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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

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Der Kampf.
bei den Hellenen lebt der Gedanke an Erlösung in den Mysterien,
ebenso auch als Untergrund zahlreicher Mythen und ist bei Plato sehr
deutlich (z. B. im VII. Buch der Republik) zu erkennen, wenn auch,
aus dem im ersten Kapitel angegebenen Grunde, die Griechen der
Blütezeit die innere, moralische und, wie wir heute sagen würden,
pessimistische Seite solcher Mythen wenig hervorkehrten. Der Schwer-
punkt lag für sie an anderem Orte:

Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir -- -- --
Und doch zugleich mit dieser Hochschätzung des Lebens, als des herr-
lichsten aller Güter, das Preislied auf den jung Hinsterbenden:

Schön ist alles im Tode noch, was auch erscheinet.1)

Doch wer den tragischen Untergrund der vielgenannten "griechischen
Heiterkeit" erblickt, wird geneigt sein, diese "Erlösung in der schönen
Erscheinung" als engverwandt mit jenen anderen Vorstellungen der Er-
lösung zu erkennen; es ist dasselbe Thema in einem anderen Modus,
dur statt moll.

Der Begriff der Erlösung -- oder sagen wir lieber die mythische
Vorstellung2) der Erlösung -- umschliesst zwei andere: diejenige einer
gegenwärtigen Unvollkommenheit und diejenige einer möglichen Ver-
vollkommnung durch irgend einen nicht-empirischen, d. h. also in
einem gewissen Sinne übernatürlichen, nämlich transscendenten Vor-
gang: die erste wird durch den Mythus der Entartung, die zweite
durch den Mythus der von einem höheren Wesen gewährten Gnaden-
hilfe
versinnbildlicht. Ungemein anschaulich wird der Entartungs-
mythus dort, wo er als Sündenfall dargestellt wird, darum ist dies
das schönste, unvergänglichste Blatt der christlichen Mythologie; wo-
gegen die ergänzende Ahnung der Gnade so sehr ins Metaphysische
hinübergreift, dass sie anschaulich kaum mitteilbar gestaltet werden
kann. Die Erzählung vom Sündenfall ist eine Fabel, durch welche
die Aufmerksamkeit auf eine grosse Grundthatsache des zum Be-
wusstsein erwachten Menschenlebens gelenkt wird; sie weckt Er-
kenntnis; wogegen die Gnade eine Vorstellung ist, die erst auf eine
Erkenntnis folgt und nicht anders als durch eigene Erfahrung er-

1) Ilias IX, 401 u. XXII, 73.
2) Dass bei Homer das Wort "Mythos" dem späteren "Logos" entspricht, also
gewissermassen jede Rede als Dichtung aufgefasst wird (was sie ja auch offenbar
ist), gehört zu jenen Dingen, in denen die Sprache uns die tiefsten Aufschlüsse
über unsere eigene Geistesorganisation giebt.

Der Kampf.
bei den Hellenen lebt der Gedanke an Erlösung in den Mysterien,
ebenso auch als Untergrund zahlreicher Mythen und ist bei Plato sehr
deutlich (z. B. im VII. Buch der Republik) zu erkennen, wenn auch,
aus dem im ersten Kapitel angegebenen Grunde, die Griechen der
Blütezeit die innere, moralische und, wie wir heute sagen würden,
pessimistische Seite solcher Mythen wenig hervorkehrten. Der Schwer-
punkt lag für sie an anderem Orte:

Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir — — —
Und doch zugleich mit dieser Hochschätzung des Lebens, als des herr-
lichsten aller Güter, das Preislied auf den jung Hinsterbenden:

Schön ist alles im Tode noch, was auch erscheinet.1)

Doch wer den tragischen Untergrund der vielgenannten »griechischen
Heiterkeit« erblickt, wird geneigt sein, diese »Erlösung in der schönen
Erscheinung« als engverwandt mit jenen anderen Vorstellungen der Er-
lösung zu erkennen; es ist dasselbe Thema in einem anderen Modus,
dur statt moll.

Der Begriff der Erlösung — oder sagen wir lieber die mythische
Vorstellung2) der Erlösung — umschliesst zwei andere: diejenige einer
gegenwärtigen Unvollkommenheit und diejenige einer möglichen Ver-
vollkommnung durch irgend einen nicht-empirischen, d. h. also in
einem gewissen Sinne übernatürlichen, nämlich transscendenten Vor-
gang: die erste wird durch den Mythus der Entartung, die zweite
durch den Mythus der von einem höheren Wesen gewährten Gnaden-
hilfe
versinnbildlicht. Ungemein anschaulich wird der Entartungs-
mythus dort, wo er als Sündenfall dargestellt wird, darum ist dies
das schönste, unvergänglichste Blatt der christlichen Mythologie; wo-
gegen die ergänzende Ahnung der Gnade so sehr ins Metaphysische
hinübergreift, dass sie anschaulich kaum mitteilbar gestaltet werden
kann. Die Erzählung vom Sündenfall ist eine Fabel, durch welche
die Aufmerksamkeit auf eine grosse Grundthatsache des zum Be-
wusstsein erwachten Menschenlebens gelenkt wird; sie weckt Er-
kenntnis; wogegen die Gnade eine Vorstellung ist, die erst auf eine
Erkenntnis folgt und nicht anders als durch eigene Erfahrung er-

1) Ilias IX, 401 u. XXII, 73.
2) Dass bei Homer das Wort »Mythos« dem späteren »Logos« entspricht, also
gewissermassen jede Rede als Dichtung aufgefasst wird (was sie ja auch offenbar
ist), gehört zu jenen Dingen, in denen die Sprache uns die tiefsten Aufschlüsse
über unsere eigene Geistesorganisation giebt.
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[560/0039] Der Kampf. bei den Hellenen lebt der Gedanke an Erlösung in den Mysterien, ebenso auch als Untergrund zahlreicher Mythen und ist bei Plato sehr deutlich (z. B. im VII. Buch der Republik) zu erkennen, wenn auch, aus dem im ersten Kapitel angegebenen Grunde, die Griechen der Blütezeit die innere, moralische und, wie wir heute sagen würden, pessimistische Seite solcher Mythen wenig hervorkehrten. Der Schwer- punkt lag für sie an anderem Orte: Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir — — — Und doch zugleich mit dieser Hochschätzung des Lebens, als des herr- lichsten aller Güter, das Preislied auf den jung Hinsterbenden: Schön ist alles im Tode noch, was auch erscheinet. 1) Doch wer den tragischen Untergrund der vielgenannten »griechischen Heiterkeit« erblickt, wird geneigt sein, diese »Erlösung in der schönen Erscheinung« als engverwandt mit jenen anderen Vorstellungen der Er- lösung zu erkennen; es ist dasselbe Thema in einem anderen Modus, dur statt moll. Der Begriff der Erlösung — oder sagen wir lieber die mythische Vorstellung 2) der Erlösung — umschliesst zwei andere: diejenige einer gegenwärtigen Unvollkommenheit und diejenige einer möglichen Ver- vollkommnung durch irgend einen nicht-empirischen, d. h. also in einem gewissen Sinne übernatürlichen, nämlich transscendenten Vor- gang: die erste wird durch den Mythus der Entartung, die zweite durch den Mythus der von einem höheren Wesen gewährten Gnaden- hilfe versinnbildlicht. Ungemein anschaulich wird der Entartungs- mythus dort, wo er als Sündenfall dargestellt wird, darum ist dies das schönste, unvergänglichste Blatt der christlichen Mythologie; wo- gegen die ergänzende Ahnung der Gnade so sehr ins Metaphysische hinübergreift, dass sie anschaulich kaum mitteilbar gestaltet werden kann. Die Erzählung vom Sündenfall ist eine Fabel, durch welche die Aufmerksamkeit auf eine grosse Grundthatsache des zum Be- wusstsein erwachten Menschenlebens gelenkt wird; sie weckt Er- kenntnis; wogegen die Gnade eine Vorstellung ist, die erst auf eine Erkenntnis folgt und nicht anders als durch eigene Erfahrung er- 1) Ilias IX, 401 u. XXII, 73. 2) Dass bei Homer das Wort »Mythos« dem späteren »Logos« entspricht, also gewissermassen jede Rede als Dichtung aufgefasst wird (was sie ja auch offenbar ist), gehört zu jenen Dingen, in denen die Sprache uns die tiefsten Aufschlüsse über unsere eigene Geistesorganisation giebt.

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Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. 560. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/39>, abgerufen am 02.03.2021.