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Fontane, Theodor: Schach von Wuthenow. Leipzig, 1883.

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gehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn
wer dazu verpflichtet ist, so ist ers! Aber er sträubt
sich, denn so hautain er ist, so konventionell ist er.
Ein kleiner ängstlicher Aufmerker. Er hört auf das,
was die Leute sagen, und wenn das ein Mann thut
(wir müssen's), so heiß ich das Feigheit und lachete.
Aber er soll mir Rede stehn. Ich habe meinen Plan
jetzt fertig und will ihn demütigen, so gewiß er uns
demütigen wollte."

Frau von Carayon kehrte nach diesem Zwiege¬
spräch in das Eckzimmer zurück, setzte sich an Victoirens
kleinen Schreibtisch und schrieb.

"Einer Mitteilung Herrn von Alvensleben ent¬
nehm ich, daß Sie, mein Herr von Schach, heute,
Sonnabend Abend, Berlin verlassen und sich für einen
Landaufenthalt in Wuthenow entschieden haben. Ich
habe keine Veranlassung Ihnen diesen Landaufent¬
halt zu mißgönnen oder Ihre Berechtigung dazu
zu bestreiten, muß aber Ihrem Rechte das meiner
Tochter gegenüberstellen. Und so gestatten Sie mir
denn, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß die Ver¬
öffentlichung des Verlöbnisses für morgen, Sonntag,
zwischen uns verabredet worden ist. Auf diese Ver¬
öffentlichung besteh ich auch heute noch. Ist sie bis
Mittwoch früh nicht erfolgt, erfolgen meinerseits andre,
durchaus selbständige Schritte. So sehr dies meiner
Natur widerspricht (Victoirens ganz zu geschweigen,

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gehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn
wer dazu verpflichtet iſt, ſo iſt ers! Aber er ſträubt
ſich, denn ſo hautain er iſt, ſo konventionell iſt er.
Ein kleiner ängſtlicher Aufmerker. Er hört auf das,
was die Leute ſagen, und wenn das ein Mann thut
(wir müſſen's), ſo heiß ich das Feigheit und lacheté.
Aber er ſoll mir Rede ſtehn. Ich habe meinen Plan
jetzt fertig und will ihn demütigen, ſo gewiß er uns
demütigen wollte.“

Frau von Carayon kehrte nach dieſem Zwiege¬
ſpräch in das Eckzimmer zurück, ſetzte ſich an Victoirens
kleinen Schreibtiſch und ſchrieb.

„Einer Mitteilung Herrn von Alvensleben ent¬
nehm ich, daß Sie, mein Herr von Schach, heute,
Sonnabend Abend, Berlin verlaſſen und ſich für einen
Landaufenthalt in Wuthenow entſchieden haben. Ich
habe keine Veranlaſſung Ihnen dieſen Landaufent¬
halt zu mißgönnen oder Ihre Berechtigung dazu
zu beſtreiten, muß aber Ihrem Rechte das meiner
Tochter gegenüberſtellen. Und ſo geſtatten Sie mir
denn, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß die Ver¬
öffentlichung des Verlöbniſſes für morgen, Sonntag,
zwiſchen uns verabredet worden iſt. Auf dieſe Ver¬
öffentlichung beſteh ich auch heute noch. Iſt ſie bis
Mittwoch früh nicht erfolgt, erfolgen meinerſeits andre,
durchaus ſelbſtändige Schritte. So ſehr dies meiner
Natur widerſpricht (Victoirens ganz zu geſchweigen,

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[179/0191] gehen den Sinn und das Herz hat. Und wenn wer dazu verpflichtet iſt, ſo iſt ers! Aber er ſträubt ſich, denn ſo hautain er iſt, ſo konventionell iſt er. Ein kleiner ängſtlicher Aufmerker. Er hört auf das, was die Leute ſagen, und wenn das ein Mann thut (wir müſſen's), ſo heiß ich das Feigheit und lacheté. Aber er ſoll mir Rede ſtehn. Ich habe meinen Plan jetzt fertig und will ihn demütigen, ſo gewiß er uns demütigen wollte.“ Frau von Carayon kehrte nach dieſem Zwiege¬ ſpräch in das Eckzimmer zurück, ſetzte ſich an Victoirens kleinen Schreibtiſch und ſchrieb. „Einer Mitteilung Herrn von Alvensleben ent¬ nehm ich, daß Sie, mein Herr von Schach, heute, Sonnabend Abend, Berlin verlaſſen und ſich für einen Landaufenthalt in Wuthenow entſchieden haben. Ich habe keine Veranlaſſung Ihnen dieſen Landaufent¬ halt zu mißgönnen oder Ihre Berechtigung dazu zu beſtreiten, muß aber Ihrem Rechte das meiner Tochter gegenüberſtellen. Und ſo geſtatten Sie mir denn, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß die Ver¬ öffentlichung des Verlöbniſſes für morgen, Sonntag, zwiſchen uns verabredet worden iſt. Auf dieſe Ver¬ öffentlichung beſteh ich auch heute noch. Iſt ſie bis Mittwoch früh nicht erfolgt, erfolgen meinerſeits andre, durchaus ſelbſtändige Schritte. So ſehr dies meiner Natur widerſpricht (Victoirens ganz zu geſchweigen, 12*

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Zitationshilfe: Fontane, Theodor: Schach von Wuthenow. Leipzig, 1883, S. 179. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fontane_wuthenow_1883/191>, abgerufen am 10.08.2022.