p2c_542.002 3) Da die Ode eine höhere Gemüthsstimmung p2c_542.003 voraussetzt, welche durch keinen äußerlich bestimmten p2c_542.004 Gegenstand genährt wird, also nicht bleibend seyn kann, p2c_542.005 so muß sie ihrer Natur nach kurz und ihr Styl gedrängt p2c_542.006 seyn. Keiner Dichtungsart kommt die hohe p2c_542.007 Sprache zu, welche die Ode hat, weil in ihr der Dichter p2c_542.008 allein spricht, und seine erhabenen Empfindungen p2c_542.009 mittheilt.
p2c_542.010 Anmerk. Weder Pindar noch Rousseau machen von p2c_542.011 dieser Regel der Kürze eine Ausnahme. Pindars Oden p2c_542.012 nähern sich oft mehr der Natur von Erzählungen in p2c_542.013 lyrischer Form unsrer Balladen. Nur in dieser Qualität p2c_542.014 kann man sie nicht zu lang finden. Der Engländer Prior p2c_542.015 hat Oden von fünf und dreyßig zehnzeiligen Strophen. p2c_542.016 Rousseaus Oden pflegte Klopstock Dissertations lyriquesp2c_542.017 zu nennen. Sie sind zuweilen mehr Lehrgedichte in lyrischer p2c_542.018 Form, als wirkliche Oden. Ueberhaupt kommt es bey p2c_542.019 Classification der Gedichte auf das an, was die Hauptsache p2c_542.020 ist. A potiori fit denominatio, wie wir schon bemerkt p2c_542.021 haben. Es kann ein Dichter erzählen und lehren wollen, p2c_542.022 und seiner Gedankenreihe dabey eine freyere lyrische Form p2c_542.023 geben, als wär er an seinen Gegenstand nicht gebunden. p2c_542.024 Dann ist er kein lyrischer Dichter, wenn er auch noch so p2c_542.025 viel lyrische Stellen einmischt. Wiederum kann ein Dichret p2c_542.026 nur erzählen. Wenn aber seine Erzählung ihrer p2c_542.027 Natur nach Nebensache, Einkleidung, und nichts als das
p2c_542.001 §. 4.
p2c_542.002 3) Da die Ode eine höhere Gemüthsstimmung p2c_542.003 voraussetzt, welche durch keinen äußerlich bestimmten p2c_542.004 Gegenstand genährt wird, also nicht bleibend seyn kann, p2c_542.005 so muß sie ihrer Natur nach kurz und ihr Styl gedrängt p2c_542.006 seyn. Keiner Dichtungsart kommt die hohe p2c_542.007 Sprache zu, welche die Ode hat, weil in ihr der Dichter p2c_542.008 allein spricht, und seine erhabenen Empfindungen p2c_542.009 mittheilt.
p2c_542.010 Anmerk. Weder Pindar noch Rousseau machen von p2c_542.011 dieser Regel der Kürze eine Ausnahme. Pindars Oden p2c_542.012 nähern sich oft mehr der Natur von Erzählungen in p2c_542.013 lyrischer Form unsrer Balladen. Nur in dieser Qualität p2c_542.014 kann man sie nicht zu lang finden. Der Engländer Prior p2c_542.015 hat Oden von fünf und dreyßig zehnzeiligen Strophen. p2c_542.016 Rousseaus Oden pflegte Klopstock Dissertations lyriquesp2c_542.017 zu nennen. Sie sind zuweilen mehr Lehrgedichte in lyrischer p2c_542.018 Form, als wirkliche Oden. Ueberhaupt kommt es bey p2c_542.019 Classification der Gedichte auf das an, was die Hauptsache p2c_542.020 ist. A potiori fit denominatio, wie wir schon bemerkt p2c_542.021 haben. Es kann ein Dichter erzählen und lehren wollen, p2c_542.022 und seiner Gedankenreihe dabey eine freyere lyrische Form p2c_542.023 geben, als wär er an seinen Gegenstand nicht gebunden. p2c_542.024 Dann ist er kein lyrischer Dichter, wenn er auch noch so p2c_542.025 viel lyrische Stellen einmischt. Wiederum kann ein Dichret p2c_542.026 nur erzählen. Wenn aber seine Erzählung ihrer p2c_542.027 Natur nach Nebensache, Einkleidung, und nichts als das
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Clodius, Christian August Heinrich: Entwurf einer systematischen Poetik nebst Collectaneen zu ihrer Ausführung. Zweiter Theil. Leipzig, 1804, S. 542. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/clodius_poetik02_1804/66>, abgerufen am 10.08.2024.
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