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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

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Der Kampf.
wollte man den Blitz, wollte man den Sonnenstrahl an diesen seinen
Wirkungen messen und erkennen. Alle die auf Christus bauten, wollen
wir dafür, dass sie es thaten, verehren, im Übrigen aber uns weder Blick
noch Urteil trüben lassen. Es giebt nicht allein eine Vergangenheit und
Gegenwart, es giebt auch eine Zukunft; für diese müssen wir unsere
volle Freiheit bewahren. Ich bezweifle, ob man die Vergangenheit in
ihrem Verhältnis zur Gegenwart überhaupt richtig zu beurteilen ver-
mag, wenn nicht eine lebendige Ahnung der Bedürfnisse der Zukunft
den Geist emporträgt. Auf dem Boden der Gegenwart allein streift
der Blick zu sehr a fleur de terre, um die Zusammenhänge über-
sehen zu können. Ein Christ war es, und zwar einer, welcher der
römischen Kirche sympathisch gegenüberstand, der am Morgen dieses
Jahrhunderts sprach: "Das neue Testament ist uns noch ein Buch
mit sieben Siegeln. Am Christentum hat man Ewigkeiten zu stu-
dieren. In den Evangelien liegen die Grundzüge künftiger Evange-
lien."1) Wer die Geschichte des Christentums aufmerksam betrachtet,
sieht sie überall und immer im Flusse, überall und immer in einem
inneren Kampfe begriffen. Wer dagegen im Wahne lebt, das Christen-
tum habe nunmehr seine verschiedenen endgültigen Gestaltungen an-
genommen, übersieht, dass selbst die römische Kirche, welche für
besonders konservativ gilt, in jedem Jahrhundert neue Dogmen her-
vorgebracht hat, während alte (allerdings minder geräuschvoll) zu
Grabe getragen wurden; er übersieht, dass gerade diese so fest ge-
gründete Kirche noch in unserem Jahrhundert Bewegungen, Kämpfe
und Schismen erlebt hat wie kaum eine zweite. Ein Solcher wähnt:
da der Entwickelungsprozess zu Ende sei, so halte er jetzt das Facit
des Christentums in Händen, und aus dieser ungeheuerlichen An-
nahme konstruiert er in seinem frommen Herzen nicht allein Gegen-
wart und Zukunft, sondern auch die Vergangenheit. Noch viel unge-
heuerlicher ist freilich die Annahme, das Christentum sei eine aus-
gelebte, abgethane Erscheinung, die sich nur noch nach dem Gesetz
der Trägheit auf absehbare Zeiten weiterbewege; und doch schrieb
mehr als ein "Ethiker" in den letzten Jahren den Nekrolog des
Christentums, redete von ihm wie von einem nunmehr abgeschlossenen
geschichtlichen Experiment, an dem sich Anfang, Mitte und Ende
analytisch vordemonstrieren lasse. Der Urteilsfehler, der diesen beiden
entgegengesetzten Ansichten zu Grunde liegt, ist, wie man sieht,

1) Novalis: Fragmente.

Der Kampf.
wollte man den Blitz, wollte man den Sonnenstrahl an diesen seinen
Wirkungen messen und erkennen. Alle die auf Christus bauten, wollen
wir dafür, dass sie es thaten, verehren, im Übrigen aber uns weder Blick
noch Urteil trüben lassen. Es giebt nicht allein eine Vergangenheit und
Gegenwart, es giebt auch eine Zukunft; für diese müssen wir unsere
volle Freiheit bewahren. Ich bezweifle, ob man die Vergangenheit in
ihrem Verhältnis zur Gegenwart überhaupt richtig zu beurteilen ver-
mag, wenn nicht eine lebendige Ahnung der Bedürfnisse der Zukunft
den Geist emporträgt. Auf dem Boden der Gegenwart allein streift
der Blick zu sehr à fleur de terre, um die Zusammenhänge über-
sehen zu können. Ein Christ war es, und zwar einer, welcher der
römischen Kirche sympathisch gegenüberstand, der am Morgen dieses
Jahrhunderts sprach: »Das neue Testament ist uns noch ein Buch
mit sieben Siegeln. Am Christentum hat man Ewigkeiten zu stu-
dieren. In den Evangelien liegen die Grundzüge künftiger Evange-
lien.«1) Wer die Geschichte des Christentums aufmerksam betrachtet,
sieht sie überall und immer im Flusse, überall und immer in einem
inneren Kampfe begriffen. Wer dagegen im Wahne lebt, das Christen-
tum habe nunmehr seine verschiedenen endgültigen Gestaltungen an-
genommen, übersieht, dass selbst die römische Kirche, welche für
besonders konservativ gilt, in jedem Jahrhundert neue Dogmen her-
vorgebracht hat, während alte (allerdings minder geräuschvoll) zu
Grabe getragen wurden; er übersieht, dass gerade diese so fest ge-
gründete Kirche noch in unserem Jahrhundert Bewegungen, Kämpfe
und Schismen erlebt hat wie kaum eine zweite. Ein Solcher wähnt:
da der Entwickelungsprozess zu Ende sei, so halte er jetzt das Facit
des Christentums in Händen, und aus dieser ungeheuerlichen An-
nahme konstruiert er in seinem frommen Herzen nicht allein Gegen-
wart und Zukunft, sondern auch die Vergangenheit. Noch viel unge-
heuerlicher ist freilich die Annahme, das Christentum sei eine aus-
gelebte, abgethane Erscheinung, die sich nur noch nach dem Gesetz
der Trägheit auf absehbare Zeiten weiterbewege; und doch schrieb
mehr als ein »Ethiker« in den letzten Jahren den Nekrolog des
Christentums, redete von ihm wie von einem nunmehr abgeschlossenen
geschichtlichen Experiment, an dem sich Anfang, Mitte und Ende
analytisch vordemonstrieren lasse. Der Urteilsfehler, der diesen beiden
entgegengesetzten Ansichten zu Grunde liegt, ist, wie man sieht,

1) Novalis: Fragmente.
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[546/0025] Der Kampf. wollte man den Blitz, wollte man den Sonnenstrahl an diesen seinen Wirkungen messen und erkennen. Alle die auf Christus bauten, wollen wir dafür, dass sie es thaten, verehren, im Übrigen aber uns weder Blick noch Urteil trüben lassen. Es giebt nicht allein eine Vergangenheit und Gegenwart, es giebt auch eine Zukunft; für diese müssen wir unsere volle Freiheit bewahren. Ich bezweifle, ob man die Vergangenheit in ihrem Verhältnis zur Gegenwart überhaupt richtig zu beurteilen ver- mag, wenn nicht eine lebendige Ahnung der Bedürfnisse der Zukunft den Geist emporträgt. Auf dem Boden der Gegenwart allein streift der Blick zu sehr à fleur de terre, um die Zusammenhänge über- sehen zu können. Ein Christ war es, und zwar einer, welcher der römischen Kirche sympathisch gegenüberstand, der am Morgen dieses Jahrhunderts sprach: »Das neue Testament ist uns noch ein Buch mit sieben Siegeln. Am Christentum hat man Ewigkeiten zu stu- dieren. In den Evangelien liegen die Grundzüge künftiger Evange- lien.« 1) Wer die Geschichte des Christentums aufmerksam betrachtet, sieht sie überall und immer im Flusse, überall und immer in einem inneren Kampfe begriffen. Wer dagegen im Wahne lebt, das Christen- tum habe nunmehr seine verschiedenen endgültigen Gestaltungen an- genommen, übersieht, dass selbst die römische Kirche, welche für besonders konservativ gilt, in jedem Jahrhundert neue Dogmen her- vorgebracht hat, während alte (allerdings minder geräuschvoll) zu Grabe getragen wurden; er übersieht, dass gerade diese so fest ge- gründete Kirche noch in unserem Jahrhundert Bewegungen, Kämpfe und Schismen erlebt hat wie kaum eine zweite. Ein Solcher wähnt: da der Entwickelungsprozess zu Ende sei, so halte er jetzt das Facit des Christentums in Händen, und aus dieser ungeheuerlichen An- nahme konstruiert er in seinem frommen Herzen nicht allein Gegen- wart und Zukunft, sondern auch die Vergangenheit. Noch viel unge- heuerlicher ist freilich die Annahme, das Christentum sei eine aus- gelebte, abgethane Erscheinung, die sich nur noch nach dem Gesetz der Trägheit auf absehbare Zeiten weiterbewege; und doch schrieb mehr als ein »Ethiker« in den letzten Jahren den Nekrolog des Christentums, redete von ihm wie von einem nunmehr abgeschlossenen geschichtlichen Experiment, an dem sich Anfang, Mitte und Ende analytisch vordemonstrieren lasse. Der Urteilsfehler, der diesen beiden entgegengesetzten Ansichten zu Grunde liegt, ist, wie man sieht, 1) Novalis: Fragmente.

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Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 546. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/25>, abgerufen am 02.03.2021.