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Consentius, Ernst: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben. Nach der alten Handschrift in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Ebenhausen, 1915.

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Jesu anziehen und unserm Heiland ähnlich werden müssen! - Darum wundere hich nicht meine Seele, daß oft die allerruchlosesten, bösen Menschen so sanft, und wie ein Lamm, ohne Schmerz, ohne Pein, wie man gemeiniglich dahie von solchen Leuten saget, abscheiden.

Gewiß, wann es recht zugehet, so ist der Tod als die Sündenstrafe und Auflösung des Leibes von der Seele, als zweien so fest verbundenen Freunden, insgemein allen Menschen grausam, bitter und schwer. Wie mir dann unter vielen hunderten, die ich sterben gesehen, nur zwei erinnerlich, die da bei ihrem Sterben so freudig waren und so inniglich frohlocketen, als wann sie itzt mit der Schönsten zur Hochzeit und Tanz gehen sollten. Aber, das sind rara exempla.

Aber wiedrum zu mir selbst zu kommen, so währete meine Krankheit bis in die vierte Woche. Bei sothanem Verzug mich der Herr nicht im Hause behalten wollte. Und mußte ich bei meiner seeligen Frau Muhme, welche eine Trabanten-Frau war, kriechen. Die Medikamenten vor mich bekam sie aus der Hof-Apothek. Wie denn der höchstseelige Kurfürst Friedrich Wilhelm dergleichen schöne Veranstaltungen gemacht; freie Doctores und Chirurgi gehalten wurden.

Nach vielen erlittenen Umbständen lernete ich wieder essen und etwas kriechen an der Wand. Mein Herr Schubart kam auch und besahe, ob ich bald wieder Dienste thun könnte. Denn er mich wohl vermisset.

Sobald ich nur ein bischen fortkonnte, mußte ich wieder zu ihm in Diensten. Da wollte es anfangs schwer hergehen, und mußte mich oft an die Wände halten, so meine Kunden jammerte; daher sie mir viel Gutes erwiesen, bis ich wiedrum erstarcket und zu völliger Gesundheit durch GOttes Gnade kam.

Ich dienete bei dem Herrn übers Jahr, ohne daß er an die Verbesserung meines Lohns gedachte; daher ich

Jesu anziehen und unserm Heiland ähnlich werden müssen! – Darum wundere hich nicht meine Seele, daß oft die allerruchlosesten, bösen Menschen so sanft, und wie ein Lamm, ohne Schmerz, ohne Pein, wie man gemeiniglich dahie von solchen Leuten saget, abscheiden.

Gewiß, wann es recht zugehet, so ist der Tod als die Sündenstrafe und Auflösung des Leibes von der Seele, als zweien so fest verbundenen Freunden, insgemein allen Menschen grausam, bitter und schwer. Wie mir dann unter vielen hunderten, die ich sterben gesehen, nur zwei erinnerlich, die da bei ihrem Sterben so freudig waren und so inniglich frohlocketen, als wann sie itzt mit der Schönsten zur Hochzeit und Tanz gehen sollten. Aber, das sind rara exempla.

Aber wiedrum zu mir selbst zu kommen, so währete meine Krankheit bis in die vierte Woche. Bei sothanem Verzug mich der Herr nicht im Hause behalten wollte. Und mußte ich bei meiner seeligen Frau Muhme, welche eine Trabanten-Frau war, kriechen. Die Medikamenten vor mich bekam sie aus der Hof-Apothek. Wie denn der höchstseelige Kurfürst Friedrich Wilhelm dergleichen schöne Veranstaltungen gemacht; freie Doctores und Chirurgi gehalten wurden.

Nach vielen erlittenen Umbständen lernete ich wieder essen und etwas kriechen an der Wand. Mein Herr Schubart kam auch und besahe, ob ich bald wieder Dienste thun könnte. Denn er mich wohl vermisset.

Sobald ich nur ein bischen fortkonnte, mußte ich wieder zu ihm in Diensten. Da wollte es anfangs schwer hergehen, und mußte mich oft an die Wände halten, so meine Kunden jammerte; daher sie mir viel Gutes erwiesen, bis ich wiedrum erstarcket und zu völliger Gesundheit durch GOttes Gnade kam.

Ich dienete bei dem Herrn übers Jahr, ohne daß er an die Verbesserung meines Lohns gedachte; daher ich

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[0038] Jesu anziehen und unserm Heiland ähnlich werden müssen! – Darum wundere hich nicht meine Seele, daß oft die allerruchlosesten, bösen Menschen so sanft, und wie ein Lamm, ohne Schmerz, ohne Pein, wie man gemeiniglich dahie von solchen Leuten saget, abscheiden. Gewiß, wann es recht zugehet, so ist der Tod als die Sündenstrafe und Auflösung des Leibes von der Seele, als zweien so fest verbundenen Freunden, insgemein allen Menschen grausam, bitter und schwer. Wie mir dann unter vielen hunderten, die ich sterben gesehen, nur zwei erinnerlich, die da bei ihrem Sterben so freudig waren und so inniglich frohlocketen, als wann sie itzt mit der Schönsten zur Hochzeit und Tanz gehen sollten. Aber, das sind rara exempla. Aber wiedrum zu mir selbst zu kommen, so währete meine Krankheit bis in die vierte Woche. Bei sothanem Verzug mich der Herr nicht im Hause behalten wollte. Und mußte ich bei meiner seeligen Frau Muhme, welche eine Trabanten-Frau war, kriechen. Die Medikamenten vor mich bekam sie aus der Hof-Apothek. Wie denn der höchstseelige Kurfürst Friedrich Wilhelm dergleichen schöne Veranstaltungen gemacht; freie Doctores und Chirurgi gehalten wurden. Nach vielen erlittenen Umbständen lernete ich wieder essen und etwas kriechen an der Wand. Mein Herr Schubart kam auch und besahe, ob ich bald wieder Dienste thun könnte. Denn er mich wohl vermisset. Sobald ich nur ein bischen fortkonnte, mußte ich wieder zu ihm in Diensten. Da wollte es anfangs schwer hergehen, und mußte mich oft an die Wände halten, so meine Kunden jammerte; daher sie mir viel Gutes erwiesen, bis ich wiedrum erstarcket und zu völliger Gesundheit durch GOttes Gnade kam. Ich dienete bei dem Herrn übers Jahr, ohne daß er an die Verbesserung meines Lohns gedachte; daher ich

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Zitationshilfe: Consentius, Ernst: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben. Nach der alten Handschrift in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Ebenhausen, 1915, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/dietz_leben_1915/38>, abgerufen am 03.07.2022.