke. Das Material ist ja schon längst von den vorzüglichsten Gelehrten zusammengetragen worden; ich werde ihnen nicht ins Handwerk pfuschen, sondern den Wissbegierigen für alle Belehrung auf sie verweisen; hier benötigen wir nur die Quintessenz der Gedanken, die sich aus dem geschichtlichen Stoff ergeben, und zwar auch nur insofern, als sie zu unserer Gegen- wart unmittelbare Beziehung besitzen. Die Unentbehrlichkeit einer Verbindung zwischen dem Punkt, bis wohin die vorausgegangenen Ausführungen gereicht hatten und dem 19. Jahrhundert möge die Kühnheit entschuldigen, die Rücksicht auf den möglichen Umfang eines einzigen Bandes, sowie das natürliche Prestotempo eines Finale die leichte Struktur meines Notbaues erklären.

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Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 728. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/207>, abgerufen am 01.03.2021.