eine Aristokratie zu tragen, die nicht unterdrückt; Aus- nahmen nur sind die Trauerstätten, auf denen ein Volk der Sieger drohend über dem knirschenden Besiegten steht, ohne Hoffnung auf einen Reccared; der Sclavenstand ist im Verschwinden und der Krieg der Hautfarben hat uns nie den Staat erschwert.
196. Sind hiemit so manche Vorfragen günstig für unsern Welttheil und gerade auch für seine Gegenwart ent- schieden, so bleibt doch eine Schwierigkeit noch häufig un- gelöst, welche sich durch die Frage ausdrückt: Ob der Staat von einfacher oder zusammengesetzter Bauart ist. Die Zusammengesetztheit kann in der Ört- lichkeit, sie kann auch in der Staatsbevölkerung ihren Grund haben. Die örtlichen Hindernisse zwar verlieren täglich an Bedeutung. Schon im frühen Mittelalter hatte der Handelstrieb die Macht, indem er entfernte, reich aus- gestattete Völker zu einander zog, zugleich die dazwischen liegenden ärmer begabten, (Schweitzer, Tyroler) aus ihrer Isolirung in die allgemeinen Bahnen fortzureißen; den Wall der Gebirge, welcher Schweden und Norwegen trennt, kann neue Kunst überwinden und dem armen Bewohner der Pyrenäen, der am Seile schwebend den Buchweitzen seines Felsenabhangs ärndten muß, rückt die Kunststraße, welche sein Daseyn ändern wird, schon nahe genug. Wich- tig für Schutz und Trutz und Wohlergehn wird es immer bleiben, wenn die Staatsglieder allgemach wohl abgerun- det beisammenliegen, allein bei weitem wesentlicher ist es dennoch, daß der Staat in völkerschaftlicher Beziehung der Einheit fähig sey. Einfach in dieser Betrachtung nennen wir den Staat, dessen Bevölkerung einer und derselben Volksart und Regierungsform angehört und der auch nach
Siebentes Capitel.
eine Ariſtokratie zu tragen, die nicht unterdruͤckt; Aus- nahmen nur ſind die Trauerſtaͤtten, auf denen ein Volk der Sieger drohend uͤber dem knirſchenden Beſiegten ſteht, ohne Hoffnung auf einen Reccared; der Sclavenſtand iſt im Verſchwinden und der Krieg der Hautfarben hat uns nie den Staat erſchwert.
196. Sind hiemit ſo manche Vorfragen guͤnſtig fuͤr unſern Welttheil und gerade auch fuͤr ſeine Gegenwart ent- ſchieden, ſo bleibt doch eine Schwierigkeit noch haͤufig un- geloͤst, welche ſich durch die Frage ausdruͤckt: Ob der Staat von einfacher oder zuſammengeſetzter Bauart iſt. Die Zuſammengeſetztheit kann in der Ört- lichkeit, ſie kann auch in der Staatsbevoͤlkerung ihren Grund haben. Die oͤrtlichen Hinderniſſe zwar verlieren taͤglich an Bedeutung. Schon im fruͤhen Mittelalter hatte der Handelstrieb die Macht, indem er entfernte, reich aus- geſtattete Voͤlker zu einander zog, zugleich die dazwiſchen liegenden aͤrmer begabten, (Schweitzer, Tyroler) aus ihrer Iſolirung in die allgemeinen Bahnen fortzureißen; den Wall der Gebirge, welcher Schweden und Norwegen trennt, kann neue Kunſt uͤberwinden und dem armen Bewohner der Pyrenaͤen, der am Seile ſchwebend den Buchweitzen ſeines Felſenabhangs aͤrndten muß, ruͤckt die Kunſtſtraße, welche ſein Daſeyn aͤndern wird, ſchon nahe genug. Wich- tig fuͤr Schutz und Trutz und Wohlergehn wird es immer bleiben, wenn die Staatsglieder allgemach wohl abgerun- det beiſammenliegen, allein bei weitem weſentlicher iſt es dennoch, daß der Staat in voͤlkerſchaftlicher Beziehung der Einheit faͤhig ſey. Einfach in dieſer Betrachtung nennen wir den Staat, deſſen Bevoͤlkerung einer und derſelben Volksart und Regierungsform angehoͤrt und der auch nach
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Siebentes Capitel.
eine Ariſtokratie zu tragen, die nicht unterdruͤckt; Aus-
nahmen nur ſind die Trauerſtaͤtten, auf denen ein Volk
der Sieger drohend uͤber dem knirſchenden Beſiegten ſteht,
ohne Hoffnung auf einen Reccared; der Sclavenſtand iſt
im Verſchwinden und der Krieg der Hautfarben hat uns
nie den Staat erſchwert.
196. Sind hiemit ſo manche Vorfragen guͤnſtig fuͤr
unſern Welttheil und gerade auch fuͤr ſeine Gegenwart ent-
ſchieden, ſo bleibt doch eine Schwierigkeit noch haͤufig un-
geloͤst, welche ſich durch die Frage ausdruͤckt: Ob der
Staat von einfacher oder zuſammengeſetzter
Bauart iſt. Die Zuſammengeſetztheit kann in der Ört-
lichkeit, ſie kann auch in der Staatsbevoͤlkerung ihren
Grund haben. Die oͤrtlichen Hinderniſſe zwar verlieren
taͤglich an Bedeutung. Schon im fruͤhen Mittelalter hatte
der Handelstrieb die Macht, indem er entfernte, reich aus-
geſtattete Voͤlker zu einander zog, zugleich die dazwiſchen
liegenden aͤrmer begabten, (Schweitzer, Tyroler) aus ihrer
Iſolirung in die allgemeinen Bahnen fortzureißen; den
Wall der Gebirge, welcher Schweden und Norwegen trennt,
kann neue Kunſt uͤberwinden und dem armen Bewohner
der Pyrenaͤen, der am Seile ſchwebend den Buchweitzen
ſeines Felſenabhangs aͤrndten muß, ruͤckt die Kunſtſtraße,
welche ſein Daſeyn aͤndern wird, ſchon nahe genug. Wich-
tig fuͤr Schutz und Trutz und Wohlergehn wird es immer
bleiben, wenn die Staatsglieder allgemach wohl abgerun-
det beiſammenliegen, allein bei weitem weſentlicher iſt es
dennoch, daß der Staat in voͤlkerſchaftlicher Beziehung der
Einheit faͤhig ſey. Einfach in dieſer Betrachtung nennen
wir den Staat, deſſen Bevoͤlkerung einer und derſelben
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Dahlmann, Friedrich Christoph: Die Politik, auf den Grund und das Maaß der gegebenen Zustände zurückgeführt. Bd. 1: Staatsverfassung. Volksbildung. Göttingen, 1835, S. 162. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/dahlmann_politik_1835/174>, abgerufen am 10.08.2024.
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