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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

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Religion.
wenn wir die zwei Hauptstämme -- das Judentum und das Indo-
europäertum -- betrachten, aus denen fast die gesamte Struktur auf-
gezimmert worden ist und die das Zwitterwesen der christlichen Religion
von Anfang an bis auf den heutigen Tag bedingen. Freilich wurde später
manches Jüdische und Indoeuropäische durch den Einfluss des Völker-
chaos, und zwar namentlich Ägyptens, bis zur Unkenntlichkeit gefälscht,
so z. B. durch die Einführung des Isiskultus (Mutter Gottes) und der
magischen Stoffverwandlung, doch ist auch hier die Kenntnis des Grund-
gebäudes unentbehrlich. Alles Übrige ist im Verhältnis nebensächlich;
so -- um nur ein Beispiel zu nennen -- die offizielle Einführung der
stoischen Lehren über Tugend und Glückseligkeit ins praktische Christen-
tum durch Ambrosius, der, in seiner Schrift De officiis ministrorum
einen Abklatsch von Cicero's De officiis gab, welch Letzterer wiederum
vom Griechen Panaetius abgeschrieben hatte.1) Ohne Bedeutung ist
so etwas gewiss nicht; Hatch zeigt z. B. in seinem Vortrag "über
griechische und christliche Ethik", dass die Moral, die heute in unserem
praktischen Leben Gültigkeit besitzt, viel mehr stoische als christliche
Elemente umfasst.2) Doch haben wir schon früher gesehen, dass
Religion und Moral ziemlich unabhängig von einander bleiben (siehe
S. 222 u. 456), überall dort wenigstens, wo jene von Christus gelehrte

Kirchengeschichte, aus Renan's: Origines du Christianisme u. s. w. lernen. Noch lehr-
reicher, weil eine grössere Anschaulichkeit vermittelnd, sind die Werke der Specia-
listen, so z. B. Ramsay: The Church in the Roman empire before A. D. 170 (1895, auch
in deutscher Uebersetzung), Hatch: The influence of Greek ideas and usages upon
the Christian Church
(ed. 1897), Hergenröther's grosses Werk: Photius, sein Leben, seine
Schriften und das griechische Schisma
, welches mit der Gründung Constantinopel's be-
ginnt und somit das Werden der griechischen Kirche von Anfang an mit voller Aus-
führlichkeit darlegt, Hefele: Konziliengeschichte u. s. w. ad. inf. Unsereiner kann
natürlich nur von einem kleinen Bruchteil dieser Litteratur ausführlich Kenntnis
nehmen; doch, ich wiederhole es (weil es heutzutage zu häufig verkannt wird), nur
aus Detailschilderungen, nicht aus zusammenfassenden Überblicken vermag man
lebendige Ansicht und Einsicht zu schöpfen.
1) Ambrosius giebt dies auch implicite zu, siehe I. 24. Manches ist ja eine
fast wörtliche Kopie. Wie viel bedeutender sind aber auch seine selbständigen Sachen,
wie die Rede auf den Tod des Kaisers Theodosius, mit dem schönen, immer
wiederkehrenden Refrain: "Dilexi! ich habe ihn geliebt!"
2) The influence of Greek ideas etc., p. 139--170. In diesem Vortrag kommt Hatch
auf die genannte Schrift des Ambrosius zu sprechen und meint, sie sei durch und
durch, nicht allein in der Anlage, sondern auch in der Ausführung der Details stoisch.
Zwar werde überall das Christliche hinzugefügt, doch lediglich als Zusatz; die Grund-
begriffe der Weisheit, der Tugend, der Gerechtigkeit, der Mässigkeit seien unge-
schminkte griechisch-römische Lehren aus der vorchristlichen Zeit.

Religion.
wenn wir die zwei Hauptstämme — das Judentum und das Indo-
europäertum — betrachten, aus denen fast die gesamte Struktur auf-
gezimmert worden ist und die das Zwitterwesen der christlichen Religion
von Anfang an bis auf den heutigen Tag bedingen. Freilich wurde später
manches Jüdische und Indoeuropäische durch den Einfluss des Völker-
chaos, und zwar namentlich Ägyptens, bis zur Unkenntlichkeit gefälscht,
so z. B. durch die Einführung des Isiskultus (Mutter Gottes) und der
magischen Stoffverwandlung, doch ist auch hier die Kenntnis des Grund-
gebäudes unentbehrlich. Alles Übrige ist im Verhältnis nebensächlich;
so — um nur ein Beispiel zu nennen — die offizielle Einführung der
stoischen Lehren über Tugend und Glückseligkeit ins praktische Christen-
tum durch Ambrosius, der, in seiner Schrift De officiis ministrorum
einen Abklatsch von Cicero’s De officiis gab, welch Letzterer wiederum
vom Griechen Panaetius abgeschrieben hatte.1) Ohne Bedeutung ist
so etwas gewiss nicht; Hatch zeigt z. B. in seinem Vortrag ȟber
griechische und christliche Ethik«, dass die Moral, die heute in unserem
praktischen Leben Gültigkeit besitzt, viel mehr stoische als christliche
Elemente umfasst.2) Doch haben wir schon früher gesehen, dass
Religion und Moral ziemlich unabhängig von einander bleiben (siehe
S. 222 u. 456), überall dort wenigstens, wo jene von Christus gelehrte

Kirchengeschichte, aus Renan’s: Origines du Christianisme u. s. w. lernen. Noch lehr-
reicher, weil eine grössere Anschaulichkeit vermittelnd, sind die Werke der Specia-
listen, so z. B. Ramsay: The Church in the Roman empire before A. D. 170 (1895, auch
in deutscher Uebersetzung), Hatch: The influence of Greek ideas and usages upon
the Christian Church
(ed. 1897), Hergenröther’s grosses Werk: Photius, sein Leben, seine
Schriften und das griechische Schisma
, welches mit der Gründung Constantinopel’s be-
ginnt und somit das Werden der griechischen Kirche von Anfang an mit voller Aus-
führlichkeit darlegt, Hefele: Konziliengeschichte u. s. w. ad. inf. Unsereiner kann
natürlich nur von einem kleinen Bruchteil dieser Litteratur ausführlich Kenntnis
nehmen; doch, ich wiederhole es (weil es heutzutage zu häufig verkannt wird), nur
aus Detailschilderungen, nicht aus zusammenfassenden Überblicken vermag man
lebendige Ansicht und Einsicht zu schöpfen.
1) Ambrosius giebt dies auch implicite zu, siehe I. 24. Manches ist ja eine
fast wörtliche Kopie. Wie viel bedeutender sind aber auch seine selbständigen Sachen,
wie die Rede auf den Tod des Kaisers Theodosius, mit dem schönen, immer
wiederkehrenden Refrain: »Dilexi! ich habe ihn geliebt!«
2) The influence of Greek ideas etc., p. 139—170. In diesem Vortrag kommt Hatch
auf die genannte Schrift des Ambrosius zu sprechen und meint, sie sei durch und
durch, nicht allein in der Anlage, sondern auch in der Ausführung der Details stoisch.
Zwar werde überall das Christliche hinzugefügt, doch lediglich als Zusatz; die Grund-
begriffe der Weisheit, der Tugend, der Gerechtigkeit, der Mässigkeit seien unge-
schminkte griechisch-römische Lehren aus der vorchristlichen Zeit.
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[549/0028] Religion. wenn wir die zwei Hauptstämme — das Judentum und das Indo- europäertum — betrachten, aus denen fast die gesamte Struktur auf- gezimmert worden ist und die das Zwitterwesen der christlichen Religion von Anfang an bis auf den heutigen Tag bedingen. Freilich wurde später manches Jüdische und Indoeuropäische durch den Einfluss des Völker- chaos, und zwar namentlich Ägyptens, bis zur Unkenntlichkeit gefälscht, so z. B. durch die Einführung des Isiskultus (Mutter Gottes) und der magischen Stoffverwandlung, doch ist auch hier die Kenntnis des Grund- gebäudes unentbehrlich. Alles Übrige ist im Verhältnis nebensächlich; so — um nur ein Beispiel zu nennen — die offizielle Einführung der stoischen Lehren über Tugend und Glückseligkeit ins praktische Christen- tum durch Ambrosius, der, in seiner Schrift De officiis ministrorum einen Abklatsch von Cicero’s De officiis gab, welch Letzterer wiederum vom Griechen Panaetius abgeschrieben hatte. 1) Ohne Bedeutung ist so etwas gewiss nicht; Hatch zeigt z. B. in seinem Vortrag »über griechische und christliche Ethik«, dass die Moral, die heute in unserem praktischen Leben Gültigkeit besitzt, viel mehr stoische als christliche Elemente umfasst. 2) Doch haben wir schon früher gesehen, dass Religion und Moral ziemlich unabhängig von einander bleiben (siehe S. 222 u. 456), überall dort wenigstens, wo jene von Christus gelehrte 1) 1) Ambrosius giebt dies auch implicite zu, siehe I. 24. Manches ist ja eine fast wörtliche Kopie. Wie viel bedeutender sind aber auch seine selbständigen Sachen, wie die Rede auf den Tod des Kaisers Theodosius, mit dem schönen, immer wiederkehrenden Refrain: »Dilexi! ich habe ihn geliebt!« 2) The influence of Greek ideas etc., p. 139—170. In diesem Vortrag kommt Hatch auf die genannte Schrift des Ambrosius zu sprechen und meint, sie sei durch und durch, nicht allein in der Anlage, sondern auch in der Ausführung der Details stoisch. Zwar werde überall das Christliche hinzugefügt, doch lediglich als Zusatz; die Grund- begriffe der Weisheit, der Tugend, der Gerechtigkeit, der Mässigkeit seien unge- schminkte griechisch-römische Lehren aus der vorchristlichen Zeit. 1) Kirchengeschichte, aus Renan’s: Origines du Christianisme u. s. w. lernen. Noch lehr- reicher, weil eine grössere Anschaulichkeit vermittelnd, sind die Werke der Specia- listen, so z. B. Ramsay: The Church in the Roman empire before A. D. 170 (1895, auch in deutscher Uebersetzung), Hatch: The influence of Greek ideas and usages upon the Christian Church (ed. 1897), Hergenröther’s grosses Werk: Photius, sein Leben, seine Schriften und das griechische Schisma, welches mit der Gründung Constantinopel’s be- ginnt und somit das Werden der griechischen Kirche von Anfang an mit voller Aus- führlichkeit darlegt, Hefele: Konziliengeschichte u. s. w. ad. inf. Unsereiner kann natürlich nur von einem kleinen Bruchteil dieser Litteratur ausführlich Kenntnis nehmen; doch, ich wiederhole es (weil es heutzutage zu häufig verkannt wird), nur aus Detailschilderungen, nicht aus zusammenfassenden Überblicken vermag man lebendige Ansicht und Einsicht zu schöpfen.

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Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 549. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/28>, abgerufen am 02.03.2021.