p2c_580.001 Ton anzunehmen, nach dem sich alle andre Empfindungen p2c_580.002 modifiziren müssen, wie bey der Elegie das Sanfte,p2c_580.003 und bey dem Liede das Edle. Die Gemüthsstimmungp2c_580.004 des Dichters, die sie darstellt, muß Laune seyn. p2c_580.005 Jn diesem Geiste sind auch die besten Episteln der Dichter p2c_580.006 geschrieben. Horaz, Boileau, Addisson, Göcking, Gleim, p2c_580.007 Jacobi, Ebert u. s. w. liefern Beyspiele. - Veranlassung p2c_580.008 und Gedankeninhalt der Epistel sind willkührlich. Horazens p2c_580.009 Episteln sind zufällige freye Werke der Laune, er erzählt, p2c_580.010 er trägt eine Lebenssentenz vor; aber alles mit sokratischer p2c_580.011 Jronie über sich selbst. Man sieht, er will nichts p2c_580.012 planmäßiges darstellen, er folgt der augenblicklichen Eingebung p2c_580.013 seines Genies. Eben wegen dieser launigen Jronie, die p2c_580.014 der Epistel eigen ist, dieser leichten Manier über das Leben p2c_580.015 zu scherzen, haben auch viele Lehrdichter, die einen p2c_580.016 ernsthaften Zweck hatten, die Form der Epistel gewählt. p2c_580.017 Der Styl der Epistel kann natürlich seyn, kann auch zuweilen p2c_580.018 höher sich heben, alles, wie es die Laune bestimmt. p2c_580.019 Das Metrum muß frey, und nicht sehr von der Sprache der p2c_580.020 Prosa entfernt seyn. Horazens Hexameter ist beynahe zu p2c_580.021 ernsthaft. - Das Elegieenmaaß des Ovid hat zu viel p2c_580.022 lyrisches für die wirkliche Epistel; (etwas anders ist von der p2c_580.023 Elegie in Briefform zu sagen s. oben). Boileau hat p2c_580.024 seine Alexandriner. Die Engländer haben etwas kürzere p2c_580.025 jambische Verse in dieser Dichtungsart. Die Deutschen p2c_580.026 haben kleine kurze leichte Verse angenommen, und das paßt p2c_580.027 im Grunde am besten. Unter mehreren Modificationen p2c_580.028 von Empfindungen nimmt die Epistel das satyrische
p2c_580.001 Ton anzunehmen, nach dem sich alle andre Empfindungen p2c_580.002 modifiziren müssen, wie bey der Elegie das Sanfte,p2c_580.003 und bey dem Liede das Edle. Die Gemüthsstimmungp2c_580.004 des Dichters, die sie darstellt, muß Laune seyn. p2c_580.005 Jn diesem Geiste sind auch die besten Episteln der Dichter p2c_580.006 geschrieben. Horaz, Boileau, Addisson, Göcking, Gleim, p2c_580.007 Jacobi, Ebert u. s. w. liefern Beyspiele. ─ Veranlassung p2c_580.008 und Gedankeninhalt der Epistel sind willkührlich. Horazens p2c_580.009 Episteln sind zufällige freye Werke der Laune, er erzählt, p2c_580.010 er trägt eine Lebenssentenz vor; aber alles mit sokratischer p2c_580.011 Jronie über sich selbst. Man sieht, er will nichts p2c_580.012 planmäßiges darstellen, er folgt der augenblicklichen Eingebung p2c_580.013 seines Genies. Eben wegen dieser launigen Jronie, die p2c_580.014 der Epistel eigen ist, dieser leichten Manier über das Leben p2c_580.015 zu scherzen, haben auch viele Lehrdichter, die einen p2c_580.016 ernsthaften Zweck hatten, die Form der Epistel gewählt. p2c_580.017 Der Styl der Epistel kann natürlich seyn, kann auch zuweilen p2c_580.018 höher sich heben, alles, wie es die Laune bestimmt. p2c_580.019 Das Metrum muß frey, und nicht sehr von der Sprache der p2c_580.020 Prosa entfernt seyn. Horazens Hexameter ist beynahe zu p2c_580.021 ernsthaft. ─ Das Elegieenmaaß des Ovid hat zu viel p2c_580.022 lyrisches für die wirkliche Epistel; (etwas anders ist von der p2c_580.023 Elegie in Briefform zu sagen s. oben). Boileau hat p2c_580.024 seine Alexandriner. Die Engländer haben etwas kürzere p2c_580.025 jambische Verse in dieser Dichtungsart. Die Deutschen p2c_580.026 haben kleine kurze leichte Verse angenommen, und das paßt p2c_580.027 im Grunde am besten. Unter mehreren Modificationen p2c_580.028 von Empfindungen nimmt die Epistel das satyrische
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><divn="3"><p><pbfacs="#f0104"n="580"/><lbn="p2c_580.001"/>
Ton anzunehmen, nach dem sich alle andre Empfindungen <lbn="p2c_580.002"/>
modifiziren müssen, wie bey der <hirendition="#g">Elegie</hi> das <hirendition="#g">Sanfte,</hi><lbn="p2c_580.003"/>
und bey dem <hirendition="#g">Liede</hi> das <hirendition="#g">Edle.</hi> Die <hirendition="#g">Gemüthsstimmung</hi><lbn="p2c_580.004"/>
des Dichters, die sie darstellt, muß <hirendition="#g">Laune</hi> seyn. <lbn="p2c_580.005"/>
Jn diesem Geiste sind auch die besten Episteln der Dichter <lbn="p2c_580.006"/>
geschrieben. Horaz, Boileau, Addisson, Göcking, Gleim, <lbn="p2c_580.007"/>
Jacobi, Ebert u. s. w. liefern Beyspiele. ─ Veranlassung <lbn="p2c_580.008"/>
und Gedankeninhalt der Epistel sind willkührlich. Horazens <lbn="p2c_580.009"/>
Episteln sind zufällige freye Werke der Laune, er erzählt, <lbn="p2c_580.010"/>
er trägt eine Lebenssentenz vor; aber alles mit sokratischer <lbn="p2c_580.011"/>
Jronie über sich selbst. Man sieht, er will nichts <lbn="p2c_580.012"/>
planmäßiges darstellen, er folgt der augenblicklichen Eingebung <lbn="p2c_580.013"/>
seines Genies. Eben wegen dieser launigen Jronie, die <lbn="p2c_580.014"/>
der Epistel eigen ist, dieser leichten Manier über das Leben <lbn="p2c_580.015"/>
zu scherzen, haben auch viele <hirendition="#g">Lehrdichter,</hi> die einen <lbn="p2c_580.016"/>
ernsthaften Zweck hatten, die Form der Epistel gewählt. <lbn="p2c_580.017"/>
Der Styl der Epistel kann natürlich seyn, kann auch zuweilen <lbn="p2c_580.018"/>
höher sich heben, alles, wie es die Laune bestimmt. <lbn="p2c_580.019"/>
Das Metrum muß frey, und nicht sehr von der Sprache der <lbn="p2c_580.020"/>
Prosa entfernt seyn. Horazens Hexameter ist beynahe zu <lbn="p2c_580.021"/>
ernsthaft. ─ Das Elegieenmaaß des Ovid hat zu viel <lbn="p2c_580.022"/>
lyrisches für die wirkliche Epistel; (etwas anders ist von der <lbn="p2c_580.023"/><hirendition="#g">Elegie</hi> in Briefform zu sagen s. oben). Boileau hat <lbn="p2c_580.024"/>
seine Alexandriner. Die Engländer haben etwas kürzere <lbn="p2c_580.025"/>
jambische Verse in dieser Dichtungsart. Die Deutschen <lbn="p2c_580.026"/>
haben kleine kurze leichte Verse angenommen, und das paßt <lbn="p2c_580.027"/>
im Grunde am besten. Unter mehreren Modificationen <lbn="p2c_580.028"/>
von Empfindungen nimmt die Epistel das <hirendition="#g">satyrische</hi></p></div></div></div></body></text></TEI>
[580/0104]
p2c_580.001
Ton anzunehmen, nach dem sich alle andre Empfindungen p2c_580.002
modifiziren müssen, wie bey der Elegie das Sanfte, p2c_580.003
und bey dem Liede das Edle. Die Gemüthsstimmung p2c_580.004
des Dichters, die sie darstellt, muß Laune seyn. p2c_580.005
Jn diesem Geiste sind auch die besten Episteln der Dichter p2c_580.006
geschrieben. Horaz, Boileau, Addisson, Göcking, Gleim, p2c_580.007
Jacobi, Ebert u. s. w. liefern Beyspiele. ─ Veranlassung p2c_580.008
und Gedankeninhalt der Epistel sind willkührlich. Horazens p2c_580.009
Episteln sind zufällige freye Werke der Laune, er erzählt, p2c_580.010
er trägt eine Lebenssentenz vor; aber alles mit sokratischer p2c_580.011
Jronie über sich selbst. Man sieht, er will nichts p2c_580.012
planmäßiges darstellen, er folgt der augenblicklichen Eingebung p2c_580.013
seines Genies. Eben wegen dieser launigen Jronie, die p2c_580.014
der Epistel eigen ist, dieser leichten Manier über das Leben p2c_580.015
zu scherzen, haben auch viele Lehrdichter, die einen p2c_580.016
ernsthaften Zweck hatten, die Form der Epistel gewählt. p2c_580.017
Der Styl der Epistel kann natürlich seyn, kann auch zuweilen p2c_580.018
höher sich heben, alles, wie es die Laune bestimmt. p2c_580.019
Das Metrum muß frey, und nicht sehr von der Sprache der p2c_580.020
Prosa entfernt seyn. Horazens Hexameter ist beynahe zu p2c_580.021
ernsthaft. ─ Das Elegieenmaaß des Ovid hat zu viel p2c_580.022
lyrisches für die wirkliche Epistel; (etwas anders ist von der p2c_580.023
Elegie in Briefform zu sagen s. oben). Boileau hat p2c_580.024
seine Alexandriner. Die Engländer haben etwas kürzere p2c_580.025
jambische Verse in dieser Dichtungsart. Die Deutschen p2c_580.026
haben kleine kurze leichte Verse angenommen, und das paßt p2c_580.027
im Grunde am besten. Unter mehreren Modificationen p2c_580.028
von Empfindungen nimmt die Epistel das satyrische
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
Weitere Informationen …
Technische Universität Darmstadt, Universität Stuttgart: Bereitstellung der Scan-Digitalisate und der Texttranskription.
(2015-09-30T09:54:39Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
TextGrid/DARIAH-DE: Langfristige Bereitstellung der TextGrid/DARIAH-DE-Repository-Ausgabe
Stefan Alscher: Bearbeitung der digitalen Edition - Annotation des Metaphernbegriffs
Hans-Werner Bartz: Bearbeitung der digitalen Edition - Tustep-Unterstützung
Michael Bender: Bearbeitung der digitalen Edition - Koordination, Konzeption (Korpusaufbau, Annotationsschema, Workflow, Publikationsformen), Annotation des Metaphernbegriffs, XML-Auszeichnung)
Leonie Blumenschein: Bearbeitung der digitalen Edition - XML-Auszeichnung
David Glück: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung, Annotation des Metaphernbegriffs, XSL+JavaScript
Constanze Hahn: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung
Philipp Hegel: Bearbeitung der digitalen Edition - XML/XSL/CSS-Unterstützung
Andrea Rapp: ePoetics-Projekt-Koordination
Weitere Informationen:
Bogensignaturen: keine Angabe;
Druckfehler: keine Angabe;
fremdsprachliches Material: gekennzeichnet;
Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage;
Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage;
i/j in Fraktur: wie Vorlage;
I/J in Fraktur: wie Vorlage;
Kolumnentitel: nicht übernommen;
Kustoden: nicht übernommen;
langes s (ſ): wie Vorlage;
Normalisierungen: keine;
rundes r (ꝛ): wie Vorlage;
Seitenumbrüche markiert: ja;
Silbentrennung: nicht übernommen;
u/v bzw. U/V: wie Vorlage;
Vokale mit übergest. e: wie Vorlage;
Vollständigkeit: vollständig erfasst;
Zeichensetzung: wie Vorlage;
Zeilenumbrüche markiert: ja;
Clodius, Christian August Heinrich: Entwurf einer systematischen Poetik nebst Collectaneen zu ihrer Ausführung. Zweiter Theil. Leipzig, 1804, S. 580. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/clodius_poetik02_1804/104>, abgerufen am 10.08.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.