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Cohn, Gustav: Die deutsche Frauenbewegung. Berlin, 1896.

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Zweites Capitel.
Frauennatur und Frauencultur.
I.

Der deutschen Frauenbewegung muß die Anerkennung zu
Theil werden, daß sie der Frage bereits selber tiefer an die
Wurzel gegangen, indem sie freilich den Spuren dessen gefolgt
ist, was die gleichartigen Bewegungen des Auslandes vor ihr
geleistet haben. Mit zutreffender Geringschätzung jener Utopien,
die wir auf ihren wahren Werth zurückzuführen versuchten,
und deren Bedeutung vielmehr auf unbrauchbare, mechanische
Auskunftsmittel hinauskommt, hat diese Bewegung von Anfang
an sich auf eine Erweiterung der Erwerbsgebiete des weiblichen
Geschlechts gerichtet, ja, von diesem Ziele ihren Namen ent-
lehnt. Statt jenes unfruchtbaren Losungswortes, das man bald
dem männlichen, bald dem weiblichen Geschlechte zurief, dem
Wahne huldigend, es komme allein darauf an, die Zahl der
Eheschließungen zu vermehren, wurde durch dieses neue Ziel
die tiefere Frage angeregt, auf welche Erwerbsgebiete sich die
weibliche Arbeit zu erstrecken habe. Die tiefere Frage deshalb,
weil sie die herkömmlichen Arbeitsgebiete und zwar namentlich
diejenigen, welche die höheren Fähigkeiten des weiblichen Ge-
schlechts beschäftigten, einer Prüfung unterwarf, die folgerichtiger

Zweites Capitel.
Frauennatur und Frauencultur.
I.

Der deutschen Frauenbewegung muß die Anerkennung zu
Theil werden, daß sie der Frage bereits selber tiefer an die
Wurzel gegangen, indem sie freilich den Spuren dessen gefolgt
ist, was die gleichartigen Bewegungen des Auslandes vor ihr
geleistet haben. Mit zutreffender Geringschätzung jener Utopien,
die wir auf ihren wahren Werth zurückzuführen versuchten,
und deren Bedeutung vielmehr auf unbrauchbare, mechanische
Auskunftsmittel hinauskommt, hat diese Bewegung von Anfang
an sich auf eine Erweiterung der Erwerbsgebiete des weiblichen
Geschlechts gerichtet, ja, von diesem Ziele ihren Namen ent-
lehnt. Statt jenes unfruchtbaren Losungswortes, das man bald
dem männlichen, bald dem weiblichen Geschlechte zurief, dem
Wahne huldigend, es komme allein darauf an, die Zahl der
Eheschließungen zu vermehren, wurde durch dieses neue Ziel
die tiefere Frage angeregt, auf welche Erwerbsgebiete sich die
weibliche Arbeit zu erstrecken habe. Die tiefere Frage deshalb,
weil sie die herkömmlichen Arbeitsgebiete und zwar namentlich
diejenigen, welche die höheren Fähigkeiten des weiblichen Ge-
schlechts beschäftigten, einer Prüfung unterwarf, die folgerichtiger

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[74/0090] Zweites Capitel. Frauennatur und Frauencultur. I. Der deutschen Frauenbewegung muß die Anerkennung zu Theil werden, daß sie der Frage bereits selber tiefer an die Wurzel gegangen, indem sie freilich den Spuren dessen gefolgt ist, was die gleichartigen Bewegungen des Auslandes vor ihr geleistet haben. Mit zutreffender Geringschätzung jener Utopien, die wir auf ihren wahren Werth zurückzuführen versuchten, und deren Bedeutung vielmehr auf unbrauchbare, mechanische Auskunftsmittel hinauskommt, hat diese Bewegung von Anfang an sich auf eine Erweiterung der Erwerbsgebiete des weiblichen Geschlechts gerichtet, ja, von diesem Ziele ihren Namen ent- lehnt. Statt jenes unfruchtbaren Losungswortes, das man bald dem männlichen, bald dem weiblichen Geschlechte zurief, dem Wahne huldigend, es komme allein darauf an, die Zahl der Eheschließungen zu vermehren, wurde durch dieses neue Ziel die tiefere Frage angeregt, auf welche Erwerbsgebiete sich die weibliche Arbeit zu erstrecken habe. Die tiefere Frage deshalb, weil sie die herkömmlichen Arbeitsgebiete und zwar namentlich diejenigen, welche die höheren Fähigkeiten des weiblichen Ge- schlechts beschäftigten, einer Prüfung unterwarf, die folgerichtiger

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Zitationshilfe: Cohn, Gustav: Die deutsche Frauenbewegung. Berlin, 1896, S. 74. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/cohn_frauenbewegung_1896/90>, abgerufen am 16.06.2021.