Varnhagen von Ense, Karl August: Reiz und Liebe. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 15. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–79. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.gab, daß Mancher, der jetzt fröhlich Theil nahm, einem Verhängniß entgegenging, das in der gewöhnlichen Ordnung der Natur ihn noch nicht ereilt haben würde. Der bevorstehende große Kampf, in welchem Oesterreichs Geschick ernster als je auf viele Jahre sollte entschieden werden, rief jedes treue Herz zu den Waffen, und eine hohe Begeisterung beseelte die tapfern Schaaren des geprüften Heeres wie den jungen Muth der neuen Landwehr; jeder Bewohner des glücklichen Landes wollte auch ein Vertheidiger desselben sein; schon strömten Deutsche aus allen Kreisen herzu, um unter den glorreichen Fahnen des Fürsten, der einst ihr Kaiser gewesen, die allgemeine Freiheit zu verfechten! Eine höhere Anstellung rief mich von meinem Regimente nach Prag, wohin ich eiligst abreisen mußte. Alle meine Einrichtungen waren getroffen, den andern Morgen sollte ich nicht mehr in Wien sein, ich hatte schon früh herzlichen Abschied von Anton genommen, und da dieser bei Eugenien versagt und ich dadurch für den Abend allein war, so beschloß ich die Zeit im Schauspiel zuzubringen, wo ich noch Theresen zu finden hoffte, welche meine letzten wiederholten Besuche nicht angenommen hatte. Sie war in der Loge ganz allein; als ich ihr meine morgende Abreise ankündigte, konnte sie einige Bestürzung nicht ganz verbergen, und bestimmt von ihrer Theilnahme erzählte ich ihr den Ausgang des Verhältnisses mit Eugenien. Ihre Aufmerksamkeit war höchst gespannt, der gab, daß Mancher, der jetzt fröhlich Theil nahm, einem Verhängniß entgegenging, das in der gewöhnlichen Ordnung der Natur ihn noch nicht ereilt haben würde. Der bevorstehende große Kampf, in welchem Oesterreichs Geschick ernster als je auf viele Jahre sollte entschieden werden, rief jedes treue Herz zu den Waffen, und eine hohe Begeisterung beseelte die tapfern Schaaren des geprüften Heeres wie den jungen Muth der neuen Landwehr; jeder Bewohner des glücklichen Landes wollte auch ein Vertheidiger desselben sein; schon strömten Deutsche aus allen Kreisen herzu, um unter den glorreichen Fahnen des Fürsten, der einst ihr Kaiser gewesen, die allgemeine Freiheit zu verfechten! Eine höhere Anstellung rief mich von meinem Regimente nach Prag, wohin ich eiligst abreisen mußte. Alle meine Einrichtungen waren getroffen, den andern Morgen sollte ich nicht mehr in Wien sein, ich hatte schon früh herzlichen Abschied von Anton genommen, und da dieser bei Eugenien versagt und ich dadurch für den Abend allein war, so beschloß ich die Zeit im Schauspiel zuzubringen, wo ich noch Theresen zu finden hoffte, welche meine letzten wiederholten Besuche nicht angenommen hatte. Sie war in der Loge ganz allein; als ich ihr meine morgende Abreise ankündigte, konnte sie einige Bestürzung nicht ganz verbergen, und bestimmt von ihrer Theilnahme erzählte ich ihr den Ausgang des Verhältnisses mit Eugenien. Ihre Aufmerksamkeit war höchst gespannt, der <TEI> <text> <body> <div type="chapter" n="0"> <p><pb facs="#f0077"/> gab, daß Mancher, der jetzt fröhlich Theil nahm, einem Verhängniß entgegenging, das in der gewöhnlichen Ordnung der Natur ihn noch nicht ereilt haben würde. Der bevorstehende große Kampf, in welchem Oesterreichs Geschick ernster als je auf viele Jahre sollte entschieden werden, rief jedes treue Herz zu den Waffen, und eine hohe Begeisterung beseelte die tapfern Schaaren des geprüften Heeres wie den jungen Muth der neuen Landwehr; jeder Bewohner des glücklichen Landes wollte auch ein Vertheidiger desselben sein; schon strömten Deutsche aus allen Kreisen herzu, um unter den glorreichen Fahnen des Fürsten, der einst ihr Kaiser gewesen, die allgemeine Freiheit zu verfechten! Eine höhere Anstellung rief mich von meinem Regimente nach Prag, wohin ich eiligst abreisen mußte.</p><lb/> <p>Alle meine Einrichtungen waren getroffen, den andern Morgen sollte ich nicht mehr in Wien sein, ich hatte schon früh herzlichen Abschied von Anton genommen, und da dieser bei Eugenien versagt und ich dadurch für den Abend allein war, so beschloß ich die Zeit im Schauspiel zuzubringen, wo ich noch Theresen zu finden hoffte, welche meine letzten wiederholten Besuche nicht angenommen hatte. Sie war in der Loge ganz allein; als ich ihr meine morgende Abreise ankündigte, konnte sie einige Bestürzung nicht ganz verbergen, und bestimmt von ihrer Theilnahme erzählte ich ihr den Ausgang des Verhältnisses mit Eugenien. Ihre Aufmerksamkeit war höchst gespannt, der<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0077]
gab, daß Mancher, der jetzt fröhlich Theil nahm, einem Verhängniß entgegenging, das in der gewöhnlichen Ordnung der Natur ihn noch nicht ereilt haben würde. Der bevorstehende große Kampf, in welchem Oesterreichs Geschick ernster als je auf viele Jahre sollte entschieden werden, rief jedes treue Herz zu den Waffen, und eine hohe Begeisterung beseelte die tapfern Schaaren des geprüften Heeres wie den jungen Muth der neuen Landwehr; jeder Bewohner des glücklichen Landes wollte auch ein Vertheidiger desselben sein; schon strömten Deutsche aus allen Kreisen herzu, um unter den glorreichen Fahnen des Fürsten, der einst ihr Kaiser gewesen, die allgemeine Freiheit zu verfechten! Eine höhere Anstellung rief mich von meinem Regimente nach Prag, wohin ich eiligst abreisen mußte.
Alle meine Einrichtungen waren getroffen, den andern Morgen sollte ich nicht mehr in Wien sein, ich hatte schon früh herzlichen Abschied von Anton genommen, und da dieser bei Eugenien versagt und ich dadurch für den Abend allein war, so beschloß ich die Zeit im Schauspiel zuzubringen, wo ich noch Theresen zu finden hoffte, welche meine letzten wiederholten Besuche nicht angenommen hatte. Sie war in der Loge ganz allein; als ich ihr meine morgende Abreise ankündigte, konnte sie einige Bestürzung nicht ganz verbergen, und bestimmt von ihrer Theilnahme erzählte ich ihr den Ausgang des Verhältnisses mit Eugenien. Ihre Aufmerksamkeit war höchst gespannt, der
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