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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

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Geschichtlicher Überblick.
wandelte noch auf Erden. Sehr ähnlich scheint mir bei uns Germanen
die Lage in Bezug auf Religion. Nie hat die Geschichte eine so tief
innerlich religiöse Menschenart gesehen; moralischer ist sie nicht als
andere Menschen, aber viel religiöser. In dieser Beziehung nehmen
wir eine Stellung ein mitteninne zwischen dem Indoarier und dem
Hellenen: das uns angeborene metaphysisch-religiöse Bedürfnis treibt
uns zu einer weit mehr künstlerischen d. h. lichtkräftigeren Weltan-
schauung als die der Inder, zu einer weit innigeren und daher tieferen
als die künstlerisch überragenden Hellenen. Genau dieser Standpunkt
ist es, der den Namen Religion verdient, zum Unterschied von Philo-
sophie und von Kunst. Wollte man die wahren Heiligen, die grossen
Prediger, die barmherzigen Helfer, die Mystiker unserer Rasse auf-
zählen, wollte man sagen, wie Viele Qual und Tod um ihres Glaubens
willen erlitten haben, wollte man nachforschen, eine wie grosse Rolle
religiöse Überzeugung in allen grössten Männern unserer Geschichte
gespielt hat, man käme nie zu Ende; unsere gesamte herrliche Kunst
entwickelt sich ja um den religiösen Mittelpunkt gleich wie die Erde
um die Sonne kreist, und zwar um diese und jene besondere Kirche
nur teilweise und äusserlich, überall aber innerlich um das sehnsuchts-
volle religiöse Herz. Und trotz dieses regen religiösen Lebens die
absoluteste Zerfahrenheit (seit jeher) in religiösen Dingen. Was sehen
wir heute? Der Angelsachse -- von seinem unfehlbaren Lebens-
instinkte getrieben -- klammert sich an irgend eine überlieferte Kirche
an, welche sich in die Politik nicht mischt, damit er wenigstens
"Religion" als Mittelpunkt des Lebens besitze; der Nordländer und
der Slave lösen sich in hundert schwächliche Sekten auf, wohl wissend,
dass sie betrogen sind, doch unfähig, den rechten Weg zu finden; der
Franzose verkümmert vor unseren Augen in öder Skepsis oder stu-
pidestem Mode-Humbug; die südlichen Europäer sind dem unge-
schminkten Götzendienst nunmehr ganz verfallen und damit aus der
Reihe der Kulturvölker ausgetreten; der Deutsche steht abseits und
wartet, dass noch einmal ein Gott vom Himmel steige, oder er wählt
verzweifelt zwischen der Religion der Isis und der Religion des Blöd-
sinnes, genannt "Kraft und Stoff".

Auf manches im Obigen Angedeutete wird in den betreffenden
Abschnitten wieder zurückzukommen sein; einstweilen genügt es, wenn
ich zur ferneren vergleichenden Charakterisierung unserer germanischen
Welt ihre hervorragendste Anlage und zugleich ihre bedenklichste
Schwäche aufgedeckt habe.

Geschichtlicher Überblick.
wandelte noch auf Erden. Sehr ähnlich scheint mir bei uns Germanen
die Lage in Bezug auf Religion. Nie hat die Geschichte eine so tief
innerlich religiöse Menschenart gesehen; moralischer ist sie nicht als
andere Menschen, aber viel religiöser. In dieser Beziehung nehmen
wir eine Stellung ein mitteninne zwischen dem Indoarier und dem
Hellenen: das uns angeborene metaphysisch-religiöse Bedürfnis treibt
uns zu einer weit mehr künstlerischen d. h. lichtkräftigeren Weltan-
schauung als die der Inder, zu einer weit innigeren und daher tieferen
als die künstlerisch überragenden Hellenen. Genau dieser Standpunkt
ist es, der den Namen Religion verdient, zum Unterschied von Philo-
sophie und von Kunst. Wollte man die wahren Heiligen, die grossen
Prediger, die barmherzigen Helfer, die Mystiker unserer Rasse auf-
zählen, wollte man sagen, wie Viele Qual und Tod um ihres Glaubens
willen erlitten haben, wollte man nachforschen, eine wie grosse Rolle
religiöse Überzeugung in allen grössten Männern unserer Geschichte
gespielt hat, man käme nie zu Ende; unsere gesamte herrliche Kunst
entwickelt sich ja um den religiösen Mittelpunkt gleich wie die Erde
um die Sonne kreist, und zwar um diese und jene besondere Kirche
nur teilweise und äusserlich, überall aber innerlich um das sehnsuchts-
volle religiöse Herz. Und trotz dieses regen religiösen Lebens die
absoluteste Zerfahrenheit (seit jeher) in religiösen Dingen. Was sehen
wir heute? Der Angelsachse — von seinem unfehlbaren Lebens-
instinkte getrieben — klammert sich an irgend eine überlieferte Kirche
an, welche sich in die Politik nicht mischt, damit er wenigstens
»Religion« als Mittelpunkt des Lebens besitze; der Nordländer und
der Slave lösen sich in hundert schwächliche Sekten auf, wohl wissend,
dass sie betrogen sind, doch unfähig, den rechten Weg zu finden; der
Franzose verkümmert vor unseren Augen in öder Skepsis oder stu-
pidestem Mode-Humbug; die südlichen Europäer sind dem unge-
schminkten Götzendienst nunmehr ganz verfallen und damit aus der
Reihe der Kulturvölker ausgetreten; der Deutsche steht abseits und
wartet, dass noch einmal ein Gott vom Himmel steige, oder er wählt
verzweifelt zwischen der Religion der Isis und der Religion des Blöd-
sinnes, genannt »Kraft und Stoff«.

Auf manches im Obigen Angedeutete wird in den betreffenden
Abschnitten wieder zurückzukommen sein; einstweilen genügt es, wenn
ich zur ferneren vergleichenden Charakterisierung unserer germanischen
Welt ihre hervorragendste Anlage und zugleich ihre bedenklichste
Schwäche aufgedeckt habe.

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[751/0230] Geschichtlicher Überblick. wandelte noch auf Erden. Sehr ähnlich scheint mir bei uns Germanen die Lage in Bezug auf Religion. Nie hat die Geschichte eine so tief innerlich religiöse Menschenart gesehen; moralischer ist sie nicht als andere Menschen, aber viel religiöser. In dieser Beziehung nehmen wir eine Stellung ein mitteninne zwischen dem Indoarier und dem Hellenen: das uns angeborene metaphysisch-religiöse Bedürfnis treibt uns zu einer weit mehr künstlerischen d. h. lichtkräftigeren Weltan- schauung als die der Inder, zu einer weit innigeren und daher tieferen als die künstlerisch überragenden Hellenen. Genau dieser Standpunkt ist es, der den Namen Religion verdient, zum Unterschied von Philo- sophie und von Kunst. Wollte man die wahren Heiligen, die grossen Prediger, die barmherzigen Helfer, die Mystiker unserer Rasse auf- zählen, wollte man sagen, wie Viele Qual und Tod um ihres Glaubens willen erlitten haben, wollte man nachforschen, eine wie grosse Rolle religiöse Überzeugung in allen grössten Männern unserer Geschichte gespielt hat, man käme nie zu Ende; unsere gesamte herrliche Kunst entwickelt sich ja um den religiösen Mittelpunkt gleich wie die Erde um die Sonne kreist, und zwar um diese und jene besondere Kirche nur teilweise und äusserlich, überall aber innerlich um das sehnsuchts- volle religiöse Herz. Und trotz dieses regen religiösen Lebens die absoluteste Zerfahrenheit (seit jeher) in religiösen Dingen. Was sehen wir heute? Der Angelsachse — von seinem unfehlbaren Lebens- instinkte getrieben — klammert sich an irgend eine überlieferte Kirche an, welche sich in die Politik nicht mischt, damit er wenigstens »Religion« als Mittelpunkt des Lebens besitze; der Nordländer und der Slave lösen sich in hundert schwächliche Sekten auf, wohl wissend, dass sie betrogen sind, doch unfähig, den rechten Weg zu finden; der Franzose verkümmert vor unseren Augen in öder Skepsis oder stu- pidestem Mode-Humbug; die südlichen Europäer sind dem unge- schminkten Götzendienst nunmehr ganz verfallen und damit aus der Reihe der Kulturvölker ausgetreten; der Deutsche steht abseits und wartet, dass noch einmal ein Gott vom Himmel steige, oder er wählt verzweifelt zwischen der Religion der Isis und der Religion des Blöd- sinnes, genannt »Kraft und Stoff«. Auf manches im Obigen Angedeutete wird in den betreffenden Abschnitten wieder zurückzukommen sein; einstweilen genügt es, wenn ich zur ferneren vergleichenden Charakterisierung unserer germanischen Welt ihre hervorragendste Anlage und zugleich ihre bedenklichste Schwäche aufgedeckt habe.

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Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 751. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/230>, abgerufen am 25.02.2021.