p2c_621.001 eher Fehler hin, als dem tragischen, weil hier jeder Fehler p2c_621.002 gegen das Ganze eher gefühlt wird. Sophocles ist ein p2c_621.003 vollkommnerer Dichter, wie Homer, dieser aber ein größerer. p2c_621.004 Der Jnnhalt der Tragödie wird gewöhnlich nach p2c_621.005 dem Aristoteles in das phoberon kai eleeinon gesetzt, an p2c_621.006 welches der griechische Philosoph das menschliche Auge gewöhnt p2c_621.007 wissen will. Jndessen machen weder jene Leidenschaften, p2c_621.008 noch ein unglücklicher Ausgang das Wesen des p2c_621.009 Trauerspiels aus. Einige fanden darinnen einen Unterschied p2c_621.010 zwischen Epopöe und Tragödie, daß in der ersten p2c_621.011 der Held siegen, in der letztern unterliegen müßte. Allein p2c_621.012 was heißt dies unterliegen? Soll der Hauptheld allemal p2c_621.013 sterben? Dies ist nicht immer der Fall. Brutusp2c_621.014 läßt seine Söhne hinrichten. Dies giebt dem Voltaire,p2c_621.015 dem Alfieri Stoff zu einem Trauerspiel. Brutus ist p2c_621.016 Hauptheld. Aber er stirbt nicht. Soll unterliegenp2c_621.017 heißen seinen Zweck verfehlen? Auch wieder nicht; wie oft p2c_621.018 erreicht ein Held gerade seinen Zweck durch den Tod, wie p2c_621.019 oft siegt er über seine niedere Natur, wie Antigone.p2c_621.020 Daß in der Tragödie nothwendig Fürsten und Könige handeln p2c_621.021 müssen, gehört auch nicht zu ihrem Wesen, wiewohl p2c_621.022 jene Personen öfter in tragische Verhältnisse kommen, wie p2c_621.023 andere. Man kennt längst auch das bürgerliche Trauerspiel. p2c_621.024 Also ist der Jnnhalt der Tragödie in eine heroischep2c_621.025 Handlung zu setzen, in einen großen Kampf der Frey=p2c_621.026 heit mit dem Schicksal, mit dem niedern Begehrungsvermögen.
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p2c_621.001 eher Fehler hin, als dem tragischen, weil hier jeder Fehler p2c_621.002 gegen das Ganze eher gefühlt wird. Sophocles ist ein p2c_621.003 vollkommnerer Dichter, wie Homer, dieser aber ein größerer. p2c_621.004 Der Jnnhalt der Tragödie wird gewöhnlich nach p2c_621.005 dem Aristoteles in das φοβερον και ἐλεεινον gesetzt, an p2c_621.006 welches der griechische Philosoph das menschliche Auge gewöhnt p2c_621.007 wissen will. Jndessen machen weder jene Leidenschaften, p2c_621.008 noch ein unglücklicher Ausgang das Wesen des p2c_621.009 Trauerspiels aus. Einige fanden darinnen einen Unterschied p2c_621.010 zwischen Epopöe und Tragödie, daß in der ersten p2c_621.011 der Held siegen, in der letztern unterliegen müßte. Allein p2c_621.012 was heißt dies unterliegen? Soll der Hauptheld allemal p2c_621.013 sterben? Dies ist nicht immer der Fall. Brutusp2c_621.014 läßt seine Söhne hinrichten. Dies giebt dem Voltaire,p2c_621.015 dem Alfieri Stoff zu einem Trauerspiel. Brutus ist p2c_621.016 Hauptheld. Aber er stirbt nicht. Soll unterliegenp2c_621.017 heißen seinen Zweck verfehlen? Auch wieder nicht; wie oft p2c_621.018 erreicht ein Held gerade seinen Zweck durch den Tod, wie p2c_621.019 oft siegt er über seine niedere Natur, wie Antigone.p2c_621.020 Daß in der Tragödie nothwendig Fürsten und Könige handeln p2c_621.021 müssen, gehört auch nicht zu ihrem Wesen, wiewohl p2c_621.022 jene Personen öfter in tragische Verhältnisse kommen, wie p2c_621.023 andere. Man kennt längst auch das bürgerliche Trauerspiel. p2c_621.024 Also ist der Jnnhalt der Tragödie in eine heroischep2c_621.025 Handlung zu setzen, in einen großen Kampf der Frey=p2c_621.026 heit mit dem Schicksal, mit dem niedern Begehrungsvermögen.
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Clodius, Christian August Heinrich: Entwurf einer systematischen Poetik nebst Collectaneen zu ihrer Ausführung. Zweiter Theil. Leipzig, 1804, S. 621. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/clodius_poetik02_1804/145>, abgerufen am 10.08.2024.
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