Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Dohm, Christian Conrad Wilhelm von: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. T. 2. Berlin u. a., 1783.

Bild:
<< vorherige Seite

So interessant diese Nachrichten sind, so verdienen
sie doch noch mehr Aufklärung. Denn immer bleibt
es sehr sonderbar, wie gemeine Bauern zu so richtigen,
hellen Begriffen kommen konnten, als in den beyden
Protocollen von ihnen dargelegt werden. Freylich
sind sie mit einigen Sonderbarkeiten gemischt, aber
ich wundere mich nur, daß dieser so wenige sind,
und daß Menschen, in deren Kopfe Moses und der
Hallische Buchdrucker so nahe bey einander Ue-
gen, die großen Hauptwahrheiten der Vernunft,
so rein abzutrennen wußten, und da sie in ihrem
alten Glauben so eine Totalreforme vornahmen, ge-
rade nicht mehr oder weniger wegwarfen und be-
hielten, als geschehen ist. Ich gestehe, daß die
Aussagen dieser Menschen, wenn sie ächt vorgetra-
gen sind, und selbst ihre offene Simplicität mir Ach-
tung für sie eingeflößt haben, und daß ich nichts in
ihnen finde, was sie unfähig machte, treue Bürger
und Unterthanen zu seyn. Was bedarf es hiezu
mehr als das Daseyn und die Vorsehung Got-
tes, Unsterblichkeit und Vergeltung des Gu-
ten und Bösen
zu glauben? Ist dieß nicht genug,
um uns zu guten und rechtschaffenen Menschen zu
machen? und kann -- muß es dem Staat nicht ge-
nug seyn, uns diese zu wissen -- Freylich kön-
nen, wie ich schon bemerkt ha[ - 2 Zeichen fehlen]e, Verhältnisse seyn,
unter denen dieses nicht genug ist; Verhältnisse,

welche

So intereſſant dieſe Nachrichten ſind, ſo verdienen
ſie doch noch mehr Aufklaͤrung. Denn immer bleibt
es ſehr ſonderbar, wie gemeine Bauern zu ſo richtigen,
hellen Begriffen kommen konnten, als in den beyden
Protocollen von ihnen dargelegt werden. Freylich
ſind ſie mit einigen Sonderbarkeiten gemiſcht, aber
ich wundere mich nur, daß dieſer ſo wenige ſind,
und daß Menſchen, in deren Kopfe Moſes und der
Halliſche Buchdrucker ſo nahe bey einander Ue-
gen, die großen Hauptwahrheiten der Vernunft,
ſo rein abzutrennen wußten, und da ſie in ihrem
alten Glauben ſo eine Totalreforme vornahmen, ge-
rade nicht mehr oder weniger wegwarfen und be-
hielten, als geſchehen iſt. Ich geſtehe, daß die
Ausſagen dieſer Menſchen, wenn ſie aͤcht vorgetra-
gen ſind, und ſelbſt ihre offene Simplicitaͤt mir Ach-
tung fuͤr ſie eingefloͤßt haben, und daß ich nichts in
ihnen finde, was ſie unfaͤhig machte, treue Buͤrger
und Unterthanen zu ſeyn. Was bedarf es hiezu
mehr als das Daſeyn und die Vorſehung Got-
tes, Unſterblichkeit und Vergeltung des Gu-
ten und Boͤſen
zu glauben? Iſt dieß nicht genug,
um uns zu guten und rechtſchaffenen Menſchen zu
machen? und kann — muß es dem Staat nicht ge-
nug ſeyn, uns dieſe zu wiſſen — Freylich koͤn-
nen, wie ich ſchon bemerkt ha[ – 2 Zeichen fehlen]e, Verhaͤltniſſe ſeyn,
unter denen dieſes nicht genug iſt; Verhaͤltniſſe,

welche
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0383" n="375"/>
          <div n="3">
            <p>So intere&#x017F;&#x017F;ant die&#x017F;e Nachrichten &#x017F;ind, &#x017F;o verdienen<lb/>
&#x017F;ie doch noch mehr Aufkla&#x0364;rung. Denn immer bleibt<lb/>
es &#x017F;ehr &#x017F;onderbar, wie gemeine Bauern zu &#x017F;o richtigen,<lb/>
hellen Begriffen kommen konnten, als in den beyden<lb/>
Protocollen von ihnen dargelegt werden. Freylich<lb/>
&#x017F;ind &#x017F;ie mit einigen Sonderbarkeiten gemi&#x017F;cht, aber<lb/>
ich wundere mich nur, daß die&#x017F;er &#x017F;o wenige &#x017F;ind,<lb/>
und daß Men&#x017F;chen, in deren Kopfe <hi rendition="#fr">Mo&#x017F;es</hi> und der<lb/><hi rendition="#fr">Halli&#x017F;che Buchdrucker</hi> &#x017F;o nahe bey einander Ue-<lb/>
gen, die großen Hauptwahrheiten der Vernunft,<lb/>
&#x017F;o rein abzutrennen wußten, und da &#x017F;ie in ihrem<lb/>
alten Glauben &#x017F;o eine Totalreforme vornahmen, ge-<lb/>
rade nicht mehr oder weniger wegwarfen und be-<lb/>
hielten, als ge&#x017F;chehen i&#x017F;t. Ich ge&#x017F;tehe, daß die<lb/>
Aus&#x017F;agen die&#x017F;er Men&#x017F;chen, wenn &#x017F;ie a&#x0364;cht vorgetra-<lb/>
gen &#x017F;ind, und &#x017F;elb&#x017F;t ihre offene Simplicita&#x0364;t mir Ach-<lb/>
tung fu&#x0364;r &#x017F;ie eingeflo&#x0364;ßt haben, und daß ich nichts in<lb/>
ihnen finde, was &#x017F;ie unfa&#x0364;hig machte, treue Bu&#x0364;rger<lb/>
und Unterthanen zu &#x017F;eyn. Was bedarf es hiezu<lb/>
mehr als das <hi rendition="#fr">Da&#x017F;eyn und die Vor&#x017F;ehung Got-<lb/>
tes, Un&#x017F;terblichkeit und Vergeltung des Gu-<lb/>
ten und Bo&#x0364;&#x017F;en</hi> zu glauben? I&#x017F;t dieß nicht genug,<lb/>
um uns zu guten und recht&#x017F;chaffenen Men&#x017F;chen zu<lb/>
machen? und <hi rendition="#fr">kann &#x2014; muß</hi> es dem Staat nicht ge-<lb/>
nug &#x017F;eyn, uns <hi rendition="#fr">die&#x017F;e zu wi&#x017F;&#x017F;en</hi> &#x2014; Freylich ko&#x0364;n-<lb/>
nen, wie ich &#x017F;chon bemerkt ha<gap unit="chars" quantity="2"/>e, Verha&#x0364;ltni&#x017F;&#x017F;e &#x017F;eyn,<lb/>
unter denen die&#x017F;es nicht genug i&#x017F;t; Verha&#x0364;ltni&#x017F;&#x017F;e,<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">welche</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[375/0383] So intereſſant dieſe Nachrichten ſind, ſo verdienen ſie doch noch mehr Aufklaͤrung. Denn immer bleibt es ſehr ſonderbar, wie gemeine Bauern zu ſo richtigen, hellen Begriffen kommen konnten, als in den beyden Protocollen von ihnen dargelegt werden. Freylich ſind ſie mit einigen Sonderbarkeiten gemiſcht, aber ich wundere mich nur, daß dieſer ſo wenige ſind, und daß Menſchen, in deren Kopfe Moſes und der Halliſche Buchdrucker ſo nahe bey einander Ue- gen, die großen Hauptwahrheiten der Vernunft, ſo rein abzutrennen wußten, und da ſie in ihrem alten Glauben ſo eine Totalreforme vornahmen, ge- rade nicht mehr oder weniger wegwarfen und be- hielten, als geſchehen iſt. Ich geſtehe, daß die Ausſagen dieſer Menſchen, wenn ſie aͤcht vorgetra- gen ſind, und ſelbſt ihre offene Simplicitaͤt mir Ach- tung fuͤr ſie eingefloͤßt haben, und daß ich nichts in ihnen finde, was ſie unfaͤhig machte, treue Buͤrger und Unterthanen zu ſeyn. Was bedarf es hiezu mehr als das Daſeyn und die Vorſehung Got- tes, Unſterblichkeit und Vergeltung des Gu- ten und Boͤſen zu glauben? Iſt dieß nicht genug, um uns zu guten und rechtſchaffenen Menſchen zu machen? und kann — muß es dem Staat nicht ge- nug ſeyn, uns dieſe zu wiſſen — Freylich koͤn- nen, wie ich ſchon bemerkt ha__e, Verhaͤltniſſe ſeyn, unter denen dieſes nicht genug iſt; Verhaͤltniſſe, welche

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/dohm_juden02_1783
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/dohm_juden02_1783/383
Zitationshilfe: Dohm, Christian Conrad Wilhelm von: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. T. 2. Berlin u. a., 1783, S. 375. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/dohm_juden02_1783/383>, abgerufen am 17.06.2021.