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Falke, Jakob von: Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen Culturgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1858.

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I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen.
schmack verrieth, zeigte sich höchstens an den Holzkirchen des Nor-
dens. Auch sonst in kirchlichen Dingen, soweit sie von irgend einer
Kunst abhängig waren, z. B. an Geräthen, Gefäßen, Schnitz-
werken herrschte die antike Ueberlieferung vor, nur freilich meist
unverstanden und immer roh ausgeführt und in todter, verknöcher-
ter Weise angewandt. Dagegen, wo es galt einen weltlichen Ge-
genstand zu verzieren, wie die hölzernen Wohnhäuser oder wie
Schmucksachen, Hausgeräthe, da hatte sich die Kunst zwar die
antike Technik zu nutze gemacht, aber die germanische Weise, wie
wir sie beim Schmuck haben kennen lernen, herrschte vor und hat
sich ferner noch lange, lange erhalten; nur einzelne antike For-
men und Motive wurden als etwas Gleichgültiges mit aufge-
nommen.

So auch in Schrift, Lied und Leben. Die Volksgesänge der
Deutschen, die unter den letzten Karolingern und ihren mit Ita-
lien so mannigfach verbundenen Nachfolgern, den sächsischen Kai-
sern, in größerem Maßstabe auf einige Jahrhunderte in ihrer
Muttersprache fast ganz verstummten, waren ursprünglich nicht bloß
deutsch nach Sprache und Inhalt, man kann sie mit ihrer Grund-
anschauung selbst noch als heidnisch bezeichnen. Der Dichter, der
seine Zeit poetisch beschrieb, that es in lateinischer Sprache und
in lateinischen Versen, als ob es sich von selbst verstände. Und
derselben Sprache bediente sich der Prosaiker unter allen Umstän-
den, obwohl er weit davon entfernt war, classisch zu reden und
classisch zu denken. Karl der Große, der sich so sehr bemühte, die
mannigfach vor dem fremden Element erliegende Nationalität zu
heben, mußte doch alle seine Bemühungen für Bildung und Volks-
erziehung lediglich auf die antike Welt und ihre Ueberlieferung
gründen, und die christliche Geistlichkeit spielte dabei den Ver-
mittler, der das classische Heidenthum den Germanen überlieferte.
Das Volksleben war durchweg deutsch, soweit nicht am Hofe, wo
es zu repräsentiren galt, Constantinopel und sein Hofceremoniell
zum Vorbild diente, und soweit nicht das Christenthum altheid-
nische Bräuche verdrängt hatte. Hier aber spielen Heidenthum und
Christenthum noch in wunderlicher Mischung durch einander. Das

I. Aelteſte Zeit bis zu den Kreuzzügen.
ſchmack verrieth, zeigte ſich höchſtens an den Holzkirchen des Nor-
dens. Auch ſonſt in kirchlichen Dingen, ſoweit ſie von irgend einer
Kunſt abhängig waren, z. B. an Geräthen, Gefäßen, Schnitz-
werken herrſchte die antike Ueberlieferung vor, nur freilich meiſt
unverſtanden und immer roh ausgeführt und in todter, verknöcher-
ter Weiſe angewandt. Dagegen, wo es galt einen weltlichen Ge-
genſtand zu verzieren, wie die hölzernen Wohnhäuſer oder wie
Schmuckſachen, Hausgeräthe, da hatte ſich die Kunſt zwar die
antike Technik zu nutze gemacht, aber die germaniſche Weiſe, wie
wir ſie beim Schmuck haben kennen lernen, herrſchte vor und hat
ſich ferner noch lange, lange erhalten; nur einzelne antike For-
men und Motive wurden als etwas Gleichgültiges mit aufge-
nommen.

So auch in Schrift, Lied und Leben. Die Volksgeſänge der
Deutſchen, die unter den letzten Karolingern und ihren mit Ita-
lien ſo mannigfach verbundenen Nachfolgern, den ſächſiſchen Kai-
ſern, in größerem Maßſtabe auf einige Jahrhunderte in ihrer
Mutterſprache faſt ganz verſtummten, waren urſprünglich nicht bloß
deutſch nach Sprache und Inhalt, man kann ſie mit ihrer Grund-
anſchauung ſelbſt noch als heidniſch bezeichnen. Der Dichter, der
ſeine Zeit poetiſch beſchrieb, that es in lateiniſcher Sprache und
in lateiniſchen Verſen, als ob es ſich von ſelbſt verſtände. Und
derſelben Sprache bediente ſich der Proſaiker unter allen Umſtän-
den, obwohl er weit davon entfernt war, claſſiſch zu reden und
claſſiſch zu denken. Karl der Große, der ſich ſo ſehr bemühte, die
mannigfach vor dem fremden Element erliegende Nationalität zu
heben, mußte doch alle ſeine Bemühungen für Bildung und Volks-
erziehung lediglich auf die antike Welt und ihre Ueberlieferung
gründen, und die chriſtliche Geiſtlichkeit ſpielte dabei den Ver-
mittler, der das claſſiſche Heidenthum den Germanen überlieferte.
Das Volksleben war durchweg deutſch, ſoweit nicht am Hofe, wo
es zu repräſentiren galt, Conſtantinopel und ſein Hofceremoniell
zum Vorbild diente, und ſoweit nicht das Chriſtenthum altheid-
niſche Bräuche verdrängt hatte. Hier aber ſpielen Heidenthum und
Chriſtenthum noch in wunderlicher Miſchung durch einander. Das

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[54/0072] I. Aelteſte Zeit bis zu den Kreuzzügen. ſchmack verrieth, zeigte ſich höchſtens an den Holzkirchen des Nor- dens. Auch ſonſt in kirchlichen Dingen, ſoweit ſie von irgend einer Kunſt abhängig waren, z. B. an Geräthen, Gefäßen, Schnitz- werken herrſchte die antike Ueberlieferung vor, nur freilich meiſt unverſtanden und immer roh ausgeführt und in todter, verknöcher- ter Weiſe angewandt. Dagegen, wo es galt einen weltlichen Ge- genſtand zu verzieren, wie die hölzernen Wohnhäuſer oder wie Schmuckſachen, Hausgeräthe, da hatte ſich die Kunſt zwar die antike Technik zu nutze gemacht, aber die germaniſche Weiſe, wie wir ſie beim Schmuck haben kennen lernen, herrſchte vor und hat ſich ferner noch lange, lange erhalten; nur einzelne antike For- men und Motive wurden als etwas Gleichgültiges mit aufge- nommen. So auch in Schrift, Lied und Leben. Die Volksgeſänge der Deutſchen, die unter den letzten Karolingern und ihren mit Ita- lien ſo mannigfach verbundenen Nachfolgern, den ſächſiſchen Kai- ſern, in größerem Maßſtabe auf einige Jahrhunderte in ihrer Mutterſprache faſt ganz verſtummten, waren urſprünglich nicht bloß deutſch nach Sprache und Inhalt, man kann ſie mit ihrer Grund- anſchauung ſelbſt noch als heidniſch bezeichnen. Der Dichter, der ſeine Zeit poetiſch beſchrieb, that es in lateiniſcher Sprache und in lateiniſchen Verſen, als ob es ſich von ſelbſt verſtände. Und derſelben Sprache bediente ſich der Proſaiker unter allen Umſtän- den, obwohl er weit davon entfernt war, claſſiſch zu reden und claſſiſch zu denken. Karl der Große, der ſich ſo ſehr bemühte, die mannigfach vor dem fremden Element erliegende Nationalität zu heben, mußte doch alle ſeine Bemühungen für Bildung und Volks- erziehung lediglich auf die antike Welt und ihre Ueberlieferung gründen, und die chriſtliche Geiſtlichkeit ſpielte dabei den Ver- mittler, der das claſſiſche Heidenthum den Germanen überlieferte. Das Volksleben war durchweg deutſch, ſoweit nicht am Hofe, wo es zu repräſentiren galt, Conſtantinopel und ſein Hofceremoniell zum Vorbild diente, und ſoweit nicht das Chriſtenthum altheid- niſche Bräuche verdrängt hatte. Hier aber ſpielen Heidenthum und Chriſtenthum noch in wunderlicher Miſchung durch einander. Das

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Zitationshilfe: Falke, Jakob von: Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen Culturgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1858, S. 54. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/falke_trachten01_1858/72>, abgerufen am 07.10.2022.