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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873.

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So weichen selbst protestantische Beurtheiler unter ein-
ander ab.

Es wird also schwerlich jemals glücken, aus dem Geist
und Inhalt
der Prophezeihung, wie so vielfach versucht wor-
den ist, ihre Unächtheit zu beweisen. Diese Dinge appelliren an
das Gefühl, und bei dem poetischen Geschick, das aus dem
Vaticinium unverkennbar spricht, giebt das Gefühl keine un-
günstige Antwort. Es ist nicht zu leugnen, daß, wenn man
Geist und Ton der Dichtung durchaus betonen will, beide mehr
für die Aechtheit als gegen dieselbe sprechen. Beispielsweise die
Schlußzeilen:

Endlich führet das Scepter, der der Letzte seines Stammes sein wird,
Israel wagt eine unnennbare, nur durch den Tod zu sühnende That,
Und der Hirt empfängt die Heerde, Deutschland einen König wieder.
Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer Leiden
Und wagt die Ihrigen allein zu hegen, und kein Fremdling darf mehr
frohlocken,
Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden wieder
erstehen,
Und die Geistlichkeit steht wieder da nach alter Weise in Ehren,
Und kein Wolf stellt mehr dem edlen Schafstalle nach.

Selbst diese matte Uebersetzung der volltönenden Verse des
Originals hat noch etwas von prophetischem Klang.

Die Frage wird nicht aus dem Inhalt, sondern umgekehrt
einzig und allein aus der Form und aus äußerlich Einzelnem
heraus entschieden werden.

Guhrauer hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß
sich in der Weissagung (Zeile 63) das Wort "Jehovah" vor-
finde, und hat daran die Bemerkung geknüpft, daß dieser Aus-
druck ("Jehovah") an Stelle des bis dahin üblichen "Adonai"
erst zu Anfang des 16. Jahrhunderts gebräuchlich geworden
sei; -- bis dahin habe man den Ausdruck oder die Lesart
"Jehovah" gar nicht gekannt. Ist diese Bemerkung richtig, so
ist sie mehr werth als alle andern Halb-Beweise zusammen-
genommen. Gleichviel indeß, ob richtig oder nicht, der Weg,
der in dieser Guhrauer'schen Bemerkung vorgezeichnet liegt,

So weichen ſelbſt proteſtantiſche Beurtheiler unter ein-
ander ab.

Es wird alſo ſchwerlich jemals glücken, aus dem Geiſt
und Inhalt
der Prophezeihung, wie ſo vielfach verſucht wor-
den iſt, ihre Unächtheit zu beweiſen. Dieſe Dinge appelliren an
das Gefühl, und bei dem poetiſchen Geſchick, das aus dem
Vaticinium unverkennbar ſpricht, giebt das Gefühl keine un-
günſtige Antwort. Es iſt nicht zu leugnen, daß, wenn man
Geiſt und Ton der Dichtung durchaus betonen will, beide mehr
für die Aechtheit als gegen dieſelbe ſprechen. Beiſpielsweiſe die
Schlußzeilen:

Endlich führet das Scepter, der der Letzte ſeines Stammes ſein wird,
Israel wagt eine unnennbare, nur durch den Tod zu ſühnende That,
Und der Hirt empfängt die Heerde, Deutſchland einen König wieder.
Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer Leiden
Und wagt die Ihrigen allein zu hegen, und kein Fremdling darf mehr
frohlocken,
Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden wieder
erſtehen,
Und die Geiſtlichkeit ſteht wieder da nach alter Weiſe in Ehren,
Und kein Wolf ſtellt mehr dem edlen Schafſtalle nach.

Selbſt dieſe matte Ueberſetzung der volltönenden Verſe des
Originals hat noch etwas von prophetiſchem Klang.

Die Frage wird nicht aus dem Inhalt, ſondern umgekehrt
einzig und allein aus der Form und aus äußerlich Einzelnem
heraus entſchieden werden.

Guhrauer hat zuerſt darauf aufmerkſam gemacht, daß
ſich in der Weiſſagung (Zeile 63) das Wort „Jehovah“ vor-
finde, und hat daran die Bemerkung geknüpft, daß dieſer Aus-
druck („Jehovah“) an Stelle des bis dahin üblichen „Adonai“
erſt zu Anfang des 16. Jahrhunderts gebräuchlich geworden
ſei; — bis dahin habe man den Ausdruck oder die Lesart
„Jehovah“ gar nicht gekannt. Iſt dieſe Bemerkung richtig, ſo
iſt ſie mehr werth als alle andern Halb-Beweiſe zuſammen-
genommen. Gleichviel indeß, ob richtig oder nicht, der Weg,
der in dieſer Guhrauer’ſchen Bemerkung vorgezeichnet liegt,

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[119/0137] So weichen ſelbſt proteſtantiſche Beurtheiler unter ein- ander ab. Es wird alſo ſchwerlich jemals glücken, aus dem Geiſt und Inhalt der Prophezeihung, wie ſo vielfach verſucht wor- den iſt, ihre Unächtheit zu beweiſen. Dieſe Dinge appelliren an das Gefühl, und bei dem poetiſchen Geſchick, das aus dem Vaticinium unverkennbar ſpricht, giebt das Gefühl keine un- günſtige Antwort. Es iſt nicht zu leugnen, daß, wenn man Geiſt und Ton der Dichtung durchaus betonen will, beide mehr für die Aechtheit als gegen dieſelbe ſprechen. Beiſpielsweiſe die Schlußzeilen: Endlich führet das Scepter, der der Letzte ſeines Stammes ſein wird, Israel wagt eine unnennbare, nur durch den Tod zu ſühnende That, Und der Hirt empfängt die Heerde, Deutſchland einen König wieder. Die Mark vergißt gänzlich aller ihrer Leiden Und wagt die Ihrigen allein zu hegen, und kein Fremdling darf mehr frohlocken, Und die alten Mauern von Lehnin und Chorin werden wieder erſtehen, Und die Geiſtlichkeit ſteht wieder da nach alter Weiſe in Ehren, Und kein Wolf ſtellt mehr dem edlen Schafſtalle nach. Selbſt dieſe matte Ueberſetzung der volltönenden Verſe des Originals hat noch etwas von prophetiſchem Klang. Die Frage wird nicht aus dem Inhalt, ſondern umgekehrt einzig und allein aus der Form und aus äußerlich Einzelnem heraus entſchieden werden. Guhrauer hat zuerſt darauf aufmerkſam gemacht, daß ſich in der Weiſſagung (Zeile 63) das Wort „Jehovah“ vor- finde, und hat daran die Bemerkung geknüpft, daß dieſer Aus- druck („Jehovah“) an Stelle des bis dahin üblichen „Adonai“ erſt zu Anfang des 16. Jahrhunderts gebräuchlich geworden ſei; — bis dahin habe man den Ausdruck oder die Lesart „Jehovah“ gar nicht gekannt. Iſt dieſe Bemerkung richtig, ſo iſt ſie mehr werth als alle andern Halb-Beweiſe zuſammen- genommen. Gleichviel indeß, ob richtig oder nicht, der Weg, der in dieſer Guhrauer’ſchen Bemerkung vorgezeichnet liegt,

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873, S. 119. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg03_1873/137>, abgerufen am 13.04.2024.