land der Baum der Trauer, wie die Cypresse in den Mittel- meerländern und die Trauerweide in Deutschland. "Albero della morte" nennen ihn übrigens auch die heutigen Ita- liener.
Eine große, zum Theil noch nicht völlig aufgeklärte Rolle spielte die Eibe in dem Mythus der germanischen und keltischen Völker, von der sich Nachklänge noch in manchen bis heute üblichen Gebräuchen erhalten haben. Wie der deutsche Name Eibe von dem gothischen aiw (ivi), ewig, herrührt, weil der Baum immer grün ist, und das keltische Wort yw (eiddew) die- selbe Wurzel hat, so war dieser während des langen und schnee- reichen nordischen Winters im frischen Blattschmuck prangende Baum in Britanien und Skandinavien den ewigen Göttern geweiht. Die Druiden hatten bei ihren Heiligthümern ganze Haine davon, und manche in Cäsar's Zeiten hinaufragende alte Eiben Englands mögen ehrwürdige Reste aus solchen heiligen Hainen sein. In der Nähe des berühmten heidnischen Tempels bei Upsala in Schweden stand ebenfalls, wie A. Krantz erzählt, "ein gewaltiger Baum mit dichtbelaubten Zweigen, ebenso grün im Winter wie im Sommer; Niemand kannte seine Art." Sehr wahrscheinlich war es eine Eibe.
Daß dieser Baum in alter Zeit für heilig und geheim- nißvoll gehalten wurde, ergiebt sich aus gar vielen noch jetzt fortlebenden Bräuchen. In den östlichen Scheeren Skandina- viens wird die Eibe allgemein zu Maschenbrettern beim Netz- stricken benutzt, weil man glaubt, daß alle Netze, welche über Bretter aus diesem Holze gestrickt worden sind, Glück beim Fisch- fang bringen.
Leviathan-Weinstock, welcher ein einzelnes Haus von 138 Fuß Länge und 20 Fuß Breite gänzlich ausfüllt. Er bedeckt gegen 2870 Quadrat- fuß Glas und bringt jedes Jahr durchschnittlich 2000 Trauben her- vor. Der mehr bekannte Weinstock in Hampton Court trug vor eini- gen Jahren 1400 Trauben, deren Werth man auf mehr als 100 Lstr. veranschlagte.
land der Baum der Trauer, wie die Cypreſſe in den Mittel- meerländern und die Trauerweide in Deutſchland. „Albero della morte“ nennen ihn übrigens auch die heutigen Ita- liener.
Eine große, zum Theil noch nicht völlig aufgeklärte Rolle ſpielte die Eibe in dem Mythus der germaniſchen und keltiſchen Völker, von der ſich Nachklänge noch in manchen bis heute üblichen Gebräuchen erhalten haben. Wie der deutſche Name Eibe von dem gothiſchen aiw (ivi), ewig, herrührt, weil der Baum immer grün iſt, und das keltiſche Wort yw (eiddew) die- ſelbe Wurzel hat, ſo war dieſer während des langen und ſchnee- reichen nordiſchen Winters im friſchen Blattſchmuck prangende Baum in Britanien und Skandinavien den ewigen Göttern geweiht. Die Druiden hatten bei ihren Heiligthümern ganze Haine davon, und manche in Cäſar’s Zeiten hinaufragende alte Eiben Englands mögen ehrwürdige Reſte aus ſolchen heiligen Hainen ſein. In der Nähe des berühmten heidniſchen Tempels bei Upſala in Schweden ſtand ebenfalls, wie A. Krantz erzählt, „ein gewaltiger Baum mit dichtbelaubten Zweigen, ebenſo grün im Winter wie im Sommer; Niemand kannte ſeine Art.“ Sehr wahrſcheinlich war es eine Eibe.
Daß dieſer Baum in alter Zeit für heilig und geheim- nißvoll gehalten wurde, ergiebt ſich aus gar vielen noch jetzt fortlebenden Bräuchen. In den öſtlichen Scheeren Skandina- viens wird die Eibe allgemein zu Maſchenbrettern beim Netz- ſtricken benutzt, weil man glaubt, daß alle Netze, welche über Bretter aus dieſem Holze geſtrickt worden ſind, Glück beim Fiſch- fang bringen.
Leviathan-Weinſtock, welcher ein einzelnes Haus von 138 Fuß Länge und 20 Fuß Breite gänzlich ausfüllt. Er bedeckt gegen 2870 Quadrat- fuß Glas und bringt jedes Jahr durchſchnittlich 2000 Trauben her- vor. Der mehr bekannte Weinſtock in Hampton Court trug vor eini- gen Jahren 1400 Trauben, deren Werth man auf mehr als 100 Lſtr. veranſchlagte.
<TEI><text><body><divn="1"><p><pbfacs="#f0079"n="61"/>
land der Baum der Trauer, wie die Cypreſſe in den Mittel-<lb/>
meerländern und die Trauerweide in Deutſchland. <hirendition="#aq">„Albero<lb/>
della morte“</hi> nennen ihn übrigens auch die heutigen Ita-<lb/>
liener.</p><lb/><p>Eine große, zum Theil noch nicht völlig aufgeklärte Rolle<lb/>ſpielte die Eibe in dem Mythus der germaniſchen und keltiſchen<lb/>
Völker, von der ſich Nachklänge noch in manchen bis heute<lb/>
üblichen Gebräuchen erhalten haben. Wie der deutſche Name<lb/>
Eibe von dem gothiſchen aiw (ivi), ewig, herrührt, weil der<lb/>
Baum immer grün iſt, und das keltiſche Wort yw (eiddew) die-<lb/>ſelbe Wurzel hat, ſo war dieſer während des langen und ſchnee-<lb/>
reichen nordiſchen Winters im friſchen Blattſchmuck prangende<lb/>
Baum in Britanien und Skandinavien den ewigen Göttern<lb/>
geweiht. Die Druiden hatten bei ihren Heiligthümern ganze<lb/>
Haine davon, und manche in Cäſar’s Zeiten hinaufragende alte<lb/>
Eiben Englands mögen ehrwürdige Reſte aus ſolchen heiligen<lb/>
Hainen ſein. In der Nähe des berühmten heidniſchen Tempels<lb/>
bei Upſala in Schweden ſtand ebenfalls, wie A. Krantz erzählt,<lb/>„ein gewaltiger Baum mit dichtbelaubten Zweigen, ebenſo grün<lb/>
im Winter wie im Sommer; Niemand kannte ſeine Art.“ Sehr<lb/>
wahrſcheinlich war es eine Eibe.</p><lb/><p>Daß dieſer Baum in alter Zeit für heilig und geheim-<lb/>
nißvoll gehalten wurde, ergiebt ſich aus gar vielen noch jetzt<lb/>
fortlebenden Bräuchen. In den öſtlichen Scheeren Skandina-<lb/>
viens wird die Eibe allgemein zu Maſchenbrettern beim Netz-<lb/>ſtricken benutzt, weil man glaubt, daß alle Netze, welche über<lb/>
Bretter aus dieſem Holze geſtrickt worden ſind, Glück beim Fiſch-<lb/>
fang bringen.</p><lb/><notexml:id="note-0079"prev="#note-0078"place="foot"n="*)">Leviathan-Weinſtock, welcher ein einzelnes Haus von 138 Fuß Länge<lb/>
und 20 Fuß Breite gänzlich ausfüllt. Er bedeckt gegen 2870 Quadrat-<lb/>
fuß Glas und bringt jedes Jahr durchſchnittlich 2000 Trauben her-<lb/>
vor. Der mehr bekannte Weinſtock in Hampton Court trug vor eini-<lb/>
gen Jahren 1400 Trauben, deren Werth man auf mehr als 100 Lſtr.<lb/>
veranſchlagte.</note><lb/></div></body></text></TEI>
[61/0079]
land der Baum der Trauer, wie die Cypreſſe in den Mittel-
meerländern und die Trauerweide in Deutſchland. „Albero
della morte“ nennen ihn übrigens auch die heutigen Ita-
liener.
Eine große, zum Theil noch nicht völlig aufgeklärte Rolle
ſpielte die Eibe in dem Mythus der germaniſchen und keltiſchen
Völker, von der ſich Nachklänge noch in manchen bis heute
üblichen Gebräuchen erhalten haben. Wie der deutſche Name
Eibe von dem gothiſchen aiw (ivi), ewig, herrührt, weil der
Baum immer grün iſt, und das keltiſche Wort yw (eiddew) die-
ſelbe Wurzel hat, ſo war dieſer während des langen und ſchnee-
reichen nordiſchen Winters im friſchen Blattſchmuck prangende
Baum in Britanien und Skandinavien den ewigen Göttern
geweiht. Die Druiden hatten bei ihren Heiligthümern ganze
Haine davon, und manche in Cäſar’s Zeiten hinaufragende alte
Eiben Englands mögen ehrwürdige Reſte aus ſolchen heiligen
Hainen ſein. In der Nähe des berühmten heidniſchen Tempels
bei Upſala in Schweden ſtand ebenfalls, wie A. Krantz erzählt,
„ein gewaltiger Baum mit dichtbelaubten Zweigen, ebenſo grün
im Winter wie im Sommer; Niemand kannte ſeine Art.“ Sehr
wahrſcheinlich war es eine Eibe.
Daß dieſer Baum in alter Zeit für heilig und geheim-
nißvoll gehalten wurde, ergiebt ſich aus gar vielen noch jetzt
fortlebenden Bräuchen. In den öſtlichen Scheeren Skandina-
viens wird die Eibe allgemein zu Maſchenbrettern beim Netz-
ſtricken benutzt, weil man glaubt, daß alle Netze, welche über
Bretter aus dieſem Holze geſtrickt worden ſind, Glück beim Fiſch-
fang bringen.
*)
*) Leviathan-Weinſtock, welcher ein einzelnes Haus von 138 Fuß Länge
und 20 Fuß Breite gänzlich ausfüllt. Er bedeckt gegen 2870 Quadrat-
fuß Glas und bringt jedes Jahr durchſchnittlich 2000 Trauben her-
vor. Der mehr bekannte Weinſtock in Hampton Court trug vor eini-
gen Jahren 1400 Trauben, deren Werth man auf mehr als 100 Lſtr.
veranſchlagte.
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Fontanes "Wanderungen" erschienen zuerst in Forts… [mehr]
Fontanes "Wanderungen" erschienen zuerst in Fortsetzungen in der Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung 1859 bzw. im Morgenblatt für gebildete Leser (zwischen 1860 und 1864). Als Buchausgabe erschien der dritte Band "Ost-Havelland. Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg" 1873 bei W. Hertz in Berlin. In der Folge wurde der Text von Fontane mehrfach überarbeitet und erweitert. Für das DTA wurde die erste Auflage der Buchausgabe digitalisiert.
Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Bd. 3: Ost-Havelland. Berlin, 1873, S. 61. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_brandenburg03_1873/79>, abgerufen am 10.08.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.