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Cramer, Wilhelm: Der christliche Vater wie er sein und was er thun soll. Nebst einem Anhange von Gebeten für denselben. Dülmen, 1874.

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Der Vater in seinem Gebete.

Unmöglich können wir unsere Erörterungen für
den "christlichen Vater" schließen, ohne der Gebets-
thätigkeit, welche der Vaterberuf mit sich führt, Er-
wähnung zu thun; sie darf, ja sie kann in der Reihe
der Bestrebungen, welche dem Vaterberufe entsprechen,
nicht fehlen; der Vater darf eben nur ein wahrhaft
christlicher Vater sein, um durch seinen väterlichen
Beruf zum Gebete angeregt zu werden.*)

*) Väter, wie es deren vor etlichen Jahrzehnten einen
in Belgien gab, haben wir ja unter unsern Lesern nicht
vorauszusetzen. Derselbe hatte einen Sohn und mit ihm
viel Verdruß. Der Bube that zu Haus kein Gut, und
außer dem Hause in allerhand Erziehungsanstalten auch
nicht; er wurde nach kurzer Zeit überall davongejagt. So
kam er denn eines schönen Tages wieder als Entlassener
zum Vater zurück. Der Vater schlägt die Hände zusam-
men und jammert und gebärdet sich gegen den wilden
Buben, als wollte er ihm sein letztes Stündlein ankünden.
Was soll er jetzt mit ihm anfangen? Er klagt seine Va-
ternoth nach rechts und nach links, bis ihm endlich Je-
mand den Rath gibt, er soll es versuchen, den Wildfang
in die Erziehungsanstalt da und da hinzugeben, es seien dort
Jesuiten, und man höre viel Gutes von dieser Erziehung.
In der verzweifelten Lage nimmt er den Rath an, obwohl
er kein Freund der Jesuiten war. Er führt also den Jun-
gen zum geistlichen Vorstande der Anstalt, klagt ihm sei-
nen Kummer, erzählt ihm die Bubenstreiche des Söhnleins,
und er bitte also, er möge es doch in die Anstalt aufneh-
men, er habe von derselben so viel Rühmliches gehört,
daß er vertraue, man werde auch seinen Sohn noch zu-
rechtbringen. Weil das Kind noch nicht zu alt war, meinte
der Vorstand, man solle die Hoffnung nicht aufgeben, in-
dessen möge der Vater nur recht einträchtig mit den Vor-
gesetzten vorwärtsgehen, und soll inzwischen für das arme
Kind recht fleißig beten. Kaum war das Wort: "Beten"
über die Lippen des Rectors, als sich über das Angesicht
des Vaters ein Zug ausbreitete, als hätte er bittere Man-
deln zwischen den Zähnen. So öffnet er den Mund und
spricht: "Ich muß Ihnen schon sagen, Herr Rector, daß
ich dringend wünsche, und es zur Bedingung mache, daß
Sie meinen Sohn mit allen religiösen Sachen verschonen.
Es ist mein Entschluß, ihm in dieser Beziehung keine Rich-
tung zu geben; ist er alt genug, mag er sich nach eigener
Ueberzeugung selbst den rechten Weg einschlagen."
Jetzt
war es an dem Herrn Rector, sein Gesicht bis zum Aus-
druck der Verwunderung aufzuspannen und zu sagen: "Mein
Herr! da bitte ich, ihren Sohn nur wieder mit sich nach
Haus zu nehmen; unter dieser Bedingung erklären wir
uns für unfähig, an Ihrem Sohne was Gutes zu erzie-
hen; denn offen gesprochen, wenn wir, wie Sie sagen,
einige glückliche Erfolge in der Anstalt erzielt haben, ist
es nur gelungen, weil wir uns bemühten, unsern Zög-
lingen wahres Christenthum ins Herz zu pflanzen."
Der Vater in seinem Gebete.

Unmöglich können wir unsere Erörterungen für
den „christlichen Vater“ schließen, ohne der Gebets-
thätigkeit, welche der Vaterberuf mit sich führt, Er-
wähnung zu thun; sie darf, ja sie kann in der Reihe
der Bestrebungen, welche dem Vaterberufe entsprechen,
nicht fehlen; der Vater darf eben nur ein wahrhaft
christlicher Vater sein, um durch seinen väterlichen
Beruf zum Gebete angeregt zu werden.*)

*) Väter, wie es deren vor etlichen Jahrzehnten einen
in Belgien gab, haben wir ja unter unsern Lesern nicht
vorauszusetzen. Derselbe hatte einen Sohn und mit ihm
viel Verdruß. Der Bube that zu Haus kein Gut, und
außer dem Hause in allerhand Erziehungsanstalten auch
nicht; er wurde nach kurzer Zeit überall davongejagt. So
kam er denn eines schönen Tages wieder als Entlassener
zum Vater zurück. Der Vater schlägt die Hände zusam-
men und jammert und gebärdet sich gegen den wilden
Buben, als wollte er ihm sein letztes Stündlein ankünden.
Was soll er jetzt mit ihm anfangen? Er klagt seine Va-
ternoth nach rechts und nach links, bis ihm endlich Je-
mand den Rath gibt, er soll es versuchen, den Wildfang
in die Erziehungsanstalt da und da hinzugeben, es seien dort
Jesuiten, und man höre viel Gutes von dieser Erziehung.
In der verzweifelten Lage nimmt er den Rath an, obwohl
er kein Freund der Jesuiten war. Er führt also den Jun-
gen zum geistlichen Vorstande der Anstalt, klagt ihm sei-
nen Kummer, erzählt ihm die Bubenstreiche des Söhnleins,
und er bitte also, er möge es doch in die Anstalt aufneh-
men, er habe von derselben so viel Rühmliches gehört,
daß er vertraue, man werde auch seinen Sohn noch zu-
rechtbringen. Weil das Kind noch nicht zu alt war, meinte
der Vorstand, man solle die Hoffnung nicht aufgeben, in-
dessen möge der Vater nur recht einträchtig mit den Vor-
gesetzten vorwärtsgehen, und soll inzwischen für das arme
Kind recht fleißig beten. Kaum war das Wort: Beten
über die Lippen des Rectors, als sich über das Angesicht
des Vaters ein Zug ausbreitete, als hätte er bittere Man-
deln zwischen den Zähnen. So öffnet er den Mund und
spricht: „Ich muß Ihnen schon sagen, Herr Rector, daß
ich dringend wünsche, und es zur Bedingung mache, daß
Sie meinen Sohn mit allen religiösen Sachen verschonen.
Es ist mein Entschluß, ihm in dieser Beziehung keine Rich-
tung zu geben; ist er alt genug, mag er sich nach eigener
Ueberzeugung selbst den rechten Weg einschlagen.“
Jetzt
war es an dem Herrn Rector, sein Gesicht bis zum Aus-
druck der Verwunderung aufzuspannen und zu sagen: „Mein
Herr! da bitte ich, ihren Sohn nur wieder mit sich nach
Haus zu nehmen; unter dieser Bedingung erklären wir
uns für unfähig, an Ihrem Sohne was Gutes zu erzie-
hen; denn offen gesprochen, wenn wir, wie Sie sagen,
einige glückliche Erfolge in der Anstalt erzielt haben, ist
es nur gelungen, weil wir uns bemühten, unsern Zög-
lingen wahres Christenthum ins Herz zu pflanzen.“
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[161/0164] Der Vater in seinem Gebete. Unmöglich können wir unsere Erörterungen für den „christlichen Vater“ schließen, ohne der Gebets- thätigkeit, welche der Vaterberuf mit sich führt, Er- wähnung zu thun; sie darf, ja sie kann in der Reihe der Bestrebungen, welche dem Vaterberufe entsprechen, nicht fehlen; der Vater darf eben nur ein wahrhaft christlicher Vater sein, um durch seinen väterlichen Beruf zum Gebete angeregt zu werden. *) *) Väter, wie es deren vor etlichen Jahrzehnten einen in Belgien gab, haben wir ja unter unsern Lesern nicht vorauszusetzen. Derselbe hatte einen Sohn und mit ihm viel Verdruß. Der Bube that zu Haus kein Gut, und außer dem Hause in allerhand Erziehungsanstalten auch nicht; er wurde nach kurzer Zeit überall davongejagt. So kam er denn eines schönen Tages wieder als Entlassener zum Vater zurück. Der Vater schlägt die Hände zusam- men und jammert und gebärdet sich gegen den wilden Buben, als wollte er ihm sein letztes Stündlein ankünden. Was soll er jetzt mit ihm anfangen? Er klagt seine Va- ternoth nach rechts und nach links, bis ihm endlich Je- mand den Rath gibt, er soll es versuchen, den Wildfang in die Erziehungsanstalt da und da hinzugeben, es seien dort Jesuiten, und man höre viel Gutes von dieser Erziehung. In der verzweifelten Lage nimmt er den Rath an, obwohl er kein Freund der Jesuiten war. Er führt also den Jun- gen zum geistlichen Vorstande der Anstalt, klagt ihm sei- nen Kummer, erzählt ihm die Bubenstreiche des Söhnleins, und er bitte also, er möge es doch in die Anstalt aufneh- men, er habe von derselben so viel Rühmliches gehört, daß er vertraue, man werde auch seinen Sohn noch zu- rechtbringen. Weil das Kind noch nicht zu alt war, meinte der Vorstand, man solle die Hoffnung nicht aufgeben, in- dessen möge der Vater nur recht einträchtig mit den Vor- gesetzten vorwärtsgehen, und soll inzwischen für das arme Kind recht fleißig beten. Kaum war das Wort: „Beten“ über die Lippen des Rectors, als sich über das Angesicht des Vaters ein Zug ausbreitete, als hätte er bittere Man- deln zwischen den Zähnen. So öffnet er den Mund und spricht: „Ich muß Ihnen schon sagen, Herr Rector, daß ich dringend wünsche, und es zur Bedingung mache, daß Sie meinen Sohn mit allen religiösen Sachen verschonen. Es ist mein Entschluß, ihm in dieser Beziehung keine Rich- tung zu geben; ist er alt genug, mag er sich nach eigener Ueberzeugung selbst den rechten Weg einschlagen.“ Jetzt war es an dem Herrn Rector, sein Gesicht bis zum Aus- druck der Verwunderung aufzuspannen und zu sagen: „Mein Herr! da bitte ich, ihren Sohn nur wieder mit sich nach Haus zu nehmen; unter dieser Bedingung erklären wir uns für unfähig, an Ihrem Sohne was Gutes zu erzie- hen; denn offen gesprochen, wenn wir, wie Sie sagen, einige glückliche Erfolge in der Anstalt erzielt haben, ist es nur gelungen, weil wir uns bemühten, unsern Zög- lingen wahres Christenthum ins Herz zu pflanzen.“

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Zitationshilfe: Cramer, Wilhelm: Der christliche Vater wie er sein und was er thun soll. Nebst einem Anhange von Gebeten für denselben. Dülmen, 1874, S. 161. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/cramer_mutter_1874/164>, abgerufen am 19.09.2021.