zu rathen; Heinrich machte Kehrt, und setzte sich unter einer alten Eiche nieder, von wo aus der Holzweg leicht zu übersehn war. Es war kaum eine Viertelstunde vergangen, als jemand durch das Gebüsch schlüpfte. Das Geräusch kam näher, und nach einigen Augenblicken stand Staunitz mit Flinte und Jagdtasche vor ihm.
"Was Henker," begann Heinrich, und sah dem jungen Manne scharf in's Auge, so daß er ein wenig erröthete, "was schleichen Sie gleich auf die Jagd, wenn man sich wahrhaft nach ihrer Unterhaltung sehnt? -- Aber Scherz bei Seite, ich habe den ganzen Tag nach Ihnen gefragt, Vetterchen; ich mußte nach Wiesenbrunn, und hätte gern gesehn, wenn Sie mich begleitet hätten, aber Sie waren nicht da, und Tina fuhr mit. Das arme Kind war verdrießlich, aber der Him¬ mel weiß, worüber!"
Heinrich glaubte so seine Sache am Besten eingerichtet zu haben; er sah Staunitz fragend an, aber dieser schien es nicht zu, bemerken, und sagte rasch und mit unverkennbarer Besorgniß: "Ist Albertine unwohl? Sie scherzen, Vetter, nicht wahr, Sie scherzen? -- "
zu rathen; Heinrich machte Kehrt, und ſetzte ſich unter einer alten Eiche nieder, von wo aus der Holzweg leicht zu uͤberſehn war. Es war kaum eine Viertelſtunde vergangen, als jemand durch das Gebuͤſch ſchluͤpfte. Das Geraͤuſch kam naͤher, und nach einigen Augenblicken ſtand Staunitz mit Flinte und Jagdtaſche vor ihm.
„Was Henker,“ begann Heinrich, und ſah dem jungen Manne ſcharf in's Auge, ſo daß er ein wenig erroͤthete, „was ſchleichen Sie gleich auf die Jagd, wenn man ſich wahrhaft nach ihrer Unterhaltung ſehnt? — Aber Scherz bei Seite, ich habe den ganzen Tag nach Ihnen gefragt, Vetterchen; ich mußte nach Wieſenbrunn, und haͤtte gern geſehn, wenn Sie mich begleitet haͤtten, aber Sie waren nicht da, und Tina fuhr mit. Das arme Kind war verdrießlich, aber der Him¬ mel weiß, woruͤber!“
Heinrich glaubte ſo ſeine Sache am Beſten eingerichtet zu haben; er ſah Staunitz fragend an, aber dieſer ſchien es nicht zu, bemerken, und ſagte raſch und mit unverkennbarer Beſorgniß: „Iſt Albertine unwohl? Sie ſcherzen, Vetter, nicht wahr, Sie ſcherzen? — “
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zu rathen; Heinrich machte Kehrt, und ſetzte ſich
unter einer alten Eiche nieder, von wo aus der
Holzweg leicht zu uͤberſehn war. Es war kaum
eine Viertelſtunde vergangen, als jemand durch
das Gebuͤſch ſchluͤpfte. Das Geraͤuſch kam naͤher,
und nach einigen Augenblicken ſtand Staunitz mit
Flinte und Jagdtaſche vor ihm.
„Was Henker,“ begann Heinrich, und ſah
dem jungen Manne ſcharf in's Auge, ſo daß er
ein wenig erroͤthete, „was ſchleichen Sie gleich
auf die Jagd, wenn man ſich wahrhaft nach ihrer
Unterhaltung ſehnt? — Aber Scherz bei Seite,
ich habe den ganzen Tag nach Ihnen gefragt,
Vetterchen; ich mußte nach Wieſenbrunn, und
haͤtte gern geſehn, wenn Sie mich begleitet haͤtten,
aber Sie waren nicht da, und Tina fuhr mit.
Das arme Kind war verdrießlich, aber der Him¬
mel weiß, woruͤber!“
Heinrich glaubte ſo ſeine Sache am Beſten
eingerichtet zu haben; er ſah Staunitz fragend
an, aber dieſer ſchien es nicht zu, bemerken, und
ſagte raſch und mit unverkennbarer Beſorgniß:
„Iſt Albertine unwohl? Sie ſcherzen, Vetter,
nicht wahr, Sie ſcherzen? — “
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Clauren, Heinrich: Liebe und Irrthum. Nordhausen, 1827, S. 100. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/clauren_liebe_1827/106>, abgerufen am 25.09.2024.
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