er auch in Verhältnissen gestanden und operirt hat, die mir niemals bekannt geworden sind. --
Die Leidenschaft für Marie hatte den höchsten Grad erreicht, ich verzehrte mich selbst, schwand, wie mich meine Verwandten versicherten, sichtlich hin wie ein Schatten, und sah doch keine freund¬ liche Aussicht vor mir. Meine Tante schlug mir vor, schnell nach der Residenz zu reisen, und beim Freiherrn von Struen um die Hand seiner Tochter anzuhalten. Es blieb mir im Grunde kein an¬ derer Weg übrig, und voll, theils süßer, theils banger Erwartungen, reis'te ich mit nichts, als meiner Liebe beschäftigt, nach der Residenz ab. Der Freiherr empfing mich nebst seiner Gemahlin unendlich freundlich; sie mogten beide die Absicht meines Besuches kennen, und erleichterten mir meinen Antrag, den ich machte. Der Freiherr sagte mir, ich sei ihm als Schwiegersohn herzlich willkommen, ich habe mit seiner Tochter einen Glauben, und sei von ihr geachtet und geliebt. --
Meine Freude kannte keine Grenzen, ich ver¬ langte nach Marien, aber sie war nicht in der Residenz gegenwärtig, sondern in N. bei ihrem Großvater mütterlicher Seite, wo ich nach einigen Monaten hinreis'te, indem der Freiherr die Resi¬
er auch in Verhaͤltniſſen geſtanden und operirt hat, die mir niemals bekannt geworden ſind. —
Die Leidenſchaft fuͤr Marie hatte den hoͤchſten Grad erreicht, ich verzehrte mich ſelbſt, ſchwand, wie mich meine Verwandten verſicherten, ſichtlich hin wie ein Schatten, und ſah doch keine freund¬ liche Ausſicht vor mir. Meine Tante ſchlug mir vor, ſchnell nach der Reſidenz zu reiſen, und beim Freiherrn von Struen um die Hand ſeiner Tochter anzuhalten. Es blieb mir im Grunde kein an¬ derer Weg uͤbrig, und voll, theils ſuͤßer, theils banger Erwartungen, reiſ'te ich mit nichts, als meiner Liebe beſchaͤftigt, nach der Reſidenz ab. Der Freiherr empfing mich nebſt ſeiner Gemahlin unendlich freundlich; ſie mogten beide die Abſicht meines Beſuches kennen, und erleichterten mir meinen Antrag, den ich machte. Der Freiherr ſagte mir, ich ſei ihm als Schwiegerſohn herzlich willkommen, ich habe mit ſeiner Tochter einen Glauben, und ſei von ihr geachtet und geliebt. —
Meine Freude kannte keine Grenzen, ich ver¬ langte nach Marien, aber ſie war nicht in der Reſidenz gegenwaͤrtig, ſondern in N. bei ihrem Großvater muͤtterlicher Seite, wo ich nach einigen Monaten hinreiſ'te, indem der Freiherr die Reſi¬
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er auch in Verhaͤltniſſen geſtanden und operirt
hat, die mir niemals bekannt geworden ſind. —
Die Leidenſchaft fuͤr Marie hatte den hoͤchſten
Grad erreicht, ich verzehrte mich ſelbſt, ſchwand,
wie mich meine Verwandten verſicherten, ſichtlich
hin wie ein Schatten, und ſah doch keine freund¬
liche Ausſicht vor mir. Meine Tante ſchlug mir
vor, ſchnell nach der Reſidenz zu reiſen, und beim
Freiherrn von Struen um die Hand ſeiner Tochter
anzuhalten. Es blieb mir im Grunde kein an¬
derer Weg uͤbrig, und voll, theils ſuͤßer, theils
banger Erwartungen, reiſ'te ich mit nichts, als
meiner Liebe beſchaͤftigt, nach der Reſidenz ab.
Der Freiherr empfing mich nebſt ſeiner Gemahlin
unendlich freundlich; ſie mogten beide die Abſicht
meines Beſuches kennen, und erleichterten mir
meinen Antrag, den ich machte. Der Freiherr
ſagte mir, ich ſei ihm als Schwiegerſohn herzlich
willkommen, ich habe mit ſeiner Tochter einen
Glauben, und ſei von ihr geachtet und geliebt. —
Meine Freude kannte keine Grenzen, ich ver¬
langte nach Marien, aber ſie war nicht in der
Reſidenz gegenwaͤrtig, ſondern in N. bei ihrem
Großvater muͤtterlicher Seite, wo ich nach einigen
Monaten hinreiſ'te, indem der Freiherr die Reſi¬
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Clauren, Heinrich: Liebe und Irrthum. Nordhausen, 1827, S. 246. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/clauren_liebe_1827/252>, abgerufen am 23.09.2024.
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