Berührung mit einer aus Frankreich kommenden Strömung. Gerade für die erste Ausbreitung aber zeigt es sich wichtig, daß in Frankreich die Wendung zur Gotik in mehreren Schulen gleich- zeitig und in verschiedenen Formen ausgelöst worden war. Zu Anfang war keineswegs die (im engeren Sinn) französische, d. i. nordfranzösische Schule, deren überragende Bedeutung für die innere Entwicklung unbestritten ist, auch die einflußreichste in der Richtung auf das Ausland. Die erste große Welle der gotischen Flut setzt sich von Burgund aus in Bewegung, eine zweite kleinere vom Anjou.
Die primitive burgundische Gotik ist ein Produkt des Zi- sterzienserordens, die jüngere, aber wesentlich anders geartete Schwester der Kluniazenserkunst. Der Zisterzienserorden ist in der zweiten Hälfte des 12. und in der ersten des 13. Jahr- hunderts nach der Quantität der Leistung der größte Bauherr im Abendlande. Um das Jahr 1200 besaß er, über alle Länder verbreitet, 1800 Klöster, und alle wichtigeren unter ihnen hatten Anlaß, in kurzem Abstand dreimal zu bauen: zuerst eine Not- kirche, dann eine monumentale und bei der selten ausbleibenden Vergrößerung des Konvents noch eine. Das meiste ließ er durch seine eigenen Werkleute ausführen, die von Bau zu Bau wanderten, wo sie im Augenblick gerade nötig waren. So erklärt sich, daß die Zisterzienserkirchen aller Länder ein sehr bestimmtes und gleichartiges Gepräge erhielten, auch ohne daß der Orden für ein einzelnes Formensystem Partei ergriffen hätte. Die Benediktiner- mönche des früheren Mittelalters waren die stolzen Vertreter einer höheren Kultur gewesen, die Zisterzienser wollten die Auswüchse der Kultur wieder beschneiden. Ihre Theorie, in der überweltliche Mystik und scharfer praktischer Verstand einen seltsamen Bund geschlossen hatten, war ausgesprochen kunstfeindlich. Nur der Baukunst ließen sie einen gewissen Raum, insofern sie sich durch Nützlichkeit rechtfertigte. Daher sie aus ihr alles entfernten, was nicht unmittelbar zweckmäßig war. Die Kirchen turmlos, bildlos, farblos, anderseits doch wieder von größter technischer Gediegenheit. Sie sind Freunde des Gewölbebaues und für viele Länder die ersten Lehrer darin; denn als nützlich erkennen sie
Die Kunst des Mittelalters
Berührung mit einer aus Frankreich kommenden Strömung. Gerade für die erste Ausbreitung aber zeigt es sich wichtig, daß in Frankreich die Wendung zur Gotik in mehreren Schulen gleich- zeitig und in verschiedenen Formen ausgelöst worden war. Zu Anfang war keineswegs die (im engeren Sinn) französische, d. i. nordfranzösische Schule, deren überragende Bedeutung für die innere Entwicklung unbestritten ist, auch die einflußreichste in der Richtung auf das Ausland. Die erste große Welle der gotischen Flut setzt sich von Burgund aus in Bewegung, eine zweite kleinere vom Anjou.
Die primitive burgundische Gotik ist ein Produkt des Zi- sterzienserordens, die jüngere, aber wesentlich anders geartete Schwester der Kluniazenserkunst. Der Zisterzienserorden ist in der zweiten Hälfte des 12. und in der ersten des 13. Jahr- hunderts nach der Quantität der Leistung der größte Bauherr im Abendlande. Um das Jahr 1200 besaß er, über alle Länder verbreitet, 1800 Klöster, und alle wichtigeren unter ihnen hatten Anlaß, in kurzem Abstand dreimal zu bauen: zuerst eine Not- kirche, dann eine monumentale und bei der selten ausbleibenden Vergrößerung des Konvents noch eine. Das meiste ließ er durch seine eigenen Werkleute ausführen, die von Bau zu Bau wanderten, wo sie im Augenblick gerade nötig waren. So erklärt sich, daß die Zisterzienserkirchen aller Länder ein sehr bestimmtes und gleichartiges Gepräge erhielten, auch ohne daß der Orden für ein einzelnes Formensystem Partei ergriffen hätte. Die Benediktiner- mönche des früheren Mittelalters waren die stolzen Vertreter einer höheren Kultur gewesen, die Zisterzienser wollten die Auswüchse der Kultur wieder beschneiden. Ihre Theorie, in der überweltliche Mystik und scharfer praktischer Verstand einen seltsamen Bund geschlossen hatten, war ausgesprochen kunstfeindlich. Nur der Baukunst ließen sie einen gewissen Raum, insofern sie sich durch Nützlichkeit rechtfertigte. Daher sie aus ihr alles entfernten, was nicht unmittelbar zweckmäßig war. Die Kirchen turmlos, bildlos, farblos, anderseits doch wieder von größter technischer Gediegenheit. Sie sind Freunde des Gewölbebaues und für viele Länder die ersten Lehrer darin; denn als nützlich erkennen sie
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Die Kunst des Mittelalters
Berührung mit einer aus Frankreich kommenden Strömung.
Gerade für die erste Ausbreitung aber zeigt es sich wichtig, daß
in Frankreich die Wendung zur Gotik in mehreren Schulen gleich-
zeitig und in verschiedenen Formen ausgelöst worden war. Zu
Anfang war keineswegs die (im engeren Sinn) französische, d. i.
nordfranzösische Schule, deren überragende Bedeutung für die
innere Entwicklung unbestritten ist, auch die einflußreichste in
der Richtung auf das Ausland. Die erste große Welle der gotischen
Flut setzt sich von Burgund aus in Bewegung, eine zweite kleinere
vom Anjou.
Die primitive burgundische Gotik ist ein Produkt des Zi-
sterzienserordens, die jüngere, aber wesentlich anders
geartete Schwester der Kluniazenserkunst. Der Zisterzienserorden
ist in der zweiten Hälfte des 12. und in der ersten des 13. Jahr-
hunderts nach der Quantität der Leistung der größte Bauherr
im Abendlande. Um das Jahr 1200 besaß er, über alle Länder
verbreitet, 1800 Klöster, und alle wichtigeren unter ihnen hatten
Anlaß, in kurzem Abstand dreimal zu bauen: zuerst eine Not-
kirche, dann eine monumentale und bei der selten ausbleibenden
Vergrößerung des Konvents noch eine. Das meiste ließ er durch
seine eigenen Werkleute ausführen, die von Bau zu Bau wanderten,
wo sie im Augenblick gerade nötig waren. So erklärt sich, daß
die Zisterzienserkirchen aller Länder ein sehr bestimmtes und
gleichartiges Gepräge erhielten, auch ohne daß der Orden für ein
einzelnes Formensystem Partei ergriffen hätte. Die Benediktiner-
mönche des früheren Mittelalters waren die stolzen Vertreter einer
höheren Kultur gewesen, die Zisterzienser wollten die Auswüchse
der Kultur wieder beschneiden. Ihre Theorie, in der überweltliche
Mystik und scharfer praktischer Verstand einen seltsamen Bund
geschlossen hatten, war ausgesprochen kunstfeindlich. Nur der
Baukunst ließen sie einen gewissen Raum, insofern sie sich durch
Nützlichkeit rechtfertigte. Daher sie aus ihr alles entfernten,
was nicht unmittelbar zweckmäßig war. Die Kirchen turmlos,
bildlos, farblos, anderseits doch wieder von größter technischer
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Dehio, Georg: Kunsthistorische Aufsätze. München u. a., 1914, S. 28. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/dehio_aufsaetze_1914/42>, abgerufen am 25.09.2024.
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