p2c_511.001 gestalt annahmen, um als bloße Erscheinungen unter uns p2c_511.002 zu wandeln. Aber diese Götter waren immer objektiv außerhalb p2c_511.003 der Menschheit hingestellt. Es war eine ewige p2c_511.004 Kluft zwischen der Gottheit und der sterblichen Natur. Das p2c_511.005 Wesen des Christenthums hingegen besteht darinnen, daß p2c_511.006 der Gott zugleich wahrer Mensch war, besteht in einer p2c_511.007 innigen engen Vereinigung der göttlichen und menschlichen p2c_511.008 Natur. Nur dadurch, daß der Gott, der nichts als das p2c_511.009 Gute wollte, menschlich fühlte, menschlich litt,p2c_511.010 erhebt sich das Christenthum als einzig ächte Humanitätp2c_511.011 über alle inhumane Fabeln des Heydenthums. Der Enthusiasmus, p2c_511.012 den die Leidensgeschichte Christi in so vielen p2c_511.013 Menschenseelen erregt, ist allein durch das Bedürfniß erklärbar, p2c_511.014 das göttliche Prinzip der Dinge, die höchste reinste p2c_511.015 Liebe im Kampfe mit der fühllosen Natur dargestellt zu sehen. p2c_511.016 Eine ideale Weltgeschichte, welche uns diesen p2c_511.017 Kampf im vollsten Glanze zeigt, welche die tiefste Erniedrigung p2c_511.018 und die größte Erhöhung neben einander stellt, ist zu p2c_511.019 gleicher Zeit die Geschichte eines jeden menschlichen Herzens. p2c_511.020 Der Sieg, den sie verkündet, muß jedes Herz zu einem p2c_511.021 ähnlichen Siege anfeuern. Auf dieses mit ästhetischer Ruhe p2c_511.022 verbundene praktische Jnteresse gründet sich vorzüglich der p2c_511.023 Glaube an ihre historische Wahrheit. - Und diesen Glaubenp2c_511.024 verlangt sie, wie ihn unsre Natur verlangt, kein Wissenp2c_511.025 giebt sie nicht, kann und darf sie nicht geben. Was p2c_511.026 seyn soll, muß seyn. Das ist die wahre Ueberzeugung. p2c_511.027 Was in der Welt siegen soll, muß siegen. Das ist die Jdee, p2c_511.028 aus der alles göttliche Handeln kommt. Die höchste Schönheit
p2c_511.001 gestalt annahmen, um als bloße Erscheinungen unter uns p2c_511.002 zu wandeln. Aber diese Götter waren immer objektiv außerhalb p2c_511.003 der Menschheit hingestellt. Es war eine ewige p2c_511.004 Kluft zwischen der Gottheit und der sterblichen Natur. Das p2c_511.005 Wesen des Christenthums hingegen besteht darinnen, daß p2c_511.006 der Gott zugleich wahrer Mensch war, besteht in einer p2c_511.007 innigen engen Vereinigung der göttlichen und menschlichen p2c_511.008 Natur. Nur dadurch, daß der Gott, der nichts als das p2c_511.009 Gute wollte, menschlich fühlte, menschlich litt,p2c_511.010 erhebt sich das Christenthum als einzig ächte Humanitätp2c_511.011 über alle inhumane Fabeln des Heydenthums. Der Enthusiasmus, p2c_511.012 den die Leidensgeschichte Christi in so vielen p2c_511.013 Menschenseelen erregt, ist allein durch das Bedürfniß erklärbar, p2c_511.014 das göttliche Prinzip der Dinge, die höchste reinste p2c_511.015 Liebe im Kampfe mit der fühllosen Natur dargestellt zu sehen. p2c_511.016 Eine ideale Weltgeschichte, welche uns diesen p2c_511.017 Kampf im vollsten Glanze zeigt, welche die tiefste Erniedrigung p2c_511.018 und die größte Erhöhung neben einander stellt, ist zu p2c_511.019 gleicher Zeit die Geschichte eines jeden menschlichen Herzens. p2c_511.020 Der Sieg, den sie verkündet, muß jedes Herz zu einem p2c_511.021 ähnlichen Siege anfeuern. Auf dieses mit ästhetischer Ruhe p2c_511.022 verbundene praktische Jnteresse gründet sich vorzüglich der p2c_511.023 Glaube an ihre historische Wahrheit. ─ Und diesen Glaubenp2c_511.024 verlangt sie, wie ihn unsre Natur verlangt, kein Wissenp2c_511.025 giebt sie nicht, kann und darf sie nicht geben. Was p2c_511.026 seyn soll, muß seyn. Das ist die wahre Ueberzeugung. p2c_511.027 Was in der Welt siegen soll, muß siegen. Das ist die Jdee, p2c_511.028 aus der alles göttliche Handeln kommt. Die höchste Schönheit
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Clodius, Christian August Heinrich: Entwurf einer systematischen Poetik nebst Collectaneen zu ihrer Ausführung. Zweiter Theil. Leipzig, 1804, S. 511. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/clodius_poetik02_1804/35>, abgerufen am 10.08.2024.
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