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Droysen, Johann Gustav: Grundriss der Historik. Leipzig, 1868.

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§. 83.

Die Gedanken sind die Kritik dessen, was ist, und nicht ist wie
es sein sollte; indem sie verwirklicht sich zu neuen Zuständen aus-
breiten und zu Gewohnheit, Trägheit, Starrheit verdicken, wird von
Neuem die Kritik herausgefordert und so fort.

Die Continuität dieser Gedanken, -- lampada ekhontes diadosousi
allelois -- ist die Dialektik der Geschichte (? Philosophie der Ge-
schichte)
.

§. 84.

Dass aus Zuständen neue Gedanken, aus den Gedanken neue Zu-
stände werden, ist die Arbeit der Menschen.

Die Vielen, nur ihren Interessen zugewandt, nächsten kleinen
Zwecken lebend, der Gewohnheit, dem allgemeinen Strome, beliebigen
Anlässen folgend, arbeiten für die Geschichte ohne Wahl und Willen,
unfrei, als Masse. Sie sind die lärmenden Thyrsophoren im Festzug
des Gottes, Bakkhoi de ge pauroi.

In der Bewegung der sittlichen Welt die neuen Gedanken zu ahnen,
auszusprechen, zu verwirklichen, ist die geschichtliche Grösse,
"Namen zu geben der rollenden Zeit".

IV. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Zwecken.
§. 85.

Alles Werden und Wachsen ist die Bewegung zu einem Zweck,
der in der Bewegung sich erfüllend zu sich selbst kommen will.

In der sittlichen Welt reiht sich in unendlicher Kette von Ringen
Zweck an Zweck.

Jeder dieser Zwecke hat zunächst seinen Weg und sein Werden
für sich; aber zugleich ist jeder für die anderen bedingend, durch die
anderen bedingt.

§. 86.

Aber der höchste, der unbedingt bedingende, bewegt alle, um-
schliesst alle, erklärt alle.

§. 83.

Die Gedanken sind die Kritik dessen, was ist, und nicht ist wie
es sein sollte; indem sie verwirklicht sich zu neuen Zuständen aus-
breiten und zu Gewohnheit, Trägheit, Starrheit verdicken, wird von
Neuem die Kritik herausgefordert und so fort.

Die Continuität dieser Gedanken, — λαμπάδα ἔχοντες διαδώσουσι
ἀλλήλοις — ist die Dialektik der Geschichte (? Philosophie der Ge-
schichte)
.

§. 84.

Dass aus Zuständen neue Gedanken, aus den Gedanken neue Zu-
stände werden, ist die Arbeit der Menschen.

Die Vielen, nur ihren Interessen zugewandt, nächsten kleinen
Zwecken lebend, der Gewohnheit, dem allgemeinen Strome, beliebigen
Anlässen folgend, arbeiten für die Geschichte ohne Wahl und Willen,
unfrei, als Masse. Sie sind die lärmenden Thyrsophoren im Festzug
des Gottes, Βάϰχοι δέ γε παῦροι.

In der Bewegung der sittlichen Welt die neuen Gedanken zu ahnen,
auszusprechen, zu verwirklichen, ist die geschichtliche Grösse,
„Namen zu geben der rollenden Zeit“.

IV. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Zwecken.
§. 85.

Alles Werden und Wachsen ist die Bewegung zu einem Zweck,
der in der Bewegung sich erfüllend zu sich selbst kommen will.

In der sittlichen Welt reiht sich in unendlicher Kette von Ringen
Zweck an Zweck.

Jeder dieser Zwecke hat zunächst seinen Weg und sein Werden
für sich; aber zugleich ist jeder für die anderen bedingend, durch die
anderen bedingt.

§. 86.

Aber der höchste, der unbedingt bedingende, bewegt alle, um-
schliesst alle, erklärt alle.

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[36/0045] §. 83. Die Gedanken sind die Kritik dessen, was ist, und nicht ist wie es sein sollte; indem sie verwirklicht sich zu neuen Zuständen aus- breiten und zu Gewohnheit, Trägheit, Starrheit verdicken, wird von Neuem die Kritik herausgefordert und so fort. Die Continuität dieser Gedanken, — λαμπάδα ἔχοντες διαδώσουσι ἀλλήλοις — ist die Dialektik der Geschichte (? Philosophie der Ge- schichte). §. 84. Dass aus Zuständen neue Gedanken, aus den Gedanken neue Zu- stände werden, ist die Arbeit der Menschen. Die Vielen, nur ihren Interessen zugewandt, nächsten kleinen Zwecken lebend, der Gewohnheit, dem allgemeinen Strome, beliebigen Anlässen folgend, arbeiten für die Geschichte ohne Wahl und Willen, unfrei, als Masse. Sie sind die lärmenden Thyrsophoren im Festzug des Gottes, Βάϰχοι δέ γε παῦροι. In der Bewegung der sittlichen Welt die neuen Gedanken zu ahnen, auszusprechen, zu verwirklichen, ist die geschichtliche Grösse, „Namen zu geben der rollenden Zeit“. IV. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Zwecken. §. 85. Alles Werden und Wachsen ist die Bewegung zu einem Zweck, der in der Bewegung sich erfüllend zu sich selbst kommen will. In der sittlichen Welt reiht sich in unendlicher Kette von Ringen Zweck an Zweck. Jeder dieser Zwecke hat zunächst seinen Weg und sein Werden für sich; aber zugleich ist jeder für die anderen bedingend, durch die anderen bedingt. §. 86. Aber der höchste, der unbedingt bedingende, bewegt alle, um- schliesst alle, erklärt alle.

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Zitationshilfe: Droysen, Johann Gustav: Grundriss der Historik. Leipzig, 1868, S. 36. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/droysen_historik_1868/45>, abgerufen am 10.08.2022.