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Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873.

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Die Längslinie des Bildes folgt dem Uferrande drüben,
der zugleich der Hauptgasse des Dorfes entspricht. Das Trei-
ben dieser von Busch- und Baumwerk dicht eingefaßten Gasse
entzieht sich unserem Auge; überall da aber, wo breite Quer-
linien die Längslinie durchbrechen, entsteht ein heller Fleck im
Dunkel und das ganze sich fortbewegende Treiben drüben
erscheint in dieser Lichtung und schwindet wieder. Die Entfer-
nung ist groß genug, um jeden Lärm zu verschlingen, und so
kommen die Bilder und gehen wieder wie auf der glatten Fläche
einer Camera obscura. Jetzt Schnitter, die Harke und Sense
über die Schulter gelegt, vom Felde heimwärts kehrend, jetzt
kiepentragende Frauen, jetzt hochbeladene Heuwagen, deren hel-
leres Grün in dem Dunkelgrün der Baumkronen schwerfällig
hin und her schwankt.

Die Sonne, die eben noch wie ein Glutball über dem
Windmühlenberge gestanden hatte, sank jetzt tiefer und ließ die
Wandfläche der Mühle wie einen dunklen Schatten erscheinen,
den ein rothgoldener Schimmer nach allen Seiten hin umgab.
Und dieser Schimmer, sich bahnbrechend durch die Baumwelt
des Vordergrunds, fiel jetzt auch auf die breite Fläche der Wub-
litz, und wo ein Schwan durch diesen glühenden Streifen hin-
durchfuhr, da überzog es sein Gefieder wie flüchtige Röthe, die
der nächste Augenblick wieder von ihm streifte. Wohl mochten
hier die Mummeln blühen, als wäre die Wublitz ein Blumen-
beet, denn es war ein Bild wie hergeliehen aus einem Feen-
garten.

Minutenlang sah ich still in diesen Zauber hinein, dann
richtete ich mich auf und rief mein "Hol über!" über die Was-
serfläche hin. Aber der Ruf schien in dieser Stille zu verklin-
gen. Nichts regte sich drüben und schon war meine ganze
Naturbewunderung in Gefahr, im Aerger über den Fährmann
unterzugehen, als es drüben lebendig zu werden begann. Eine
hagere, mittelgroße, nach Wendenart in graue Leinwand geklei-
dete Gestalt trat aus dem Fährhaus, machte eine Handbewe-
gung, die unverkennbar ausdrücken sollte, "ich möchte mich

Die Längslinie des Bildes folgt dem Uferrande drüben,
der zugleich der Hauptgaſſe des Dorfes entſpricht. Das Trei-
ben dieſer von Buſch- und Baumwerk dicht eingefaßten Gaſſe
entzieht ſich unſerem Auge; überall da aber, wo breite Quer-
linien die Längslinie durchbrechen, entſteht ein heller Fleck im
Dunkel und das ganze ſich fortbewegende Treiben drüben
erſcheint in dieſer Lichtung und ſchwindet wieder. Die Entfer-
nung iſt groß genug, um jeden Lärm zu verſchlingen, und ſo
kommen die Bilder und gehen wieder wie auf der glatten Fläche
einer Camera obscura. Jetzt Schnitter, die Harke und Senſe
über die Schulter gelegt, vom Felde heimwärts kehrend, jetzt
kiepentragende Frauen, jetzt hochbeladene Heuwagen, deren hel-
leres Grün in dem Dunkelgrün der Baumkronen ſchwerfällig
hin und her ſchwankt.

Die Sonne, die eben noch wie ein Glutball über dem
Windmühlenberge geſtanden hatte, ſank jetzt tiefer und ließ die
Wandfläche der Mühle wie einen dunklen Schatten erſcheinen,
den ein rothgoldener Schimmer nach allen Seiten hin umgab.
Und dieſer Schimmer, ſich bahnbrechend durch die Baumwelt
des Vordergrunds, fiel jetzt auch auf die breite Fläche der Wub-
litz, und wo ein Schwan durch dieſen glühenden Streifen hin-
durchfuhr, da überzog es ſein Gefieder wie flüchtige Röthe, die
der nächſte Augenblick wieder von ihm ſtreifte. Wohl mochten
hier die Mummeln blühen, als wäre die Wublitz ein Blumen-
beet, denn es war ein Bild wie hergeliehen aus einem Feen-
garten.

Minutenlang ſah ich ſtill in dieſen Zauber hinein, dann
richtete ich mich auf und rief mein „Hol über!“ über die Waſ-
ſerfläche hin. Aber der Ruf ſchien in dieſer Stille zu verklin-
gen. Nichts regte ſich drüben und ſchon war meine ganze
Naturbewunderung in Gefahr, im Aerger über den Fährmann
unterzugehen, als es drüben lebendig zu werden begann. Eine
hagere, mittelgroße, nach Wendenart in graue Leinwand geklei-
dete Geſtalt trat aus dem Fährhaus, machte eine Handbewe-
gung, die unverkennbar ausdrücken ſollte, „ich möchte mich

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[320/0338] Die Längslinie des Bildes folgt dem Uferrande drüben, der zugleich der Hauptgaſſe des Dorfes entſpricht. Das Trei- ben dieſer von Buſch- und Baumwerk dicht eingefaßten Gaſſe entzieht ſich unſerem Auge; überall da aber, wo breite Quer- linien die Längslinie durchbrechen, entſteht ein heller Fleck im Dunkel und das ganze ſich fortbewegende Treiben drüben erſcheint in dieſer Lichtung und ſchwindet wieder. Die Entfer- nung iſt groß genug, um jeden Lärm zu verſchlingen, und ſo kommen die Bilder und gehen wieder wie auf der glatten Fläche einer Camera obscura. Jetzt Schnitter, die Harke und Senſe über die Schulter gelegt, vom Felde heimwärts kehrend, jetzt kiepentragende Frauen, jetzt hochbeladene Heuwagen, deren hel- leres Grün in dem Dunkelgrün der Baumkronen ſchwerfällig hin und her ſchwankt. Die Sonne, die eben noch wie ein Glutball über dem Windmühlenberge geſtanden hatte, ſank jetzt tiefer und ließ die Wandfläche der Mühle wie einen dunklen Schatten erſcheinen, den ein rothgoldener Schimmer nach allen Seiten hin umgab. Und dieſer Schimmer, ſich bahnbrechend durch die Baumwelt des Vordergrunds, fiel jetzt auch auf die breite Fläche der Wub- litz, und wo ein Schwan durch dieſen glühenden Streifen hin- durchfuhr, da überzog es ſein Gefieder wie flüchtige Röthe, die der nächſte Augenblick wieder von ihm ſtreifte. Wohl mochten hier die Mummeln blühen, als wäre die Wublitz ein Blumen- beet, denn es war ein Bild wie hergeliehen aus einem Feen- garten. Minutenlang ſah ich ſtill in dieſen Zauber hinein, dann richtete ich mich auf und rief mein „Hol über!“ über die Waſ- ſerfläche hin. Aber der Ruf ſchien in dieſer Stille zu verklin- gen. Nichts regte ſich drüben und ſchon war meine ganze Naturbewunderung in Gefahr, im Aerger über den Fährmann unterzugehen, als es drüben lebendig zu werden begann. Eine hagere, mittelgroße, nach Wendenart in graue Leinwand geklei- dete Geſtalt trat aus dem Fährhaus, machte eine Handbewe- gung, die unverkennbar ausdrücken ſollte, „ich möchte mich

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873, S. 320. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg03_1873/338>, abgerufen am 13.04.2024.