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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

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Entdeckung.
anschauung und Materialismus in der Religion sind ein für alle Mal
unvereinbar. Wer die mit den Sinnen wahrgenommene, empirische
Natur mechanisch deutet, hat eine ideale Religion oder gar keine;
alles Übrige ist bewusste oder unbewusste Selbstbelügung. Der Jude
kannte keinerlei Mechanismus: von der Schöpfung aus Nichts bis zu
seinen Träumen einer messianischen Zukunft ist bei ihm alles frei-
waltende, allvermögende Willkür;1) darum hat er auch nie etwas
entdeckt; nur Eines ist bei ihm notwendig: der Schöpfer; mit ihm
ist alles erklärt. Die mystisch-magischen Gedanken, welche allen
unseren kirchlichen Sakramenten zu Grunde liegen, stehen auf einer
noch tieferen Stufe des Materialismus; denn sie bedeuten in der Haupt-
sache einen Stoffwechsel, sind also weder mehr noch weniger als
Seelen-Alchymie. Dagegen verträgt der konsequente Mechanis-
mus, wie wir Germanen ihn geschaffen haben und dem wir nie mehr
entrinnen können, einzig eine rein ideale, d. h. eine transscendente
Religion, wie sie Jesus Christus gelehrt hatte: das Himmelreich ist
inwendig in euch.2) Nicht Chronik, sondern nur Erfahrung -- innere,
unmittelbare Erfahrung -- kann für uns Religion sein.

Darauf ist an anderem Orte zurück zu kommen. Hier will ich
nur das Eine vorwegnehmen, dass nach meinem Dafürhalten die Welt-
bedeutung Immanuel Kant's auf seinem genialen Erfassen dieses
Verhältnisses beruht: das Mechanische bis in seine letzten Konse-
quenzen als Welterklärung; das rein Ideale als einzigen Gesetzgeber
für den inneren Menschen.3)

1) Siehe S. 242 fg.
2) Siehe S. 199 fg., 567 fg., u. s. w.
3) Für philosophisch gebildete Leser will ich bemerken, dass mir Kant's
Aufstellung einer dynamischen Naturphilosophie im Gegensatz zu einer
mechanischen Naturphilosophie (Metaphysische Anfangsgründe der Natur-
wissenschaft,
II) nicht entgangen ist, doch handelt es sich da um Unterscheidungen,
die in einem Werk wie dem vorliegenden nicht vorgetragen werden können,
ausserdem bezeichnet Kant mit "Dynamik" lediglich eine besondere Auffassung
einer -- nach dem gewöhnlichen Brauch des Wortes -- streng "mechanischen"
Deutung der Natur. -- Gleich hier möchte ich auch dem Missverständnis vor-
beugen, als hätte ich mich dem Kant'schen System mit Haut und Haar verpflichtet.
Ich bin nicht gelehrt genug, um alle diese scholastischen Windungen mitzumachen;
es wäre Anmassung, wollte ich sagen, ich gehöre dieser oder jener Schule an;
die Persönlichkeit dagegen erblicke ich deutlich und ich sehe, welch mächtiger
Trieb sich in ihr äussert und nach welchen Richtungen hin. Nicht auf das "Recht
haben" oder "Unrecht haben" -- dieses ewige Windmühlen-Fechten der kleinen
Geister -- kommt es mir an, sondern erstens auf die Bedeutung (in diesem Zu-
Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 50

Entdeckung.
anschauung und Materialismus in der Religion sind ein für alle Mal
unvereinbar. Wer die mit den Sinnen wahrgenommene, empirische
Natur mechanisch deutet, hat eine ideale Religion oder gar keine;
alles Übrige ist bewusste oder unbewusste Selbstbelügung. Der Jude
kannte keinerlei Mechanismus: von der Schöpfung aus Nichts bis zu
seinen Träumen einer messianischen Zukunft ist bei ihm alles frei-
waltende, allvermögende Willkür;1) darum hat er auch nie etwas
entdeckt; nur Eines ist bei ihm notwendig: der Schöpfer; mit ihm
ist alles erklärt. Die mystisch-magischen Gedanken, welche allen
unseren kirchlichen Sakramenten zu Grunde liegen, stehen auf einer
noch tieferen Stufe des Materialismus; denn sie bedeuten in der Haupt-
sache einen Stoffwechsel, sind also weder mehr noch weniger als
Seelen-Alchymie. Dagegen verträgt der konsequente Mechanis-
mus, wie wir Germanen ihn geschaffen haben und dem wir nie mehr
entrinnen können, einzig eine rein ideale, d. h. eine transscendente
Religion, wie sie Jesus Christus gelehrt hatte: das Himmelreich ist
inwendig in euch.2) Nicht Chronik, sondern nur Erfahrung — innere,
unmittelbare Erfahrung — kann für uns Religion sein.

Darauf ist an anderem Orte zurück zu kommen. Hier will ich
nur das Eine vorwegnehmen, dass nach meinem Dafürhalten die Welt-
bedeutung Immanuel Kant’s auf seinem genialen Erfassen dieses
Verhältnisses beruht: das Mechanische bis in seine letzten Konse-
quenzen als Welterklärung; das rein Ideale als einzigen Gesetzgeber
für den inneren Menschen.3)

1) Siehe S. 242 fg.
2) Siehe S. 199 fg., 567 fg., u. s. w.
3) Für philosophisch gebildete Leser will ich bemerken, dass mir Kant’s
Aufstellung einer dynamischen Naturphilosophie im Gegensatz zu einer
mechanischen Naturphilosophie (Metaphysische Anfangsgründe der Natur-
wissenschaft,
II) nicht entgangen ist, doch handelt es sich da um Unterscheidungen,
die in einem Werk wie dem vorliegenden nicht vorgetragen werden können,
ausserdem bezeichnet Kant mit »Dynamik« lediglich eine besondere Auffassung
einer — nach dem gewöhnlichen Brauch des Wortes — streng »mechanischen«
Deutung der Natur. — Gleich hier möchte ich auch dem Missverständnis vor-
beugen, als hätte ich mich dem Kant’schen System mit Haut und Haar verpflichtet.
Ich bin nicht gelehrt genug, um alle diese scholastischen Windungen mitzumachen;
es wäre Anmassung, wollte ich sagen, ich gehöre dieser oder jener Schule an;
die Persönlichkeit dagegen erblicke ich deutlich und ich sehe, welch mächtiger
Trieb sich in ihr äussert und nach welchen Richtungen hin. Nicht auf das »Recht
haben« oder »Unrecht haben« — dieses ewige Windmühlen-Fechten der kleinen
Geister — kommt es mir an, sondern erstens auf die Bedeutung (in diesem Zu-
Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 50
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[777/0256] Entdeckung. anschauung und Materialismus in der Religion sind ein für alle Mal unvereinbar. Wer die mit den Sinnen wahrgenommene, empirische Natur mechanisch deutet, hat eine ideale Religion oder gar keine; alles Übrige ist bewusste oder unbewusste Selbstbelügung. Der Jude kannte keinerlei Mechanismus: von der Schöpfung aus Nichts bis zu seinen Träumen einer messianischen Zukunft ist bei ihm alles frei- waltende, allvermögende Willkür; 1) darum hat er auch nie etwas entdeckt; nur Eines ist bei ihm notwendig: der Schöpfer; mit ihm ist alles erklärt. Die mystisch-magischen Gedanken, welche allen unseren kirchlichen Sakramenten zu Grunde liegen, stehen auf einer noch tieferen Stufe des Materialismus; denn sie bedeuten in der Haupt- sache einen Stoffwechsel, sind also weder mehr noch weniger als Seelen-Alchymie. Dagegen verträgt der konsequente Mechanis- mus, wie wir Germanen ihn geschaffen haben und dem wir nie mehr entrinnen können, einzig eine rein ideale, d. h. eine transscendente Religion, wie sie Jesus Christus gelehrt hatte: das Himmelreich ist inwendig in euch. 2) Nicht Chronik, sondern nur Erfahrung — innere, unmittelbare Erfahrung — kann für uns Religion sein. Darauf ist an anderem Orte zurück zu kommen. Hier will ich nur das Eine vorwegnehmen, dass nach meinem Dafürhalten die Welt- bedeutung Immanuel Kant’s auf seinem genialen Erfassen dieses Verhältnisses beruht: das Mechanische bis in seine letzten Konse- quenzen als Welterklärung; das rein Ideale als einzigen Gesetzgeber für den inneren Menschen. 3) 1) Siehe S. 242 fg. 2) Siehe S. 199 fg., 567 fg., u. s. w. 3) Für philosophisch gebildete Leser will ich bemerken, dass mir Kant’s Aufstellung einer dynamischen Naturphilosophie im Gegensatz zu einer mechanischen Naturphilosophie (Metaphysische Anfangsgründe der Natur- wissenschaft, II) nicht entgangen ist, doch handelt es sich da um Unterscheidungen, die in einem Werk wie dem vorliegenden nicht vorgetragen werden können, ausserdem bezeichnet Kant mit »Dynamik« lediglich eine besondere Auffassung einer — nach dem gewöhnlichen Brauch des Wortes — streng »mechanischen« Deutung der Natur. — Gleich hier möchte ich auch dem Missverständnis vor- beugen, als hätte ich mich dem Kant’schen System mit Haut und Haar verpflichtet. Ich bin nicht gelehrt genug, um alle diese scholastischen Windungen mitzumachen; es wäre Anmassung, wollte ich sagen, ich gehöre dieser oder jener Schule an; die Persönlichkeit dagegen erblicke ich deutlich und ich sehe, welch mächtiger Trieb sich in ihr äussert und nach welchen Richtungen hin. Nicht auf das »Recht haben« oder »Unrecht haben« — dieses ewige Windmühlen-Fechten der kleinen Geister — kommt es mir an, sondern erstens auf die Bedeutung (in diesem Zu- Chamberlain, Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. 50

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Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 777. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/256>, abgerufen am 07.03.2021.