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Consentius, Ernst: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben. Nach der alten Handschrift in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Ebenhausen, 1915.

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Nachdem aber der seeligen Mutter, nach des Vaters Tode, bei ihrem hohen Alter von siebenzig Jahren zu schwer gefallen, die Haushaltung, Handel und Nahrung fortzutreiben, hat sie mir befohlen: mich nach einem guten Gesellen umbzusehen, der mit Gelegenheit die ledige Tochter im Hause heiratete, und also die Handlung und Handwerk in gutem Zustande fortgetrieben würde; hat auch zugleich benennet: daß einer in Sietsch, bei Landsberg, bei seinem Bruder Pohlen, gelobet würde.

Des andern Tages drauf habe ich ein Pferd genommen und habe diesen Pohlen gefunden. Als ich ihn gefraget: ob er einen Bruder hätte, der ein Seilergeselle, und wo er wär? hat er mit: ja, und daß er etwa im Stall oder Scheune wär, geantwortet und ihn gerufen.

Als derselbe barfuß, wie es aufm Dorf gehet, kam, haben sie mich in die Stube geführet, worauf ich meine Wort angebracht und ihm gesaget: weil dabei Handlung, daß er Schreibens und Lesens erfahren sein müßte. Er aber auf alles: "Ja, ja!" geantwortet. Da er doch solches nicht gekonnt, sondern erst lernen müssen. - Und muß man hieraus sonderlich GOttes Providenz sehen, und wann einen Menschen das Glück sucht!

Kurz, er kam rein und wußte sich so wohl in die Mutter als an die Tochter zu schicken, daß im halben Jahr Hochzeit in meinem Haus gemachet wurde. Und ich mir bei solcher Hochzeit, weil ich tranchieren mußte, einen Truthahn auf der Gabel, und ein wenig Wein im Kopf hatte, den linken Daumen halb glatt abhiebe, daß er in dem Braten liegen blieb. Und ohne Zweifel vor ein Stück Truthahn mitgefressen wurde, weil ich ohnvermerkt gleich ein Serviett umb den Finger und Hand gewunden, wiewohl mit großem Schmerz, und wohl vierzehen Tage zu kuren hatte, ehe ein Stück ordentlich wieder angeheilet. Da hieß es recht: "Arzt, hilf dir selbst!"

Nachdem aber der seeligen Mutter, nach des Vaters Tode, bei ihrem hohen Alter von siebenzig Jahren zu schwer gefallen, die Haushaltung, Handel und Nahrung fortzutreiben, hat sie mir befohlen: mich nach einem guten Gesellen umbzusehen, der mit Gelegenheit die ledige Tochter im Hause heiratete, und also die Handlung und Handwerk in gutem Zustande fortgetrieben würde; hat auch zugleich benennet: daß einer in Sietsch, bei Landsberg, bei seinem Bruder Pohlen, gelobet würde.

Des andern Tages drauf habe ich ein Pferd genommen und habe diesen Pohlen gefunden. Als ich ihn gefraget: ob er einen Bruder hätte, der ein Seilergeselle, und wo er wär? hat er mit: ja, und daß er etwa im Stall oder Scheune wär, geantwortet und ihn gerufen.

Als derselbe barfuß, wie es aufm Dorf gehet, kam, haben sie mich in die Stube geführet, worauf ich meine Wort angebracht und ihm gesaget: weil dabei Handlung, daß er Schreibens und Lesens erfahren sein müßte. Er aber auf alles: „Ja, ja!“ geantwortet. Da er doch solches nicht gekonnt, sondern erst lernen müssen. – Und muß man hieraus sonderlich GOttes Providenz sehen, und wann einen Menschen das Glück sucht!

Kurz, er kam rein und wußte sich so wohl in die Mutter als an die Tochter zu schicken, daß im halben Jahr Hochzeit in meinem Haus gemachet wurde. Und ich mir bei solcher Hochzeit, weil ich tranchieren mußte, einen Truthahn auf der Gabel, und ein wenig Wein im Kopf hatte, den linken Daumen halb glatt abhiebe, daß er in dem Braten liegen blieb. Und ohne Zweifel vor ein Stück Truthahn mitgefressen wurde, weil ich ohnvermerkt gleich ein Serviett umb den Finger und Hand gewunden, wiewohl mit großem Schmerz, und wohl vierzehen Tage zu kuren hatte, ehe ein Stück ordentlich wieder angeheilet. Da hieß es recht: „Arzt, hilf dir selbst!“

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          <p>Des andern Tages drauf habe ich ein Pferd genommen und habe diesen Pohlen gefunden. Als ich ihn gefraget: ob er einen Bruder hätte, der ein Seilergeselle, und wo er wär? hat er mit: ja, und daß er etwa im Stall oder Scheune wär, geantwortet und ihn gerufen.</p>
          <p>Als derselbe barfuß, wie es aufm Dorf gehet, kam, haben sie mich in die Stube geführet, worauf ich meine Wort angebracht und ihm gesaget: weil dabei Handlung, daß er Schreibens und Lesens erfahren sein müßte. Er aber auf alles: &#x201E;Ja, ja!&#x201C; geantwortet. Da er doch solches nicht gekonnt, sondern erst lernen müssen. &#x2013; Und muß man hieraus sonderlich GOttes Providenz sehen, und wann einen Menschen das Glück sucht!</p>
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[0017] Nachdem aber der seeligen Mutter, nach des Vaters Tode, bei ihrem hohen Alter von siebenzig Jahren zu schwer gefallen, die Haushaltung, Handel und Nahrung fortzutreiben, hat sie mir befohlen: mich nach einem guten Gesellen umbzusehen, der mit Gelegenheit die ledige Tochter im Hause heiratete, und also die Handlung und Handwerk in gutem Zustande fortgetrieben würde; hat auch zugleich benennet: daß einer in Sietsch, bei Landsberg, bei seinem Bruder Pohlen, gelobet würde. Des andern Tages drauf habe ich ein Pferd genommen und habe diesen Pohlen gefunden. Als ich ihn gefraget: ob er einen Bruder hätte, der ein Seilergeselle, und wo er wär? hat er mit: ja, und daß er etwa im Stall oder Scheune wär, geantwortet und ihn gerufen. Als derselbe barfuß, wie es aufm Dorf gehet, kam, haben sie mich in die Stube geführet, worauf ich meine Wort angebracht und ihm gesaget: weil dabei Handlung, daß er Schreibens und Lesens erfahren sein müßte. Er aber auf alles: „Ja, ja!“ geantwortet. Da er doch solches nicht gekonnt, sondern erst lernen müssen. – Und muß man hieraus sonderlich GOttes Providenz sehen, und wann einen Menschen das Glück sucht! Kurz, er kam rein und wußte sich so wohl in die Mutter als an die Tochter zu schicken, daß im halben Jahr Hochzeit in meinem Haus gemachet wurde. Und ich mir bei solcher Hochzeit, weil ich tranchieren mußte, einen Truthahn auf der Gabel, und ein wenig Wein im Kopf hatte, den linken Daumen halb glatt abhiebe, daß er in dem Braten liegen blieb. Und ohne Zweifel vor ein Stück Truthahn mitgefressen wurde, weil ich ohnvermerkt gleich ein Serviett umb den Finger und Hand gewunden, wiewohl mit großem Schmerz, und wohl vierzehen Tage zu kuren hatte, ehe ein Stück ordentlich wieder angeheilet. Da hieß es recht: „Arzt, hilf dir selbst!“

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Zitationshilfe: Consentius, Ernst: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben. Nach der alten Handschrift in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Ebenhausen, 1915, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/dietz_leben_1915/17>, abgerufen am 20.05.2022.