Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Ebeling, Johann Justus: Andächtige Betrachtungen aus dem Buche der Natur und Schrift. Bd. 3. Hildesheim, 1747.

Bild:
<< vorherige Seite
Gedanken bei Erwegung der Streitigkeiten.
Es ist den Aerzten gleich, sie brauchens nicht zu
wissen,

Wenn einer der da krank, von einer Schlang ge-
bissen:

Ob diese Schlagen-Art die jenes Leib entflammt,
Etwan aus Asien, aus Africa herstammt:
Wenn sie im Streit erhizt; so wird im Disputiren,
Der Kranke drüber nur das Leben gar verliehren:
Viel besser aber ist, daß sie darauf bedacht,
Wie dieses heisse Gifft werd aus dem Leib gebracht;
Und was der Kranke muß bei der Entzündung
brauchen,

Damit der gifftge Dunst ohn Schaden könn ver-
rauchen.

Die Weisen dieser Welt sind denen Aerzten gleich,
Aus eitler Wisbegier an vielen Fragen reich:
O! möchten sie sich nur mit allen Ernst bemühen,
Um Mittel, dadurch wir der Sünden Qual ent-
fliehen;

O! wären sie nur drauf mit allen Ernst bedacht,
Wie was verdorben ist, würd wieder gut gemacht;
Was hilft es nur allein die Dinge wissen wollen,
Die wir nach GOttes Rath, durch Aendrung bes-
sern sollen.

So thörigt ist der Wiz der armen Menschligkeit,
Die eitle Wisbegier erreget manchen Streit:
Die sich ums Wissen blos, nicht um das Thun
bekümmern,

Die bessern warlich nicht, sie wollen nur verschlim-
mern.


Ge-
Gedanken bei Erwegung der Streitigkeiten.
Es iſt den Aerzten gleich, ſie brauchens nicht zu
wiſſen,

Wenn einer der da krank, von einer Schlang ge-
biſſen:

Ob dieſe Schlagen-Art die jenes Leib entflammt,
Etwan aus Aſien, aus Africa herſtammt:
Wenn ſie im Streit erhizt; ſo wird im Diſputiren,
Der Kranke druͤber nur das Leben gar verliehren:
Viel beſſer aber iſt, daß ſie darauf bedacht,
Wie dieſes heiſſe Gifft werd aus dem Leib gebracht;
Und was der Kranke muß bei der Entzuͤndung
brauchen,

Damit der gifftge Dunſt ohn Schaden koͤnn ver-
rauchen.

Die Weiſen dieſer Welt ſind denen Aerzten gleich,
Aus eitler Wisbegier an vielen Fragen reich:
O! moͤchten ſie ſich nur mit allen Ernſt bemuͤhen,
Um Mittel, dadurch wir der Suͤnden Qual ent-
fliehen;

O! waͤren ſie nur drauf mit allen Ernſt bedacht,
Wie was verdorben iſt, wuͤrd wieder gut gemacht;
Was hilft es nur allein die Dinge wiſſen wollen,
Die wir nach GOttes Rath, durch Aendrung beſ-
ſern ſollen.

So thoͤrigt iſt der Wiz der armen Menſchligkeit,
Die eitle Wisbegier erreget manchen Streit:
Die ſich ums Wiſſen blos, nicht um das Thun
bekuͤmmern,

Die beſſern warlich nicht, ſie wollen nur verſchlim-
mern.


Ge-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <lg type="poem">
          <pb facs="#f0266" n="254"/>
          <fw place="top" type="header">Gedanken bei Erwegung der Streitigkeiten.</fw><lb/>
          <l>Es i&#x017F;t den Aerzten gleich, &#x017F;ie brauchens nicht zu<lb/><hi rendition="#et">wi&#x017F;&#x017F;en,</hi></l><lb/>
          <l>Wenn einer der da krank, von einer Schlang ge-<lb/><hi rendition="#et">bi&#x017F;&#x017F;en:</hi></l><lb/>
          <l>Ob die&#x017F;e Schlagen-Art die jenes Leib entflammt,</l><lb/>
          <l>Etwan aus A&#x017F;ien, aus Africa her&#x017F;tammt:</l><lb/>
          <l>Wenn &#x017F;ie im Streit erhizt; &#x017F;o wird im Di&#x017F;putiren,</l><lb/>
          <l>Der Kranke dru&#x0364;ber nur das Leben gar verliehren:</l><lb/>
          <l>Viel be&#x017F;&#x017F;er aber i&#x017F;t, daß &#x017F;ie darauf bedacht,</l><lb/>
          <l>Wie die&#x017F;es hei&#x017F;&#x017F;e Gifft werd aus dem Leib gebracht;</l><lb/>
          <l>Und was der Kranke muß bei der Entzu&#x0364;ndung<lb/><hi rendition="#et">brauchen,</hi></l><lb/>
          <l>Damit der gifftge Dun&#x017F;t ohn Schaden ko&#x0364;nn ver-<lb/><hi rendition="#et">rauchen.</hi></l><lb/>
          <l>Die Wei&#x017F;en die&#x017F;er Welt &#x017F;ind denen Aerzten gleich,</l><lb/>
          <l>Aus eitler Wisbegier an vielen Fragen reich:</l><lb/>
          <l>O! mo&#x0364;chten &#x017F;ie &#x017F;ich nur mit allen Ern&#x017F;t bemu&#x0364;hen,</l><lb/>
          <l>Um Mittel, dadurch wir der Su&#x0364;nden Qual ent-<lb/><hi rendition="#et">fliehen;</hi></l><lb/>
          <l>O! wa&#x0364;ren &#x017F;ie nur drauf mit allen Ern&#x017F;t bedacht,</l><lb/>
          <l>Wie was verdorben i&#x017F;t, wu&#x0364;rd wieder gut gemacht;</l><lb/>
          <l>Was hilft es nur allein die Dinge wi&#x017F;&#x017F;en wollen,</l><lb/>
          <l>Die wir nach <hi rendition="#fr">GOttes</hi> Rath, durch Aendrung be&#x017F;-<lb/><hi rendition="#et">&#x017F;ern &#x017F;ollen.</hi></l><lb/>
          <l>So tho&#x0364;rigt i&#x017F;t der Wiz der armen Men&#x017F;chligkeit,</l><lb/>
          <l>Die eitle Wisbegier erreget manchen Streit:</l><lb/>
          <l>Die &#x017F;ich ums Wi&#x017F;&#x017F;en blos, nicht um das Thun<lb/><hi rendition="#et">beku&#x0364;mmern,</hi></l><lb/>
          <l>Die be&#x017F;&#x017F;ern warlich nicht, &#x017F;ie wollen nur ver&#x017F;chlim-<lb/><hi rendition="#et">mern.</hi></l>
        </lg>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <fw place="bottom" type="catch">Ge-</fw><lb/>
    </body>
  </text>
</TEI>
[254/0266] Gedanken bei Erwegung der Streitigkeiten. Es iſt den Aerzten gleich, ſie brauchens nicht zu wiſſen, Wenn einer der da krank, von einer Schlang ge- biſſen: Ob dieſe Schlagen-Art die jenes Leib entflammt, Etwan aus Aſien, aus Africa herſtammt: Wenn ſie im Streit erhizt; ſo wird im Diſputiren, Der Kranke druͤber nur das Leben gar verliehren: Viel beſſer aber iſt, daß ſie darauf bedacht, Wie dieſes heiſſe Gifft werd aus dem Leib gebracht; Und was der Kranke muß bei der Entzuͤndung brauchen, Damit der gifftge Dunſt ohn Schaden koͤnn ver- rauchen. Die Weiſen dieſer Welt ſind denen Aerzten gleich, Aus eitler Wisbegier an vielen Fragen reich: O! moͤchten ſie ſich nur mit allen Ernſt bemuͤhen, Um Mittel, dadurch wir der Suͤnden Qual ent- fliehen; O! waͤren ſie nur drauf mit allen Ernſt bedacht, Wie was verdorben iſt, wuͤrd wieder gut gemacht; Was hilft es nur allein die Dinge wiſſen wollen, Die wir nach GOttes Rath, durch Aendrung beſ- ſern ſollen. So thoͤrigt iſt der Wiz der armen Menſchligkeit, Die eitle Wisbegier erreget manchen Streit: Die ſich ums Wiſſen blos, nicht um das Thun bekuͤmmern, Die beſſern warlich nicht, ſie wollen nur verſchlim- mern. Ge-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen03_1747
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen03_1747/266
Zitationshilfe: Ebeling, Johann Justus: Andächtige Betrachtungen aus dem Buche der Natur und Schrift. Bd. 3. Hildesheim, 1747, S. 254. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ebeling_betrachtungen03_1747/266>, abgerufen am 18.06.2021.