p2c_711.001 gefaßt. Ueberhaupt scheint es besser, wenn der höhere Lehrdichter p2c_711.002 die Wahrheit nicht als ein weitumfassendes System p2c_711.003 darzustellen unternimmt, wenn er sich auf irgend einen einzelnen p2c_711.004 metaphysischen Standpunkt stellt, wie z. B. die Frage vom p2c_711.005 Uebel, vom Selbstmord, von der Bestimmung des Menschen, p2c_711.006 wie Pope, und von da aus den Blick ins unermeßliche Ganze p2c_711.007 hinaus erweitert. Es ist eben so, wie beym Heldengedichte.p2c_711.008 Der Heldendichter thut gut, seine Handlung p2c_711.009 auf eine einzige That zu concentriren, der Lehrdichterp2c_711.010 thut gut, sein System in der Anwendung auf irgend einem p2c_711.011 Hauptfall zu zeigen. Die Uebergänge des Lehrgedichts müssen p2c_711.012 ohne Zwang des Verstandes nicht wissenschaftlich seyn, p2c_711.013 mehr durch willkührliche Jdeen= Assoziation der Phantasie p2c_711.014 und der Empfindung bewirkt. Haller fängt sein Lehrgedicht p2c_711.015 über das Uebel mit Beschreibung einer Landschaft an, p2c_711.016 in welcher die wohlthätige Fülle der Natur überall ausgebreitet p2c_711.017 ist, und fährt dann fort: "Und dieses ist die Welt, p2c_711.018 worüber Weise klagen." - Diese Jdeenassoziation ist ächt p2c_711.019 poetisch, weil sie so willkührlich erscheint. Eben so folgen p2c_711.020 Pope und Young mit vollkommner Freyheit ihrer Laune, p2c_711.021 indem sie die philosophischen Gedanken an einander reihen, p2c_711.022 wiewohl ersterer gleich Anfangs den Jnhalt seines Gedichts p2c_711.023 bestimmt angiebt. Was die Digressionen in dem höhern p2c_711.024 Lehrgedichte betrifft, so müssen sie freylich nicht als p2c_711.025 unnütze Zierrathen da seyn. Der Gegenstand ist zu ernst,p2c_711.026 zu erhaben, um dem Dichter Muße zu vielen Ausschweifungen p2c_711.027 zu erlauben. Sie müssen gerade dazu da seyn, das p2c_711.028 Hauptprinzip unvermerkt in ein helleres Licht zu setzen.
p2c_711.001 gefaßt. Ueberhaupt scheint es besser, wenn der höhere Lehrdichter p2c_711.002 die Wahrheit nicht als ein weitumfassendes System p2c_711.003 darzustellen unternimmt, wenn er sich auf irgend einen einzelnen p2c_711.004 metaphysischen Standpunkt stellt, wie z. B. die Frage vom p2c_711.005 Uebel, vom Selbstmord, von der Bestimmung des Menschen, p2c_711.006 wie Pope, und von da aus den Blick ins unermeßliche Ganze p2c_711.007 hinaus erweitert. Es ist eben so, wie beym Heldengedichte.p2c_711.008 Der Heldendichter thut gut, seine Handlung p2c_711.009 auf eine einzige That zu concentriren, der Lehrdichterp2c_711.010 thut gut, sein System in der Anwendung auf irgend einem p2c_711.011 Hauptfall zu zeigen. Die Uebergänge des Lehrgedichts müssen p2c_711.012 ohne Zwang des Verstandes nicht wissenschaftlich seyn, p2c_711.013 mehr durch willkührliche Jdeen= Assoziation der Phantasie p2c_711.014 und der Empfindung bewirkt. Haller fängt sein Lehrgedicht p2c_711.015 über das Uebel mit Beschreibung einer Landschaft an, p2c_711.016 in welcher die wohlthätige Fülle der Natur überall ausgebreitet p2c_711.017 ist, und fährt dann fort: „Und dieses ist die Welt, p2c_711.018 worüber Weise klagen.“ ─ Diese Jdeenassoziation ist ächt p2c_711.019 poetisch, weil sie so willkührlich erscheint. Eben so folgen p2c_711.020 Pope und Young mit vollkommner Freyheit ihrer Laune, p2c_711.021 indem sie die philosophischen Gedanken an einander reihen, p2c_711.022 wiewohl ersterer gleich Anfangs den Jnhalt seines Gedichts p2c_711.023 bestimmt angiebt. Was die Digressionen in dem höhern p2c_711.024 Lehrgedichte betrifft, so müssen sie freylich nicht als p2c_711.025 unnütze Zierrathen da seyn. Der Gegenstand ist zu ernst,p2c_711.026 zu erhaben, um dem Dichter Muße zu vielen Ausschweifungen p2c_711.027 zu erlauben. Sie müssen gerade dazu da seyn, das p2c_711.028 Hauptprinzip unvermerkt in ein helleres Licht zu setzen.
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Clodius, Christian August Heinrich: Entwurf einer systematischen Poetik nebst Collectaneen zu ihrer Ausführung. Zweiter Theil. Leipzig, 1804, S. 711. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/clodius_poetik02_1804/235>, abgerufen am 10.08.2024.
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