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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

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Der Kampf.
wie er sich dazumal von den Ufern des Euphrats bis nach Rom fort-
pflanzte. Indischer Mysticismus, der unter allerhand Entstellungen bis nach
Kleinasien eingedrungen war, chaldäische Sternenverehrung, zoroastri-
scher Ormuzddienst und die Feueranbetung der Magier, ägyptische
Askese und Unsterblichkeitslehre, syrisch-phönizischer Orgiasmus und
Sakramentswahngedanke, samothrakische, eleusinische und allerhand
andere hellenische Mysterien, wunderlich verlarvte Auswüchse pythago-
reischer, empedokleischer und platonischer Metaphysik, mosaische Pro-
paganda, stoische Sittenlehre -- -- -- das alles kreiste und schwirrte
durcheinander. Was Religion ist, wussten die Menschen nicht mehr,
versuchten es aber mit allem, von dem einen unklaren Bewusstsein
getrieben, dass ihnen etwas geraubt war, was dem Menschen so nötig
ist, wie der Erde die Sonne. In diese Welt fiel das Wort Christi; von
diesen fieberkranken Menschen wurde das sichtbare Gebäude der christ-
lichen Religion zunächst aufgeführt; die Spuren des Deliriums ver-
mochte es nie ganz abzuschütteln.

Die zwei
Grundpfeiler.

Die Geschichte der Entstehung der christlichen Theologie ist
denn auch eine der verwickeltsten und schwierigsten, die es überhaupt
giebt. Wer mit Ernst und Freimut daran geht, wird heute viele und
tief-anregende Belehrung empfangen, zugleich aber einsehen müssen,
dass gar Vieles noch recht dunkel und unsicher ist, sobald nicht
theoretisiert, sondern der wirkliche Ursprung einer Idee historisch nach-
gewiesen werden soll. Eine endgültige Geschichte, nicht der Ent-
wickelung der Lehrmeinungen innerhalb des Christentums, sondern
der Art und Weise, wie aus den verschiedensten Ideenkreisen Glaubens-
sätze, Vorstellungen, Lebensregeln in das Christentum eindrangen und
dort heimisch wurden, kann noch nicht geschrieben werden; doch
ist schon genug geschehen, damit ein Jeder erkennen kann, dass hier
ein Legieren (wie der Chemiker sagt) der verschiedensten Metalle statt-
gefunden hat. Der Zweck dieses Werkes gestattet mir nicht, diesen kom-
plizierten Gegenstand einer genauen Analyse zu unterziehen, auch besässe
ich dazu nicht die geringste Kompetenz;1) zunächst wird es genügen,

1) Besondere Werke namhaft zu machen, kommt mir wohl kaum zu; die
Litteratur ist selbst in ihrem für uns Laien zugänglichen Teile eine grosse; die
Hauptsache ist, dass man aus verschiedenen Quellen Belehrung schöpfe und sich
nicht bei der Kenntnis der Allgemeinheiten beruhige. So sind z. B. die kurzen Lehr-
bücher von Harnack, Müller, Holtzmann etc. in dem Grundriss der theologischen
Wissenschaften
(Freiburg bei Mohr) unschätzbar; ich habe sie fleissig benützt; doch
wird gerade der Laie unendlich mehr aus grösseren Werken, wie z. B. aus Neander's

Der Kampf.
wie er sich dazumal von den Ufern des Euphrats bis nach Rom fort-
pflanzte. Indischer Mysticismus, der unter allerhand Entstellungen bis nach
Kleinasien eingedrungen war, chaldäische Sternenverehrung, zoroastri-
scher Ormuzddienst und die Feueranbetung der Magier, ägyptische
Askese und Unsterblichkeitslehre, syrisch-phönizischer Orgiasmus und
Sakramentswahngedanke, samothrakische, eleusinische und allerhand
andere hellenische Mysterien, wunderlich verlarvte Auswüchse pythago-
reischer, empedokleischer und platonischer Metaphysik, mosaische Pro-
paganda, stoische Sittenlehre — — — das alles kreiste und schwirrte
durcheinander. Was Religion ist, wussten die Menschen nicht mehr,
versuchten es aber mit allem, von dem einen unklaren Bewusstsein
getrieben, dass ihnen etwas geraubt war, was dem Menschen so nötig
ist, wie der Erde die Sonne. In diese Welt fiel das Wort Christi; von
diesen fieberkranken Menschen wurde das sichtbare Gebäude der christ-
lichen Religion zunächst aufgeführt; die Spuren des Deliriums ver-
mochte es nie ganz abzuschütteln.

Die zwei
Grundpfeiler.

Die Geschichte der Entstehung der christlichen Theologie ist
denn auch eine der verwickeltsten und schwierigsten, die es überhaupt
giebt. Wer mit Ernst und Freimut daran geht, wird heute viele und
tief-anregende Belehrung empfangen, zugleich aber einsehen müssen,
dass gar Vieles noch recht dunkel und unsicher ist, sobald nicht
theoretisiert, sondern der wirkliche Ursprung einer Idee historisch nach-
gewiesen werden soll. Eine endgültige Geschichte, nicht der Ent-
wickelung der Lehrmeinungen innerhalb des Christentums, sondern
der Art und Weise, wie aus den verschiedensten Ideenkreisen Glaubens-
sätze, Vorstellungen, Lebensregeln in das Christentum eindrangen und
dort heimisch wurden, kann noch nicht geschrieben werden; doch
ist schon genug geschehen, damit ein Jeder erkennen kann, dass hier
ein Legieren (wie der Chemiker sagt) der verschiedensten Metalle statt-
gefunden hat. Der Zweck dieses Werkes gestattet mir nicht, diesen kom-
plizierten Gegenstand einer genauen Analyse zu unterziehen, auch besässe
ich dazu nicht die geringste Kompetenz;1) zunächst wird es genügen,

1) Besondere Werke namhaft zu machen, kommt mir wohl kaum zu; die
Litteratur ist selbst in ihrem für uns Laien zugänglichen Teile eine grosse; die
Hauptsache ist, dass man aus verschiedenen Quellen Belehrung schöpfe und sich
nicht bei der Kenntnis der Allgemeinheiten beruhige. So sind z. B. die kurzen Lehr-
bücher von Harnack, Müller, Holtzmann etc. in dem Grundriss der theologischen
Wissenschaften
(Freiburg bei Mohr) unschätzbar; ich habe sie fleissig benützt; doch
wird gerade der Laie unendlich mehr aus grösseren Werken, wie z. B. aus Neander’s
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[548/0027] Der Kampf. wie er sich dazumal von den Ufern des Euphrats bis nach Rom fort- pflanzte. Indischer Mysticismus, der unter allerhand Entstellungen bis nach Kleinasien eingedrungen war, chaldäische Sternenverehrung, zoroastri- scher Ormuzddienst und die Feueranbetung der Magier, ägyptische Askese und Unsterblichkeitslehre, syrisch-phönizischer Orgiasmus und Sakramentswahngedanke, samothrakische, eleusinische und allerhand andere hellenische Mysterien, wunderlich verlarvte Auswüchse pythago- reischer, empedokleischer und platonischer Metaphysik, mosaische Pro- paganda, stoische Sittenlehre — — — das alles kreiste und schwirrte durcheinander. Was Religion ist, wussten die Menschen nicht mehr, versuchten es aber mit allem, von dem einen unklaren Bewusstsein getrieben, dass ihnen etwas geraubt war, was dem Menschen so nötig ist, wie der Erde die Sonne. In diese Welt fiel das Wort Christi; von diesen fieberkranken Menschen wurde das sichtbare Gebäude der christ- lichen Religion zunächst aufgeführt; die Spuren des Deliriums ver- mochte es nie ganz abzuschütteln. Die Geschichte der Entstehung der christlichen Theologie ist denn auch eine der verwickeltsten und schwierigsten, die es überhaupt giebt. Wer mit Ernst und Freimut daran geht, wird heute viele und tief-anregende Belehrung empfangen, zugleich aber einsehen müssen, dass gar Vieles noch recht dunkel und unsicher ist, sobald nicht theoretisiert, sondern der wirkliche Ursprung einer Idee historisch nach- gewiesen werden soll. Eine endgültige Geschichte, nicht der Ent- wickelung der Lehrmeinungen innerhalb des Christentums, sondern der Art und Weise, wie aus den verschiedensten Ideenkreisen Glaubens- sätze, Vorstellungen, Lebensregeln in das Christentum eindrangen und dort heimisch wurden, kann noch nicht geschrieben werden; doch ist schon genug geschehen, damit ein Jeder erkennen kann, dass hier ein Legieren (wie der Chemiker sagt) der verschiedensten Metalle statt- gefunden hat. Der Zweck dieses Werkes gestattet mir nicht, diesen kom- plizierten Gegenstand einer genauen Analyse zu unterziehen, auch besässe ich dazu nicht die geringste Kompetenz; 1) zunächst wird es genügen, 1) Besondere Werke namhaft zu machen, kommt mir wohl kaum zu; die Litteratur ist selbst in ihrem für uns Laien zugänglichen Teile eine grosse; die Hauptsache ist, dass man aus verschiedenen Quellen Belehrung schöpfe und sich nicht bei der Kenntnis der Allgemeinheiten beruhige. So sind z. B. die kurzen Lehr- bücher von Harnack, Müller, Holtzmann etc. in dem Grundriss der theologischen Wissenschaften (Freiburg bei Mohr) unschätzbar; ich habe sie fleissig benützt; doch wird gerade der Laie unendlich mehr aus grösseren Werken, wie z. B. aus Neander’s

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Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 548. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/27>, abgerufen am 02.03.2021.