Varnhagen von Ense, Karl August: Reiz und Liebe. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 15. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–79. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.ein Reiz mehr, die frühere Vertraulichkeit, deren Wirkungen sich lieblich genug offenbarten, und die ganze süße Gewohnheit unseres innigen Umgangs wiederherzustellen. So vergingen einige Tage unter dem heitersten, glücklichsten Streben, und es wurde bald offenbar, daß der augenblickliche Einbruch losgelassener Leidenschaft, statt uns zu entfremden, nur näher und sicherer unsere Gemüther vereinigt hatte. Wir erklärten uns über Mancherlei, und nachdem wir uns über unser gegenseitiges Verhältniß bestimmt und schön ausgesprochen, hielten wir keine Gefahr mehr für möglich, und es erfolgten unter diesem Schutze Vergünstigungen, die friedlich nun gewährten, was jener Kühnheit, die uns in Streit gebracht, nicht eingefallen war! So kündigt wohl ein Manifest den Krieg um solcher Ursachen willen an, die durch den Friedensschluß erst recht befestigt werden! In diesen Tagen war es, daß ein Freund, den ich sehr liebte, aber seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, durch seine unvermuthete Ankunft den Gang dieses Verhältnisses etwas unterbrach. Wir hatten in früher Jugend innigst zusammengestimmt, durch unsre Briefe war unser Einverständniß inmitten aller Trennungen erhalten und ausgebildet worden. Er war aus einer Reise nach Italien begriffen, seine Gefährten waren nach Triest vorausgeeilt, und er dachte ihnen binnen einem Monat nach Venedig zu folgen, so lange ein Reiz mehr, die frühere Vertraulichkeit, deren Wirkungen sich lieblich genug offenbarten, und die ganze süße Gewohnheit unseres innigen Umgangs wiederherzustellen. So vergingen einige Tage unter dem heitersten, glücklichsten Streben, und es wurde bald offenbar, daß der augenblickliche Einbruch losgelassener Leidenschaft, statt uns zu entfremden, nur näher und sicherer unsere Gemüther vereinigt hatte. Wir erklärten uns über Mancherlei, und nachdem wir uns über unser gegenseitiges Verhältniß bestimmt und schön ausgesprochen, hielten wir keine Gefahr mehr für möglich, und es erfolgten unter diesem Schutze Vergünstigungen, die friedlich nun gewährten, was jener Kühnheit, die uns in Streit gebracht, nicht eingefallen war! So kündigt wohl ein Manifest den Krieg um solcher Ursachen willen an, die durch den Friedensschluß erst recht befestigt werden! In diesen Tagen war es, daß ein Freund, den ich sehr liebte, aber seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, durch seine unvermuthete Ankunft den Gang dieses Verhältnisses etwas unterbrach. Wir hatten in früher Jugend innigst zusammengestimmt, durch unsre Briefe war unser Einverständniß inmitten aller Trennungen erhalten und ausgebildet worden. Er war aus einer Reise nach Italien begriffen, seine Gefährten waren nach Triest vorausgeeilt, und er dachte ihnen binnen einem Monat nach Venedig zu folgen, so lange <TEI> <text> <body> <div type="chapter" n="0"> <p><pb facs="#f0056"/> ein Reiz mehr, die frühere Vertraulichkeit, deren Wirkungen sich lieblich genug offenbarten, und die ganze süße Gewohnheit unseres innigen Umgangs wiederherzustellen.</p><lb/> <p>So vergingen einige Tage unter dem heitersten, glücklichsten Streben, und es wurde bald offenbar, daß der augenblickliche Einbruch losgelassener Leidenschaft, statt uns zu entfremden, nur näher und sicherer unsere Gemüther vereinigt hatte. Wir erklärten uns über Mancherlei, und nachdem wir uns über unser gegenseitiges Verhältniß bestimmt und schön ausgesprochen, hielten wir keine Gefahr mehr für möglich, und es erfolgten unter diesem Schutze Vergünstigungen, die friedlich nun gewährten, was jener Kühnheit, die uns in Streit gebracht, nicht eingefallen war! So kündigt wohl ein Manifest den Krieg um solcher Ursachen willen an, die durch den Friedensschluß erst recht befestigt werden!</p><lb/> <p>In diesen Tagen war es, daß ein Freund, den ich sehr liebte, aber seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, durch seine unvermuthete Ankunft den Gang dieses Verhältnisses etwas unterbrach. Wir hatten in früher Jugend innigst zusammengestimmt, durch unsre Briefe war unser Einverständniß inmitten aller Trennungen erhalten und ausgebildet worden. Er war aus einer Reise nach Italien begriffen, seine Gefährten waren nach Triest vorausgeeilt, und er dachte ihnen binnen einem Monat nach Venedig zu folgen, so lange<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0056]
ein Reiz mehr, die frühere Vertraulichkeit, deren Wirkungen sich lieblich genug offenbarten, und die ganze süße Gewohnheit unseres innigen Umgangs wiederherzustellen.
So vergingen einige Tage unter dem heitersten, glücklichsten Streben, und es wurde bald offenbar, daß der augenblickliche Einbruch losgelassener Leidenschaft, statt uns zu entfremden, nur näher und sicherer unsere Gemüther vereinigt hatte. Wir erklärten uns über Mancherlei, und nachdem wir uns über unser gegenseitiges Verhältniß bestimmt und schön ausgesprochen, hielten wir keine Gefahr mehr für möglich, und es erfolgten unter diesem Schutze Vergünstigungen, die friedlich nun gewährten, was jener Kühnheit, die uns in Streit gebracht, nicht eingefallen war! So kündigt wohl ein Manifest den Krieg um solcher Ursachen willen an, die durch den Friedensschluß erst recht befestigt werden!
In diesen Tagen war es, daß ein Freund, den ich sehr liebte, aber seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, durch seine unvermuthete Ankunft den Gang dieses Verhältnisses etwas unterbrach. Wir hatten in früher Jugend innigst zusammengestimmt, durch unsre Briefe war unser Einverständniß inmitten aller Trennungen erhalten und ausgebildet worden. Er war aus einer Reise nach Italien begriffen, seine Gefährten waren nach Triest vorausgeeilt, und er dachte ihnen binnen einem Monat nach Venedig zu folgen, so lange
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