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Consentius, Ernst: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben. Nach der alten Handschrift in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Ebenhausen, 1915.

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würklich mich schon befühlet hatte. Ich konnte auf den schönen Betten, auch wegen Gestankes, nicht schlafen, stund auf, mit vielem Zurückdenken, und trat in das Thor, welches hinten und vorne offen stund. Ehe ich's mich im Finstern versahe, kombt ein groß Thier (so ohnfehlbar von den großen Huhu, oder Eulen, muß gewesen sein) geflogen, mit solcher Gewalt, daß ich vor Schreck über'n Haufen, fast in eine Ohnmacht fiel. Denn ich nicht anderst meinete: es wäre der leibhafte Teufel. Und GOtt ließe es zu, daß ich mich wieder aufrappte, wie wohl erschröcklich timide und niedergeschlagen, erblasset und krank. Das lose Weibesstück macht' sich immer wieder an mich. Aber ich konnte sie nicht mehr ansehen, solche Reu hatte ich.

Endlich kamen wir zu Berlin an; und ich hatte nun die größte Bekümmernis, wie ich unterkommen wollte. Denn ich war noch sehr blöde und hatte das Herze nicht, anzusprechen. Ich mag mit Wahrheit sagen, daß ich das Barbiers-Haus, in welches Thür ich zwei schon alte Gesellen stehen sahe, wohl zehenmal bin vorbeigangen, ehe ich ansprach und nach dem Oberältesten, bei welchem man sich pfleget einzuschreiben, fragete. Endlich wagte ich's. Und da war der Herr selbst mit dazugekommen, welcher selbst durch seinen Jungen mich ließ bei dem Oberältesten, seinen Schwager Danckquart, hinbringen, mich einzuschreiben. Er sagte aber dem Jungen etwas ins Ohr, daß ich sollte zu ihm geleget werden, so auch geschahe, weil bei diesem Herrn Schubart ein Geselle gerne wegreisen wollte, und außer Zeit kein frembd Gesell da war.

Ich hielt dies gleich für ein gut Omen, Kondition zu bekommen. So auch geschahe. Denn, als mich der Herr probieret, und ich ihn selbst barbieren mußte, bot er mir Kondition an, weil sein Gesell wegreisete. Ich nahm

würklich mich schon befühlet hatte. Ich konnte auf den schönen Betten, auch wegen Gestankes, nicht schlafen, stund auf, mit vielem Zurückdenken, und trat in das Thor, welches hinten und vorne offen stund. Ehe ich’s mich im Finstern versahe, kombt ein groß Thier (so ohnfehlbar von den großen Huhu, oder Eulen, muß gewesen sein) geflogen, mit solcher Gewalt, daß ich vor Schreck über’n Haufen, fast in eine Ohnmacht fiel. Denn ich nicht anderst meinete: es wäre der leibhafte Teufel. Und GOtt ließe es zu, daß ich mich wieder aufrappte, wie wohl erschröcklich timide und niedergeschlagen, erblasset und krank. Das lose Weibesstück macht’ sich immer wieder an mich. Aber ich konnte sie nicht mehr ansehen, solche Reu hatte ich.

Endlich kamen wir zu Berlin an; und ich hatte nun die größte Bekümmernis, wie ich unterkommen wollte. Denn ich war noch sehr blöde und hatte das Herze nicht, anzusprechen. Ich mag mit Wahrheit sagen, daß ich das Barbiers-Haus, in welches Thür ich zwei schon alte Gesellen stehen sahe, wohl zehenmal bin vorbeigangen, ehe ich ansprach und nach dem Oberältesten, bei welchem man sich pfleget einzuschreiben, fragete. Endlich wagte ich’s. Und da war der Herr selbst mit dazugekommen, welcher selbst durch seinen Jungen mich ließ bei dem Oberältesten, seinen Schwager Danckquart, hinbringen, mich einzuschreiben. Er sagte aber dem Jungen etwas ins Ohr, daß ich sollte zu ihm geleget werden, so auch geschahe, weil bei diesem Herrn Schubart ein Geselle gerne wegreisen wollte, und außer Zeit kein frembd Gesell da war.

Ich hielt dies gleich für ein gut Omen, Kondition zu bekommen. So auch geschahe. Denn, als mich der Herr probieret, und ich ihn selbst barbieren mußte, bot er mir Kondition an, weil sein Gesell wegreisete. Ich nahm

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[0033] würklich mich schon befühlet hatte. Ich konnte auf den schönen Betten, auch wegen Gestankes, nicht schlafen, stund auf, mit vielem Zurückdenken, und trat in das Thor, welches hinten und vorne offen stund. Ehe ich’s mich im Finstern versahe, kombt ein groß Thier (so ohnfehlbar von den großen Huhu, oder Eulen, muß gewesen sein) geflogen, mit solcher Gewalt, daß ich vor Schreck über’n Haufen, fast in eine Ohnmacht fiel. Denn ich nicht anderst meinete: es wäre der leibhafte Teufel. Und GOtt ließe es zu, daß ich mich wieder aufrappte, wie wohl erschröcklich timide und niedergeschlagen, erblasset und krank. Das lose Weibesstück macht’ sich immer wieder an mich. Aber ich konnte sie nicht mehr ansehen, solche Reu hatte ich. Endlich kamen wir zu Berlin an; und ich hatte nun die größte Bekümmernis, wie ich unterkommen wollte. Denn ich war noch sehr blöde und hatte das Herze nicht, anzusprechen. Ich mag mit Wahrheit sagen, daß ich das Barbiers-Haus, in welches Thür ich zwei schon alte Gesellen stehen sahe, wohl zehenmal bin vorbeigangen, ehe ich ansprach und nach dem Oberältesten, bei welchem man sich pfleget einzuschreiben, fragete. Endlich wagte ich’s. Und da war der Herr selbst mit dazugekommen, welcher selbst durch seinen Jungen mich ließ bei dem Oberältesten, seinen Schwager Danckquart, hinbringen, mich einzuschreiben. Er sagte aber dem Jungen etwas ins Ohr, daß ich sollte zu ihm geleget werden, so auch geschahe, weil bei diesem Herrn Schubart ein Geselle gerne wegreisen wollte, und außer Zeit kein frembd Gesell da war. Ich hielt dies gleich für ein gut Omen, Kondition zu bekommen. So auch geschahe. Denn, als mich der Herr probieret, und ich ihn selbst barbieren mußte, bot er mir Kondition an, weil sein Gesell wegreisete. Ich nahm

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Zitationshilfe: Consentius, Ernst: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben. Nach der alten Handschrift in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Ebenhausen, 1915, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/dietz_leben_1915/33>, abgerufen am 20.05.2022.