Was ist denn reif und was nicht? Welche Keime sind zukunftverheißend und welche verderbenschwanger?
Würde dieses Prinzip der abwartenden Politik durch- geführt, mit welchem Recht wollte der Staat diese oder jene Bewegung unterdrücken, mit welchem Recht verhält er sich gegenwärtig feindlich der social-republikanischen Bewegung gegenüber?
Könnten nicht möglicherweise in dieser Bewegung die Keime zukünftiger Menschengröße und Menschenbe- glückung liegen? Sind nicht oft Jahrhunderte vergangen, ehe eine Jdee, deren Bekenner ihrer Zeit das Schaffot bestiegen, sich zum Heil der Menschheit in Wirklichkeit umsetzte!
Noch nie seit aller Geschichte haben wir den Staat zuwartend gesehen. Er hat Partei ergriffen von jeher und seine ganze Macht eingesetzt für die Verwirklichung seines Jdeals.
Wer weiß es nicht, eine jegliche Wahrheit bricht sich Bahn mit innerer Nothwendigkeit, sei es mit, sei es gegen den Staat.
Ob es aber zur rechten Zeit geschieht, oder ob Ge- nerationen darüber glücklos ins Grab steigen, ob die Wahrheit wie sanftes Morgenroth über den Häuptern der glücklichen Menschen aufgeht oder ob sie ihren Sieges- purpur in Blut tauchen muß, das hängt zumeist vom
Was ist denn reif und was nicht? Welche Keime sind zukunftverheißend und welche verderbenschwanger?
Würde dieses Prinzip der abwartenden Politik durch- geführt, mit welchem Recht wollte der Staat diese oder jene Bewegung unterdrücken, mit welchem Recht verhält er sich gegenwärtig feindlich der social-republikanischen Bewegung gegenüber?
Könnten nicht möglicherweise in dieser Bewegung die Keime zukünftiger Menschengröße und Menschenbe- glückung liegen? Sind nicht oft Jahrhunderte vergangen, ehe eine Jdee, deren Bekenner ihrer Zeit das Schaffot bestiegen, sich zum Heil der Menschheit in Wirklichkeit umsetzte!
Noch nie seit aller Geschichte haben wir den Staat zuwartend gesehen. Er hat Partei ergriffen von jeher und seine ganze Macht eingesetzt für die Verwirklichung seines Jdeals.
Wer weiß es nicht, eine jegliche Wahrheit bricht sich Bahn mit innerer Nothwendigkeit, sei es mit, sei es gegen den Staat.
Ob es aber zur rechten Zeit geschieht, oder ob Ge- nerationen darüber glücklos ins Grab steigen, ob die Wahrheit wie sanftes Morgenroth über den Häuptern der glücklichen Menschen aufgeht oder ob sie ihren Sieges- purpur in Blut tauchen muß, das hängt zumeist vom
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><pbfacs="#f0173"n="165"/><p>Was ist denn reif und was nicht? Welche Keime<lb/>
sind zukunftverheißend und welche verderbenschwanger?</p><lb/><p>Würde dieses Prinzip der abwartenden Politik durch-<lb/>
geführt, mit welchem Recht wollte der Staat diese oder<lb/>
jene Bewegung unterdrücken, mit welchem Recht verhält<lb/>
er sich gegenwärtig feindlich der social-republikanischen<lb/>
Bewegung gegenüber?</p><lb/><p>Könnten nicht möglicherweise in dieser Bewegung<lb/>
die Keime zukünftiger Menschengröße und Menschenbe-<lb/>
glückung liegen? Sind nicht oft Jahrhunderte vergangen,<lb/>
ehe eine Jdee, deren Bekenner ihrer Zeit das Schaffot<lb/>
bestiegen, sich zum Heil der Menschheit in Wirklichkeit<lb/>
umsetzte!</p><lb/><p>Noch nie seit aller Geschichte haben wir den Staat<lb/>
zuwartend gesehen. Er hat Partei ergriffen von jeher<lb/>
und seine ganze Macht eingesetzt für die Verwirklichung<lb/><hirendition="#g">seines</hi> Jdeals.</p><lb/><p>Wer weiß es nicht, eine jegliche Wahrheit bricht sich<lb/>
Bahn mit innerer Nothwendigkeit, sei es mit, sei es<lb/>
gegen den Staat.</p><lb/><p>Ob es aber zur rechten Zeit geschieht, oder ob Ge-<lb/>
nerationen darüber glücklos ins Grab steigen, ob die<lb/>
Wahrheit wie sanftes Morgenroth über den Häuptern<lb/>
der glücklichen Menschen aufgeht oder ob sie ihren Sieges-<lb/>
purpur in Blut tauchen muß, das hängt zumeist vom<lb/></p></div></div></body></text></TEI>
[165/0173]
Was ist denn reif und was nicht? Welche Keime
sind zukunftverheißend und welche verderbenschwanger?
Würde dieses Prinzip der abwartenden Politik durch-
geführt, mit welchem Recht wollte der Staat diese oder
jene Bewegung unterdrücken, mit welchem Recht verhält
er sich gegenwärtig feindlich der social-republikanischen
Bewegung gegenüber?
Könnten nicht möglicherweise in dieser Bewegung
die Keime zukünftiger Menschengröße und Menschenbe-
glückung liegen? Sind nicht oft Jahrhunderte vergangen,
ehe eine Jdee, deren Bekenner ihrer Zeit das Schaffot
bestiegen, sich zum Heil der Menschheit in Wirklichkeit
umsetzte!
Noch nie seit aller Geschichte haben wir den Staat
zuwartend gesehen. Er hat Partei ergriffen von jeher
und seine ganze Macht eingesetzt für die Verwirklichung
seines Jdeals.
Wer weiß es nicht, eine jegliche Wahrheit bricht sich
Bahn mit innerer Nothwendigkeit, sei es mit, sei es
gegen den Staat.
Ob es aber zur rechten Zeit geschieht, oder ob Ge-
nerationen darüber glücklos ins Grab steigen, ob die
Wahrheit wie sanftes Morgenroth über den Häuptern
der glücklichen Menschen aufgeht oder ob sie ihren Sieges-
purpur in Blut tauchen muß, das hängt zumeist vom
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
Weitere Informationen …
Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription.
(2017-07-10T17:06:15Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2017-07-10T17:06:15Z)
Weitere Informationen:
Verfahren der Texterfassung: OCR mit Nachkorrektur.
Bogensignaturen: keine Angabe;
Druckfehler: keine Angabe;
fremdsprachliches Material: keine Angabe;
Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe;
Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage;
i/j in Fraktur: keine Angabe;
I/J in Fraktur: wie Vorlage;
Kolumnentitel: keine Angabe;
Kustoden: keine Angabe;
langes s (ſ): als s transkribiert;
Normalisierungen: keine Angabe;
rundes r (ꝛ): keine Angabe;
Seitenumbrüche markiert: ja;
Silbentrennung: wie Vorlage;
u/v bzw. U/V: keine Angabe;
Vokale mit übergest. e: keine Angabe;
Vollständigkeit: vollständig erfasst;
Zeichensetzung: wie Vorlage;
Zeilenumbrüche markiert: ja;
Dohm, Hedwig: Der Jesuitismus im Hausstande. Berlin, 1873, S. 165. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/dohm_jesuitismus_1873/173>, abgerufen am 10.08.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.