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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873.

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wirklich schon zerbröckelter Wirthschafts-Gebäude, erhoben sich
wieder Ställe und Scheunen, Alles sauber, glau, fest. Mar-
quardt war wieder ein schöner Besitz geworden.

Wir treten jetzt in ihn ein.

Der prächtige, 20 Morgen große Park nimmt uns auf.
Er ist, in seiner gegenwärtigen Gestalt, im Wesentlichen eine
Schöpfung des Günstling-Generals. Seine Lage ist prächtig;
in mehreren Terrassen, wie schon zu Eingang dieses Capitels
angedeutet, steigt er zu dem breiten, sonnenbeschienenen Schlä-
nitz-See nieder, an dessen Ufern, nach Süden und Südwesten
hin, die Kirchthürme benachbarter Dörfer sichtbar werden. Mit
der Schönheit seiner Lage wetteifert die Schönheit der alten
Bäume: Akazien und Linden, Platanen und Ahorn, zwischen
die sich grüne Rasenflächen und Gruppen von Tannen und
Weymuths-Kiefern einschieben.

In der Nähe des Herrenhauses steht eine mächtige Kasta-
nie in vollem Blüthenflor. Sie ist wie ein Riesenbouquet; die
weitausgestreckten Zweige neigen sich bis zur Erde. Es ist dies
der Baum, der am Tauftage des Sohnes und Erben, in Ge-
genwart des Königs, gepflanzt wurde. Die Familie erlosch,
der Baum gedieh.*) An ihm vorbei treten wir in das Her-
renhaus.

*) In der Nähe dieses Baumes, auf einem Gras-Rondel, steht
ein leichtes österreichisches Feldgeschütz, wie jedes Bataillon in alten
Tagen eins aufzuweisen hatte. Es wurde in einer der Schlachten des
7jährigen Krieges von den Preußen genommen. Friedrich II. schenkte
es dem Grafen Pinto auf Mettkau; durch dessen Wittwe, "die Gräfin,"
kam es nach Marquardt. An gewissen Tagen wird ein Schuß daraus
abgefeuert. Jedesmal vorm Laden schüttet der Gärtner Pulver ins
Zündloch und zündet es an, um das Geschütz auszubrennen. Als es das
letzte Mal geschah, flogen, zu heiterer Ueberraschung aller Umstehenden,
nicht nur Eierschalen aus der Mündung heraus, sondern mit den Eier-
schalen zugleich ein halbverbrannter Wiesel, der in dem Kanonenrohr
Quartier genommen und von hier aus den Hühnerstall geplündert
hatte.
Fontane, Wanderungen. III. 19

wirklich ſchon zerbröckelter Wirthſchafts-Gebäude, erhoben ſich
wieder Ställe und Scheunen, Alles ſauber, glau, feſt. Mar-
quardt war wieder ein ſchöner Beſitz geworden.

Wir treten jetzt in ihn ein.

Der prächtige, 20 Morgen große Park nimmt uns auf.
Er iſt, in ſeiner gegenwärtigen Geſtalt, im Weſentlichen eine
Schöpfung des Günſtling-Generals. Seine Lage iſt prächtig;
in mehreren Terraſſen, wie ſchon zu Eingang dieſes Capitels
angedeutet, ſteigt er zu dem breiten, ſonnenbeſchienenen Schlä-
nitz-See nieder, an deſſen Ufern, nach Süden und Südweſten
hin, die Kirchthürme benachbarter Dörfer ſichtbar werden. Mit
der Schönheit ſeiner Lage wetteifert die Schönheit der alten
Bäume: Akazien und Linden, Platanen und Ahorn, zwiſchen
die ſich grüne Raſenflächen und Gruppen von Tannen und
Weymuths-Kiefern einſchieben.

In der Nähe des Herrenhauſes ſteht eine mächtige Kaſta-
nie in vollem Blüthenflor. Sie iſt wie ein Rieſenbouquet; die
weitausgeſtreckten Zweige neigen ſich bis zur Erde. Es iſt dies
der Baum, der am Tauftage des Sohnes und Erben, in Ge-
genwart des Königs, gepflanzt wurde. Die Familie erloſch,
der Baum gedieh.*) An ihm vorbei treten wir in das Her-
renhaus.

*) In der Nähe dieſes Baumes, auf einem Gras-Rondel, ſteht
ein leichtes öſterreichiſches Feldgeſchütz, wie jedes Bataillon in alten
Tagen eins aufzuweiſen hatte. Es wurde in einer der Schlachten des
7jährigen Krieges von den Preußen genommen. Friedrich II. ſchenkte
es dem Grafen Pinto auf Mettkau; durch deſſen Wittwe, „die Gräfin,“
kam es nach Marquardt. An gewiſſen Tagen wird ein Schuß daraus
abgefeuert. Jedesmal vorm Laden ſchüttet der Gärtner Pulver ins
Zündloch und zündet es an, um das Geſchütz auszubrennen. Als es das
letzte Mal geſchah, flogen, zu heiterer Ueberraſchung aller Umſtehenden,
nicht nur Eierſchalen aus der Mündung heraus, ſondern mit den Eier-
ſchalen zugleich ein halbverbrannter Wieſel, der in dem Kanonenrohr
Quartier genommen und von hier aus den Hühnerſtall geplündert
hatte.
Fontane, Wanderungen. III. 19
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[289/0307] wirklich ſchon zerbröckelter Wirthſchafts-Gebäude, erhoben ſich wieder Ställe und Scheunen, Alles ſauber, glau, feſt. Mar- quardt war wieder ein ſchöner Beſitz geworden. Wir treten jetzt in ihn ein. Der prächtige, 20 Morgen große Park nimmt uns auf. Er iſt, in ſeiner gegenwärtigen Geſtalt, im Weſentlichen eine Schöpfung des Günſtling-Generals. Seine Lage iſt prächtig; in mehreren Terraſſen, wie ſchon zu Eingang dieſes Capitels angedeutet, ſteigt er zu dem breiten, ſonnenbeſchienenen Schlä- nitz-See nieder, an deſſen Ufern, nach Süden und Südweſten hin, die Kirchthürme benachbarter Dörfer ſichtbar werden. Mit der Schönheit ſeiner Lage wetteifert die Schönheit der alten Bäume: Akazien und Linden, Platanen und Ahorn, zwiſchen die ſich grüne Raſenflächen und Gruppen von Tannen und Weymuths-Kiefern einſchieben. In der Nähe des Herrenhauſes ſteht eine mächtige Kaſta- nie in vollem Blüthenflor. Sie iſt wie ein Rieſenbouquet; die weitausgeſtreckten Zweige neigen ſich bis zur Erde. Es iſt dies der Baum, der am Tauftage des Sohnes und Erben, in Ge- genwart des Königs, gepflanzt wurde. Die Familie erloſch, der Baum gedieh. *) An ihm vorbei treten wir in das Her- renhaus. *) In der Nähe dieſes Baumes, auf einem Gras-Rondel, ſteht ein leichtes öſterreichiſches Feldgeſchütz, wie jedes Bataillon in alten Tagen eins aufzuweiſen hatte. Es wurde in einer der Schlachten des 7jährigen Krieges von den Preußen genommen. Friedrich II. ſchenkte es dem Grafen Pinto auf Mettkau; durch deſſen Wittwe, „die Gräfin,“ kam es nach Marquardt. An gewiſſen Tagen wird ein Schuß daraus abgefeuert. Jedesmal vorm Laden ſchüttet der Gärtner Pulver ins Zündloch und zündet es an, um das Geſchütz auszubrennen. Als es das letzte Mal geſchah, flogen, zu heiterer Ueberraſchung aller Umſtehenden, nicht nur Eierſchalen aus der Mündung heraus, ſondern mit den Eier- ſchalen zugleich ein halbverbrannter Wieſel, der in dem Kanonenrohr Quartier genommen und von hier aus den Hühnerſtall geplündert hatte. Fontane, Wanderungen. III. 19

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873, S. 289. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg03_1873/307>, abgerufen am 23.02.2024.